Fußball

Die Lehren des 23. Spieltags Ist ein Fadenkreuz schlimmer als Rassismus?

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Geschmacklos und unangebracht: das Plakat in der Gladbacher Kurve.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Dem FC Bayern misslingt ein Experiment, für den SC Paderborn wird es trotzdem bitter. Borussia Dortmund und RB Leipzig haben etwas, was Borussia Mönchengladbach fehlt. In Köln sorgt nicht nur der Karneval für gute Stimmung. Und der Fußball setzt falsche Prioritäten.

1. Der FC Bayern will es durchziehen

Torhüter Manuel Neuer patzt, das Experiment mit Joshua Kimmich, David Alaba und Lucas Hernández in einer Dreierabwehrkette geht zumindest in Teilen schief, Trainer Hans-Dieter Flick sagt: "Das war nicht so seriös, wie ich mir das vorgestellt habe." Und am Dienstag steht in London (ab 21 Uhr im Liveticker bei ntv.de) an der Stamford Bridge gegen den FC Chelsea der erste Teil des Achtelfinals in der Champions League an. Es steht also nicht gut um den FC Bayern. Oder? Ganz so schlimm ist es nicht. Immerhin haben die Münchner ihre Partie gegen den Tabellenletzten aus Paderborn an diesem 23. Spieltag der Fußball-Bundesliga am Ende mit 3:2 gewonnen und damit erfolgreich die Tabellenspitze verteidigt.

Es spricht viel dafür, dass die Münchner am Dienstag anders auftreten werden. Das wäre nicht zum ersten Mal in der Geschichte des Fußballs so, dass eine Mannschaft erst etwas lockerlässt und sich dann konzentriert, wenn auf ein weniger wichtiges Spiel gegen einen nicht ganz so guten Gegner eins folgt, das dann doch eine etwas höhere Priorität hat. So wird sich Flick gegen den Tabellenvierten der englischen Premier League wohl wieder vom experimentellen 3-4-3-System verabschieden und zum bewährten 4-3-3 zurückkehren.

Das hängt auch damit zusammen, dass die gegen Paderborn gesperrten Verteidiger Benjamin Pavard und Jérôme Boateng wieder dabei sind. Die wichtigere, grundsätzlichere Frage ist vielmehr, ob es die Münchner in der Königsklasse schaffen, nicht nur einen Teil des Spiels nach ihren durchaus vorhandenen Möglichkeiten zu gestalten, was in der Bundesliga meist reicht, sondern im allerbesten Fall konsequent über 90 Minuten. Das dürfte es sein, was der Trainer mit seriös meint. Sollte der Mannschaft das gelingen, stünde es gar nicht so schlecht um den FC Bayern.

2. Borussia Dortmund entwickelt neue Qualitäten

Den Sieg beim abstiegsbedrohten SV Werder Bremen spielt die Dortmunder Borussia nach verhaltener erster Halbzeit souverän heraus. Und entwickelt, wie unser Kollege Stephan Uersfeld aus dem Weserstadion berichtet, neue Qualitäten in der Defensive: "In den Spielen gegen Eintracht Frankfurt, Paris Saint-Germain und nun in Bremen kassierte die Borussia nur noch ein Tor. Trainer Lucien Favre, der bis dahin sein Team suchte, ging alle Partien unverändert an. Dan-Axel Zagadou und Lukasz Piszczek in der Dreierkette neben Mats Hummels und mit Winterneuzugang Emre Can für den angeschlagenen Julian Brandt. Wechsel für mehr Stabilität." Vier Punkte sind es bis zum FC Bayern. Geht da noch was?

3. Gladbach fehlt, was Bayern, BVB und Leipzig haben

Es klingt nach Bolzplatz-Weisheit, gilt aber auch in der Bundesliga: Wer gewinnen will, muss Tore schießen. Das gelingt vor allem drei Teams: Dem FC Bayern (65 Treffer), RB Leipzig (61) und Borussia Dortmund (65). Das sind, so will es der Zufall, auch die Top drei der Tabelle. Borussia Mönchengladbach ist als Vierter - und mit dem rheinischen Derby als Nachholspiel - noch in Schlagdistanz, kommt aber auf "nur" 43 Saisontore. Während das Spitzentrio am Wochenende mindestens doppelt traf und siegte, spielte Gladbach mit einem eigenen Erfolgserlebnis gegen Hoffenheim unentschieden. Was die Bolzplatz-Weisheit unterstreicht. Die Stichprobe ist minimal klein? Stimmt. Trotzdem zeigt sie beispielhaft: Den Fohlen fehlt das, was die anderen drei haben - ein echter, verlässlicher Torjäger.

