Fußball

Dortmunds ungewohnte Qualität Für den Angriff muss der BVB verteidigen

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Dan-Axel Zagadou stabilisiert die Defensive - und trifft in Bremen zur Führung.

(Foto: imago images/MIS)

Im Kampf um die Meisterschaft ist Borussia Dortmund das übersehene Team. Dabei zeigt der BVB beim Sieg in Bremen, welchen wichtigen Wandel Trainer Lucien Favre angestoßen hat. Was auch hilft: Die norwegische Naturgewalt Haaland trifft und trifft und trifft.

Nachdem sich Lucien Favre angemessen über den 2:0-Sieg in einem "sehr, sehr schweren Spiel" beim SV Werder Bremen gefreut hat, redet er sich noch einmal kurz in Rage. "Wir verlieren den Ball nach dem 3:3, vielleicht 30 Sekunden, eine Minute. Wir können 3:3 machen. Es wäre perfekt. Wir wollen immer siegen, aber 3:3 manchmal müssen wir das akzeptieren." Favre redet da über die 3:4-Niederlage in Leverkusen, die seine Mannschaft vor nur zwei Wochen erneut an den Rand einer Krise manövriert hatte.

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"Es ist für alle Mannschaften der Welt so", sagte Favre: Alle müssen mitarbeiten.

(Foto: imago images/MIS)

Die Niederlage in Leverkusen bildete den Abschluss einer wilden Anfangsphase im Jahre 2020. In der Fußball-Bundesliga überrollte die Borussia mit der Naturgewalt Erling Haaland erst Augsburg mit 5:3, dann die Aufsteiger Köln und Union mit 5:1 und 5:0. Doch im Pokal setzte es ei 2:3 in Bremen und in der Liga mussten die Dortmunder nach der Pleite in Leverkusen erst einmal nach hinten blicken. Zwar gelangen in nur fünf Spielen 20 Tore, doch die acht Gegentore ließen erneut Zweifel am Kader, am Trainer und an der Zukunft aufkommen. Danach passierte etwas in Dortmund.

In den Spielen gegen Eintracht Frankfurt, Paris Saint-Germain und nun in Bremen kassierte Borussia nur noch ein Tor. Favre, der bis dahin sein Team suchte, ging alle Partien unverändert an. Dan-Axel Zagadou und Lukasz Piszczek in der Dreierkette neben Mats Hummels und mit Winterneuzugang Emre Can für den angeschlagenen Julian Brandt. Wechsel für mehr Stabilität. Gegen Frankfurt und Bremen ließ der BVB insgesamt 0.25 Expected Goals zu. Dieser Wert beziffert die Gesamtqualität der Chancen. Das Modell berechnet für jeden Torschuss, wie hoch die Chance auf ein Tor wirklich war. Ein Elfmeter hat den Wert 0.76.

"Das ist logisch. Jeder weiß das"

"Es ist für alle Mannschaften der Welt so: Wenn die Stürmer und Flügelspieler nicht arbeiten, Du kannst nicht. Das ist logisch. Jeder weiß das. Es ist sehr, sehr wichtig. Es hilft im Mittelfeld. Nachher Mittelfeld helfen auch die Abwehr. Und so und so", erklärte Favre nach dem Spiel. Er wird sich auch an eine Szene in der 23. Minute erinnert haben. Vorlagenkönig Jadon Sancho ließ sich nicht abschütteln, ihn zog es im Bremer Regen von seiner angestammten linken Angriffsseite vor die Trainerbänke auf der rechten Dortmunder Seite. Er wollte den Ball haben und irgendwann gewann er diesen Zweikampf. Er kämpfte, er klärte und hinten stand Mats Hummels und applaudierte. "Wenn die Stürmer und Flügelspieler nicht arbeiten, Du kannst nicht. Das ist logisch."

Es war eine mühsame erste Hälfte. Für Dortmund, das nach der Champions League ohne Tempo spielte und in der 43. Minute erstmals aufs Tor schoss; und auch für Bremen, das wollte, hoch presste und seine Chance suchte, sie aber gegen einen konzentrierten BVB nicht fand. "Wir haben alle sehr gut verteidigt. Wir haben von der ersten bis zur letzten Minute souverän in der Defensive gestanden", sagte Keeper Roman Bürki. "Es ist klar, dass wir in der Offensive mit unserer Qualität unsere Chancen bekommen."

Auch dem Schweizer hing noch das Leverkusen-Spiel nach. Er hoffe, sagte er, dass dort klargeworden sei, dass man nicht immer fünf Tore schießen müsse, um zu gewinnen. "Das ist nicht möglich. Aber wenn man kein Tor kassiert, dann verlierst Du das Spiel nicht." Und wenn Du Borussia Dortmund heißt, gewinnst Du das Spiel. Nur zweimal, im Derby auf Schalke und bei der Pleite in München, blieb der BVB in bislang 23 Saisonspielen ohne eigenen Treffer. Und so war es nur eine Frage der Zeit bis zum Führungstor gegen verzweifelt kämpfende Bremer, die in nun elf Heimspielen nur fünf Punkte holten und nur acht Tore schossen.

