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Rassismus im Fußball Wenn Einzelfälle erstaunlich regelmäßig sind

Mit diesem Trikot lief Fußball-Zweitligist FC St. Pauli in der Saison 2015/16 einmal auf. Seit dem hat sich wenig geändert.

Mit diesem Trikot lief Fußball-Zweitligist FC St. Pauli in der Saison 2015/16 einmal auf. Seit dem hat sich wenig geändert.

(Foto: imago/Oliver Ruhnke)

Inter Mailands Stürmer Romelu Lukaku muss sich auf Sardinien Affenlaute anhören, um dann von den eigenen Fans erklärt zu bekommen: "Das war nur Unterstützung!" Mal wieder wird klar: Rassismus ist ein großes Problem im europäischen Fußball - und es geht längst nicht mehr um Einzelfälle.

Auf St. Pauli hängt das Transparent wie eine Mahnung, weiß auf rot, einige Dutzend Meter lang: "Kein Fußball den Faschisten." Auch dieser Tage beim Training der deutschen Nationalmannschaft. Das ist durchaus erwähnenswert, noch 2014 verhängte der DFB im Zuge politischer Neutralisierung einen Teil der Botschaft. Dort stand dann ironischerweise: "Kein Fußball." Dass dies "ein Fehler" war, der sich nicht wiederholen wird, hat der Verband am Dienstag nochmals bekräftigt - ein gutes Zeichen in Zeiten, in denen Rassismus im Stadion wieder ein größeres Thema wird.

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Scheinbar hat man beim DFB aus der Affäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan bei der WM gelernt. "Unsere Meinung ist ganz klar", betonte Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff: "Es gibt immer wieder Einzelfälle, da müssen wir unsere Stimme erheben. Das Wichtigste ist, dass jeder Einzelne das auch lebt. Und das tun wir bei der Nationalmannschaft."

Ganz anders in Italien, wo sich diese "Einzelfälle" mit erstaunlicher Regelmäßigkeit wiederholen. Romelu Lukaku, Stürmer von Inter Mailand und der belgischen Nationalmannschaft, wurde im Spiel bei Cagliari Calcio am Sonntag übel mit Affenlauten beleidigt. Lukaku veröffentlichte danach einen emotionalen Appell gegen Diskriminierung im Internet. International bekam er dafür viel Mitgefühl und Unterstützung ausgedrückt - doch dann fielen ihm die eigenen Fans in den Rücken.

Affenlaute seien gar kein "echter Rassismus"

Ob Romelu Lukaku seinen Wechsel nach Italien wohl schon bereut?

Ob Romelu Lukaku seinen Wechsel nach Italien wohl schon bereut?

(Foto: imago images / Sportimage)

"Italiener sind keine Rassisten!", schreibt Inters Ultra-Gruppe "L'urlo della Nord" ("Der Schrei des Nordens") bei Facebook in einem offenen Brief an den "lieben Romelu". Dort heißt es - und dabei bleibt einem wirklich die Spucke weg: "Es tut uns leid, wenn du dachtest, dass das in Cagliari Rassismus war. Du musst verstehen, dass Italien nicht wie viele andere nordeuropäische Länder ist, wo Rassismus ein echtes Problem ist." Und weiter: "In Italien nutzen wir manche 'Methoden', nur, um unserem Team zu helfen und den Gegner nervös zu machen. Nimm es doch als eine Form des Respekts: Sie hatten Angst, dass du ein Tor schießen könntest." Die Cagliari-Fans wollten also nur ihrer Mannschaft helfen. Mit Affenlauten. 2019.

Auch außerhalb Italiens werden Spieler immer wieder mit Rassismus konfrontiert. So wurde unter anderem Manchester Uniteds Weltmeister Paul Pogba nach einem Elfmeter-Fehlschuss von Anhängern seines eigenen Vereins online heftig beleidigt. Und erst im März wurden englische Nationalspieler während des EM-Qualifikationsspiels in Montenegro rassistisch geschmäht. Damals traf es Raheem Sterling, Callum Hudson-Odoi und Danny Rose. Jadon Sancho von Borussia Dortmund erlebte das Spiel damals auf der Bank. Nun äußerte sich der Borusse erneut: "Es muss aufhören. Niemand will Fußball spielen und dabei derart beleidigt werden", so Sancho. "Die Liebe zum Sport wird sehr schnell verloren gehen, wenn das nicht aufhört."

Und in Deutschland? Hier trugen Ordner von Dynamo Dresden zuletzt Nazi-Shirts, der Chemnitzer FC hat ein gewaltiges Problem mit organisierten Rechtsextremen, und der Schalker Vorstandschef Clemens Tönnies redet über Afrikaner wie über Hölenmenschen. Auch die Diskussion über Bakery Jatta beim Hamburger SV hat Rassisten aus der Deckung gelockt. Selbst Eintracht Frankfurt, dessen Präsident häufig gegen Rassismus Stellung bezieht, musste sich zuletzt mit antisemitischen Ausfällen seiner Fans gegen einen israelischen Schiedsrichter befassen.

Der Dummheit wegen

"Es geht nicht nur um die Sozialen Netzwerke", warnt deshalb Sancho, und beteuert: "Wir sind auch nur Menschen. Viele denken, wir seien gegen so etwas immun, weil wir berühmt sind, aber wir lieben diesen Sport und wollen einfach nur kicken." Wenn er rassistische Vorfälle sehe, denke er sich: "Warum spiele ich eigentlich Fußball?" Ja, warum eigentlich? Sicher nicht, um seiner Hautfarbe (und vor allem der Dummheit anderer) wegen angefeindet zu werden.

Rassisten regen den 19-jährigen Dortmunder Jadon Sancho auf.

Rassisten regen den 19-jährigen Dortmunder Jadon Sancho auf.

(Foto: imago images / Revierfoto)

Doch was Italiens Nationaltrainer Roberto Mancini zuletzt sagte, ist inzwischen viel zu häufig gesagt worden: "Die Hoffnung ist, dass solche Vorfälle nie wieder vorkommen. Die Mehrheit der Fans tut ihr Bestes, um solche Situationen zu vermeiden. Leider gibt es aber auch dumme Personen. Ich hoffe, dass es immer weniger werden." Anscheinend zumindest nicht in Cagliari. Auf Sardinien hatten sich bereits Moise Kean und Blaise Matuidi bei ihrem Gastspiel mit Juventus Turin in der vergangenen Saison Affenlaute anhören müssen. Immerhin: Liga-Chef Gaetano Micciche kündigte für Oktober eine großangelegte Anti-Rassismus-Kampagne an - alle 20 Serie-A-Klubs sollen sich beteiligen. Auch Cagliari und Inter Mailand.

Quelle: n-tv.de, Thomas Nowag, sid

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