Wissen

Reisanbau, Kühe, Müll und Erdgas Methan - potente Zwischenlösung fürs Klima

243949530.jpg

Kühe und Mülldeponien gehören zu den großen Methanquellen.

(Foto: picture alliance/dpa/ZUMA Wire)

Die Weltgemeinschaft steuert darauf zu, ihre Klimaziele zu verpassen. Mal wieder. Dabei gibt es einen erstaunlich simplen Weg, mit dem sich Staaten und Regierungen Zeit erkaufen können: den Ausstoß des sehr wirksamen Treibhausgases Methan zu reduzieren.

COP26, die Weltklimakonferenz in Glasgow, beginnt mit einem Fehlstart: Zwei der größten Luftverschmutzer sind gar nicht in Schottland dabei, die Staats- und Regierungschefs der übrigen G20-Staaten produzieren heiße Luft statt verbindlicher Zusagen. Die Erderwärmung, wie im Abkommen von Paris vereinbart, auf 1,5 Grad Celsius bis 2100 zu begrenzen, ist damit so gut wie ausgeschlossen. Bereits kurz vor dem Gipfeltreffen in Glasgow hatten die Vereinten Nationen (UN) bekannt gegeben, dass die Weltgemeinschaft ihre Klimabemühungen versiebenfachen muss, wenn sie dieses Ziel erreichen will. Passiert das nicht, droht eine Temperaturerhöhung in den kommenden 80 Jahren um 2,7 Grad Celsius.

Aber die Klimaexperten der UN haben einen Vorschlag: Kurzfristig sei es wichtig, den weltweiten Methan-Ausstoß zu reduzieren, schreiben sie. Das sei das viel potentere Klimagas als Kohlenstoffdioxid (CO2). Auf diese Weise könne sich die Welt wertvolle Zeit erkaufen.

Es handele sich um zwei verschiedene Argumentationslinien, erklärt Torsten Sachs im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Ich kann sagen: Gerade, weil CO2 Jahrhunderte in der Atmosphäre bleibt und den größeren Anteil der Treibhausgase ausmacht, muss ich mich als Erstes darum kümmern", sagt der Atmosphärenphysiker vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. "Oder ich sage: Methan ist pro Molekül effektiver und bleibt nicht so lange in der Atmosphäre. Damit kann ich einen schnellen Effekt erzielen."

Hunderttausende Jahre in der Atmosphäre

Die Klimaexperten der UN schätzen, dass der Ausstoß von Treibhausgasen um mehr als die Hälfte reduziert werden muss, sollen die Ziele von Paris noch erfüllt werden. Das wird im Falle von CO2 schwer, denn das ist das langlebige Rückgrat der weltweiten Industrie. Nach Angaben des Bundesumweltamtes (UBA) finden sich selbst 1000 Jahre nach dem Ausstoß noch immer etwa 15 bis 40 Prozent CO2 in der ⁠Atmosphäre wieder. Der gesamte Abbau dauert mehrere Hunderttausend Jahre.

Deshalb reicht es auch nicht, den CO2-Ausstoß zu senken, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen. Es muss gebunden, also wieder aus der Atmosphäre herausgezogen werden, damit ein kühlender Effekt eintritt. Zum Beispiel durch Seegraswiesen im Wasser oder indem wir mehr Bäume pflanzen und Moore wieder bewässern.

Anders ist es bei Methan, dem "kleineren" der beiden Treibhausgase, wie Torsten Sachs erklärt. Das habe nur eine Verweilzeit von 8 bis 15 Jahren in der Atmosphäre - und ist gleichzeitig auch noch viel potenter als CO2, wie der Treibhausgas-Experte erzählt. Der doppelte Vorteil: CH4, so die chemische Schreibweise, verschwindet schneller und hat gleichzeitig einen größeren Kühleffekt. Und der dritte: Einige Lösungsansätze sind erstaunlich simpel.

Tickende Zeitbombe unter der Arktis

Methan entsteht zu 40 Prozent auf natürliche Weise. In Mooren und anderen Gewässern. Es entweicht zum Beispiel, wenn in Polarregionen Permafrostböden auftauen und neue Sümpfe entstehen - das ist die tickende Zeitbombe unter der Arktis.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Gut 60 Prozent des Methans, das sich in der Atmosphäre sammelt, ist auf die eine oder andere Weise aber menschengemacht. Zum Beispiel beim Reisanbau. Die riesigen Reisterrassen in Süd- und Südostasien sehen zwar schön aus, haben aber eine verdammt schlechte Klimabilanz. "Man weiß aber, dass der Ausstoß um die Hälfte reduziert werden kann, wenn die Felder nicht die ganze Zeit geflutet bleiben, sondern nach der Ernte trocken gelegt werden", erzählt GFZ-Forscher Sachs. Ein positiver Nebeneffekt: Die Bauern könnten Wasser sparen und ihren Ertrag erhöhen.

Auch Kühe sind ein Problemfall, sie rülpsen und pupsen Methan. In Mist und Gülle findet sich das Klimagas ebenfalls wieder, deshalb sind auch organische Abfälle auf Mülldeponien ein Problem. Alles wird auf einen Haufen geworden, verrottet und bildet durch die biochemischen Abbauprozesse gefährliche Klimagase. In Deutschland müssen deshalb alle Deponien abgedichtet sein, die Gase werden aufgefangen und teilweise sogar zur Energiegewinnung genutzt.

Erdgas - saubere Brückentechnologie?

Mehr zum Thema

Strenge Vorgaben, die sich andere Länder nicht leisten können oder wollen - wie die Erdgasindustrie beweist. Laut Satellitendaten sind die Fracking-Gebiete in den USA eine ebenso große Methanquelle wie russische Fördergebiete oder die Region um Aserbaidschan in Zentralasien. Dort gebe viele Leckagen oder undichte Stellen, sagt Torsten Sachs: Rohre, Kompressor- oder Pumpstationen. "Es wird viel aneinandergeflanscht, nicht alles ist hundertprozentig dicht. Da könnte man leicht ansetzen", betont der Treibhausgas-Experte. Erdgas werde immer als saubere Brückentechnologie gegenüber Öl und Kohle verkauft. "Das stimmt aber nur beim Verbrennen. Wenn beim Transport und beim Fördern große Mengen entweichen, ist dieser Effekt dahin."

Ein bekanntes Problem, sagt der Atmosphärenphysiker, das nach Angaben der Vereinten Nationen auch noch günstig zu beheben wäre: Vier von fünf Maßnahmen könnte die Erdgasindustrie kostenfrei umsetzen. Trotzdem passiert wenig - obwohl die Lösungen schnelle Hilfe versprechen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.