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Der, der immer trifft.

(Foto: imago images/MIS)

Der beste Schütze ist Alassane Plea, das vom Videobeweis zurückgenommene vermeintliche 2:0 wäre sein neuntes Saisontor gewesen. Hätte der Treffer Bestand gehabt, hätte Plea zu BVB-Stürmer Erling Haaland aufgeschlossen. Wobei der 19-jährige Norweger erst sechs Ligaspiele absolviert hat, Plea 19. Für Dortmund, München und Leipzig schufen - wie so oft - die Abschlussspieler Fakten. Beim FC Bayern machte Robert Lewandowski beim 3:2 gegen Paderborn mit seinen Saisontoren 24 und 25 den Unterschied. Leipzigs Timo Werner netzte beim 5:0 in Gelsenkirchen zum 21. Mal ein und Haaland besiegelte mit seinem 2:0 in Bremen den BVB-Auswärtssieg. Das Trio Lewandowski-Werner-Haaland kommt kombiniert exakt auf ein Tor pro Spiel: 55 Einsätze, 55 Tore. Sie sorgten mit geballter Kraft dafür, dass ihre Teams dreifach punkteten, während Gladbach mit nur einem Tor nur einen Zähler holte. Weil eben oft gewinnt, wer (viele) Tore schießt.

4. Der DFB ist mal konsequent, mal nicht

Zugegeben, ein im Fanblock hochgehaltenes Transparent nehmen deutlich mehr Menschen im Stadion wahr, als wenn eine einzelne Person oder eine kleinere Gruppe irgendwo einen Spruch macht. Und doch ist es symptomatisch für den halbherzigen Anti-Rassismus-Einsatz von DFB und DFL, dass ein Bundesliga-Spiel wegen eines beleidigenden Transparentes unterbrochen wird, während eine Pokalpartie trotz rassistischer Beleidigungen einfach weiterläuft. Die Attacke der Gladbacher Fans auf Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp ist unter der Gürtellinie, das steht völlig außer Frage. Das hat nichts mit Sympathie mit der einen oder anderen Seite zu tun, sondern damit, dass niemandes Gesicht in einem Fadenkreuz erscheinen sollte. Schiedsrichter Felix Brych unterbrach die Partie, TSG-Trainer Alfred Schreuder dachte sogar über einen Spielabbruch nach: "Ich habe gesagt, wenn die Plakate nicht weggehen, dann gehen wir einfach heim." Das ist konsequent gedacht. Und damit das komplette Gegenteil dessen, was beim DFB-Pokal-Achtelfinale zwischen dem FC Schalke 04 und Hertha BSC passierte.

Der Berliner Jordan Torunarigha wurde von S04-Anhängern rassistisch beleidigt. Er regte sich zu Recht darüber auf. Schalke-Angreifer Benito Raman berichtete, Torunarigha habe "auf dem Platz geweint und wollte aufhören". Und dann sagte Raman dem ehemaligen deutschen U21-Nationalspieler das, was in solchen Situationen gerne gesagt wird: Mach weiter, sonst gewinnen die anderen. Schiedsrichter Harm Osmers erfuhr erst später von den rassistischen Angriffen. Und hielt es dann für zu spät, um das Spiel nachträglich zu unterbrechen. Torunarigha erstattete zwar im Nachgang Anzeige gegen Unbekannt, passiert ist aber nichts. Schalke, das seinen Präsidenten Clemens Tönnies nach dessen rassistischer Beleidigung seine "Strafe" selbst auswählen ließ, kündigte aber natürlich an, den Fall zu überprüfen. Der Aktionismus im einen Fall und die Untätigkeit im anderen zeigen aber doch, in welchen Momenten spürbare Konsequenzen angedacht werden und in welchen eben nicht. Dabei geht es nicht darum, die einzelnen Beteiligten anzugehen, das Verhalten von Brych, Schreuder, Osmers und Raman belegt letztlich bloß, wie ernst es dem Fußball tatsächlich ist. Was wenig verwunderlich erscheint, wenn doch der DFB-Integrationsbeauftragte Cacau im Interview mit RTL/ntv sagt, er selbst habe noch nie Rassismus erlebt.

