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Wer hat Schuld an Corona-Plage? "Hätten Pandemie nicht verhindern können"

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Die Welt sieht rot - die Coronavirus-Pandemie hat mittlerweile den gesamten Globus erfasst.

(Foto: imago images/xim.gs)

Die Welt sehnt sich nach einem Ende des Corona-Albtraums und fragt sich: Wäre dieser vermeidbar gewesen? Mit ntv.de spricht Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht über mögliche Versäumnisse zu Beginn der Pandemie. Und darüber, ob der WHO eine Mitschuld zukommt.

ntv.de: Herr Dr. Specht, heute wollen wir mal einen Blick zurück werfen mit der Frage: Hätte die Coronavirus-Pandemie verhindert werden können? Etwa, wenn China die Welt früher informiert hätte?

Dr. Specht: Als die Welt von diesem neuen Virus erfuhr, hatte es in der Provinz Hubei offensichtlich schon eine ganze Zeit sein Unwesen getrieben. China hat sich Zeit gelassen mit der Information darüber, allerdings nicht so viel Zeit wie noch vor 18 Jahren zur ersten Sars-Pandemie. Zudem hat China relativ zeitgleich drakonische Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen. Man kann sicher sagen, hätte China dies nicht getan, dann wäre die Welle noch viel heftiger geworden. Und sie wäre vor allen Dingen noch viel schneller zu uns gekommen. Insofern hat China das schon richtig gemacht. Aber natürlich wäre es besser gewesen, wenn wir etwas früher Informationen gehabt hätten.

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Dr. Christoph Specht ist Arzt und Medizinjournalist - bei ntv.de beantwortet er regelmäßig Fragen zum Thema Coronavirus.

(Foto: PhotoMo)

Anfang Januar gab es hierzulande die ersten Meldungen über die neuartige Lungenkrankheit, zu dieser Zeit wurden in Hongkong schon die ersten Fieber-Messgeräte am Flughafen installiert und Reisende aus Wuhan gesondert kontrolliert. Hat man hierzulande vielleicht zu spät reagiert?

Ich glaube nicht, dass wir, zum Zeitpunkt als wir davon erfuhren, wesentlich viel hätten anders machen können. Natürlich hat Deutschland relativ lange zugelassen, dass Flugzeuge aus China hierherkommen können, auch ohne Testung. Das würde man vermutlich bei der nächsten drohenden Pandemie anders machen und schneller Maßnahmen ergreifen. Man hätte die Pandemie damit meines Erachtens aber auch nicht verhindern können. Wohl aber etwas mehr Zeit gewonnen.

Hat die Weltgesundheitsorganisation WHO vielleicht eine Mitschuld an der späten Reaktion vieler Staaten? Schließlich hat sie erst am 11. März den Sars-CoV-2-Ausbruch zur Pandemie erklärt, also zu einer globalen Seuche, die eben nicht mehr nur auf China beschränkt ist.

Die WHO wurde in der Vergangenheit gescholten, zu spät reagiert zu haben - etwa bei der Ebola-Epidemie 2014. Meiner Ansicht nach auch zu Recht. Allerdings hat die WHO ihre Fehler erkannt und es bei den nachfolgenden Ebola-Epidemien besser gemacht. Bei einer Pandemie, wie jetzt der von Sars-CoV-2, steht die WHO natürlich immer vor dem Problem, die Balance zu finden zwischen nötiger Warnung einerseits, und andererseits dem Vermeiden von Panik. Und das ist sehr, sehr schwierig, weil auch die WHO trotz ihrer ganzen Spezialisten nicht allwissend ist. Und bei einer Pandemie, die immer mit einem neuen Erreger zu tun hat, kann auch die WHO nicht genau sagen, wie es sich entwickelt.

Kann man denn wirklich zu viel oder zu früh warnen vor einer Pandemie?

Man denke an die sogenannte Schweinegrippe 2009, die von der WHO zunächst auch als Pandemie eingestuft worden war. Am Ende verlief der Ausbruch aber vergleichsweise glimpflich, die krankmachende Wirkung war nicht sehr groß. Allerdings gab es dann große Vorwürfe, man hätte das alles viel zu alarmistisch gesehen.

Mal ein Blick in die Zukunft: Bräuchte es nicht eine andere Art von Weltgesundheitsorganisation, die bei Pandemien schnell wirksame Maßnahmen für alle Staaten anordnen könnte - wie etwa Fieberkontrollen an Flughäfen oder Einreisebeschränkungen?

Die WHO ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, und die Staaten sind freiwillig bei ihr Mitglied. Sie hat eigentlich immer nur empfehlenden Charakter. Sanktionsmöglichkeiten hat die Organisation nicht, aber die Mitgliedstaaten setzen die WHO-Empfehlungen fast immer um. Ich glaube nicht, dass eine andere Organisationsform bei Pandemien wesentliche Unterschiede machen würde. Hätte die WHO Sanktionsmöglichkeiten, wäre das auch die Entwicklung hin zu einer autoritären Regierung. Auch wenn es nur in Gesundheitsdingen wären, mit denen ließen sich dann auch andere politische Interessen verkleiden.

Mit Dr. Christoph Specht sprach Kai Stoppel

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Quelle: ntv.de