Haalands Quote: 40 in 30

Dafür war in der Winterpause eigentlich Davie Selke verpflichtet worden. Doch der vom Big City Club heimgekehrte Stürmer verantwortete auf der Gegenseite den ersten Treffer der Dortmunder. Nach einer Jadon-Sancho-Ecke wuchtete Zagadou seinen Fuß vor Selkes und traf in der 53. Minute zum 1:0 für die Borussia. Die bekam nun mehr Tempo in die Aktionen. Das 2:0 in der 66. Minute war zwangsläufig. Haalands obligatorischer Treffer war eine Kopie des dritten Tores gegen Frankfurt in der vergangenen Woche. Hakimi und Sancho kombinierten sich mit einem Doppelpass in den Strafraum der Bremer, der Norweger bewegte sich in Richtung kurzer Pfosten, überrumpelte seinen Gegenspieler und traf aus kurzer Distanz.

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Davie Selke passt nicht auf, Zagadou nutzt das sofort.

(Foto: imago images/Joachim Sielski)

"Vor dem Tor ist er ein Killer", sagte Axel Witsel über den 19-jährigen Rekordbrecher, der vereins- und wettbewerbsübergreifend in dieser Saison nun 40 Treffer in nur 30 Spielen erzielt hat, 12 davon in acht Einsätzen für den BVB. Sehr zur Freude des Dortmunder Anhangs und des Ex-Bundesligaspielers Jan Aage Fjörtoft, der Haaland für einen norwegischen TV-Sender hinterherreist.

Sprechen darf der Norweger nicht

"Haaland hat eine Obsession für Tore", erklärte Favre dem Ex-Stürmer nach dem Spiel. Fjörtoft wirkte ein wenig traurig. Haaland durfte nicht sprechen. Und so erzählte stattdessen Witsel davon, dass man sehr glücklich sei ihn im Team zu haben, aber zum Schluss, das habe man ihm so auch gesagt, hätte er mehr "kollektiv" denken müssen. Da war Haaland, der bereits gegen Paris beinahe den Weltrekord über 60 Meter gebrochen hätte, mit dem Ball durchgebrochen, hatte mit seinem Tempo alle abgeschüttelt, doch am Ende in einer Fünf-gegen-zwei-Situation den Abschluss gesucht. Die falsche Entscheidung. Und so sackte er am Bremer Pfosten zusammen. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Zum Sieg langte es trotzdem.

Als alles vorbei war standen Michael Zorc, Lucien Favre und Mats Hummels vor dem kleinen Fernseher in der Bremer Mixed Zone. Sie sahen die Nachspielzeit des Spiels Borussia Mönchengladbach gegen TSG Hoffenheim. Das 1:1 spielte den Dortmundern in die Karten. Während im fernen Borussia-Park die Uhr runtertickte, verschwanden Trainer und Spieler in die Kabine. Der Sportdirektor sprach in die Mikrofone. Ohne Euphorie. Zorc adressierte den komplizierten Start. "Wir hatten eher Probleme im Vorwärtsgang. Dafür standen wir sehr solide und sehr sicher. Am Ende haben wir es dann über die Qualität zu Ende gespielt", sagte er und mahnte Konzentration an: "Wir müssen immer weiterarbeiten."

Worauf es für den BVB ankommt

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"Wir standen sehr solide und sicher", so BVB-Sportdirektor Zorc.

(Foto: imago images/MIS)

Nach 23 Spieltagen bleibt Borussia Dortmund in zwei Kämpfe verwickelt. Sie sind weiterhin vier Punkte hinter Spitzenreiter Bayern München und drei Punkte hinter RB Leipzig. Im Meisterschaftskampf sind sie momentan das übersehene Team. Im Kampf um die Champions-League-Plätze haben sie vor Leverkusens sonntäglichem Heimspiel gegen Augsburg fünf Punkte Vorsprung vor Bayern und zwei vor Gladbach, denen jedoch das ausgefallene Derby gegen Köln fehlt.

Sie sind die Mannschaft mit der Naturgewalt Erling Haaland. Sie sind die, die immer treffen. Um noch einmal oben anzugreifen, muss die Borussia nun weiter verteidigen. Die Stürmer und Flügelspieler helfen dem Mittelfeld, das Mittelfeld der Abwehr. Lucien Favre hat den Plan skizziert. Über Leverkusen ärgert er sich immer noch. Und das meint alles.

Quelle: ntv.de