5. Paderborn hält mit, mehr aber nicht

Nur vier Siege aus 23 Spielen, insgesamt gerade einmal 16 Punkte, dazu Tabellenplatz 18. Die Zahlen des SC Paderborn klingen niederschmetternd. Dazu kam bereits am Freitagabend das "bitterste Spiel, das wir hatten", wie Geschäftsführer Martin Przondziono nach dem 2:3 beim FC Bayern sagte. Zweimal glich das Schlusslicht beim Rekordmeister aus, erst in der 88. Minute erlöste Robert Lewandowski die Münchner. So entglitt Paderborn der Sensations-Punkt. Und weil Düsseldorf tags darauf in Freiburg siegte, wuchs der Abstand zu Relegationsplatz 16 auf vier Punkte. Trotz des nahenden Abstiegs gibt es viel Lob für die Ostwestfalen. Denn allwöchentlich zeigt die Mannschaft, das Trainer Steffen Baumgart ihnen einen Plan an die Hand gibt und diesen konsequent umsetzt. Allein, es fehlt die individuelle Qualität, um daraus regelmäßig Zählbares zu machen.

Dabei war der starke Auftritt beim FC Bayern nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel, wenn es gegen Top-Teams geht: gegen die Münchner gab es bereits im Hinspiel ein 2:3, genauso in Leverkusen und gegen Leipzig. In Dortmund führte der SCP zur Halbzeit mit 3:0, am Spielende dann 3:3. Przondziono hofft deshalb trotz der erneuten Niederlage, die Leistung "sollte uns Auftrieb geben, dass wir mithalten können". Mithalten allein reicht allerdings nicht, um den Abstieg zu verhindern. Dafür müssen jetzt dringend Punkte her und das gegen die unmittelbare Konkurrenz: Erst geht es zum Tabellen-15. nach Mainz, dann gegen Mitaufsteiger Köln und schließlich zur Fortuna nach Düsseldorf, die auf dem aus SCP-Sicht begehrenswerten 16. Platz steht, der zur Relegation berechtigt. Przondziono ist zuversichtlich: "Wir sind immer wiedergekommen, wir werden wieder aufstehen."

6. Markus Gisdol, Kölner Retter

Für Heimfans waren die beiden Duelle zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Köln nichts. In der Domstadt siegten die Berliner mit 4:0, im Rückspiel revanchierten sich die Kölner nun mit einem 5:0. Nach alter Europapokal-Logik wäre der Effzeh damit eine Runde weiter, in der Bundesliga-Tabelle zog Köln nach Punkten gleich mit dem Big-City-Club, der gerade in eine große Krise rutscht, und steht dank der besseren Tordifferenz nun auf Platz 13. Als Markus Gisdol die Kölner im November übernahm, lag der Aufsteiger auf Rang 17. Bis dahin hatte der Effzeh in elf Spielen magere sieben Punkte gesammelt, seitdem sind es wiederum elf Partien - in denen es 19 Punkte gab. Als Gisdol vorgestellt wurde, gab es Kopfschütteln, Verwunderung, Fragezeichen, ob er wirklich der Trainer ist, der die Mannschaft stabilisieren kann. Er selbst sagte: "Ich habe die Fähigkeit, Spieler mit einfachen Hilfen schnell auf den richtigen Weg zu bringen."

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Markus Gisdol kommt aus dem Jubeln (fast) nicht mehr heraus.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Stimmt offensichtlich. Ein wenig Anlaufzeit brauchte es, aber seit Mitte Dezember gewann Köln sechs von acht Spielen, erzielte dabei 21 Tore. Pleiten gab's nur in Dortmund (1:5) und gegen den FC Bayern (1:4). Dafür aber Siege unter anderem gegen den rheinischen Nachbarn aus Leverkusen und in den Abstiegskampf-Duellen gegen Bremen und in Berlin. Kein Wunder also, dass Gisdol nun zur ausgiebigen Karnevalsfeier aufrief, nachdem er schon vor Anpfiff damit motiviert hatte. "Er hat gesagt, wir spielen heute für unsere Stadt, weil wir in den Tagen sind, wo es ein bisschen außer Rand und Band ist", berichtete Geschäftsführer Horst Heldt.

Der Stimmungstempel wird verstummen. Keine Gesänge, keine Choreografie, nicht einmal Zuschauer im Unterrang der Nordwestkurve sollen das "Trauerspiel" zwischen der SG Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Union Berlin (Montag 20.30 Uhr/DAZN und im Liveticker bei ntv.de) begleiten. "Wir sind keinesfalls bereit, eine gute Miene zum Montagsspiel zu machen!", heißt es in der gemeinsamen Mitteilung der Frankfurter Fanszene. Dass die DFL nach der Saison 2020/2021 keine Partien an einem Montag mehr ansetzen wird, stellt große Teile der Anhänger dabei nicht zufrieden. Sie kritisieren die Zerstückelung des Spieltags, die sich ab 2021 dann eben in Form von fünf Sonntagsspielen um 19.30 Uhr äußern wird. "Das ist dann zwar nur noch halbscheiße, aber bestimmt kein Grund für lauten Applaus."

Quelle: ntv.de