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Wiederkäuer im Klima-Labor Klimakiller Kuh "ist irreführendes Narrativ"

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"Die Rolle der Wiederkäuer beim Klimawandel ist mindestens um den Faktor 3 bis 4 überschätzt worden", sagt Wilhelm Windisch.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

Kühe rülpsen und pupsen Methan. Dafür können sie nichts, trotzdem sind sie Klimakiller. Oder etwa doch nicht? So sieht es Wilhelm Windisch. "Diese Haltung ist nicht mehr tragbar", sagt der Agrarwissenschaftler von der Technischen Universität München (TUM) im "Klima-Labor" von ntv. Es gebe heute nicht viel mehr Kühe als vor 100 oder 150 Jahren, die zudem noch wesentlich mehr leisten als früher. "Auch der Weltklimarat IPCC, die Klima-Götter sozusagen, haben das akzeptiert: Die Rolle der Wiederkäuer ist mindestens um den Faktor 3 bis 4 überschätzt worden", erzählt Windisch. Er argumentiert sogar, dass gesunde Nutztierhaltung für die Umwelt sehr sinnvoll ist: "Ein Wiederkäuer hat diese tolle Fähigkeit, dass er nicht essbare Biomasse wie Gras oder Heu zu sich nehmen und ohne Nahrungskonkurrenz zum Menschen daraus Eiweiß bilden kann." Ein Vorteil sogar gegenüber veganer Ernährung.

ntv.de: Sie haben den Lehrstuhl für Tiernahrung an der Technischen Universität München inne, weisen aber sofort darauf hin, dass Sie nicht für die Tierhaltungslobby arbeiten. Wer könnte denn auf diese Idee kommen?

Wilhelm Windisch: Wir beschäftigen uns mit der professionellen Ernährung von landwirtschaftlichen Nutztieren. Denen sind viele Leute nicht so gut gesinnt, sie würden Nutztiere am liebsten verbannen. Das ist schon eine Diskussion, die wir in der Öffentlichkeit haben.

Und Ihre Position ist: Die Methan-Emission von Wiederkäuern wird in der Öffentlichkeit sehr verzerrt dargestellt.

Ja, da muss man nur mal kurz in die Zeitungen gucken oder mit den eigenen Kollegen sprechen. Den Wiederkäuern wird ein enormer Beitrag an der Klimaerwärmung zugemessen, so 15 bis 20 Prozent. Das sind Dinge, die gehen auf die Anfänge zur Klimaforschung zurück, da hat man es einfach nicht anders gewusst. Diese Haltung ist heutzutage nicht mehr tragbar.

Das heißt, "Klimakiller Kuh" stimmt nicht?

Das ist ein irreführendes Narrativ.

Warum? Es ist doch Tatsache, dass Kühe sehr viel Methan ausstoßen.

Methan ist ein sehr wirksames Klimagas, Wiederkäuer produzieren auch weltweit sehr viel Methan. Auch in Grasland-Ökosystemen.

Schafe zum Beispiel?

Ja. Sehen Sie sich mal die Serengeti an. Das sind Abermilliarden Wiederkäuer. Die hängen von der Evolution her mit Graslandschaften zusammen. Die haben sich seit 30 Millionen Jahren gemeinschaftlich entwickelt. Das ist eine biologische, ökologische Einheit.

Aber den Klimaforschern geht es ja nicht um die Wiederkäuer in der Serengeti, sondern vor allem um die massenhafte Haltung von Kühen. Und Sie sagen, die sind kein Problem für das Klima?

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Wilhem Windisch hat den Lehrstuhl für Tierernährung an der Technischen Universität München inne.

(Foto: privat)

Das kann man durchaus so sagen, denn wir verwechseln immer Konzentration mit Emission. Das sind zwei verschiedene Dinge. Die Konzentration an Methan in der Atmosphäre ist wie eine Badewanne: Wenn man Wasser reinlaufen lässt und unten den Stöpsel zieht, dann läuft es wieder raus und ich habe einen gleichbleibenden Wasserstand. So ist es mit dem Methan. Was die Kühe emittieren, wird in wenigen Jahren abgebaut. Das ist ein Gleichgewicht: Solange man die Anzahl der Tiere oder den Futterverzehr nicht erhöht, hat diese Emission keine weitere Steigerung der Konzentration in der Atmosphäre zur Folge und damit auch keine Erhöhung der Temperatur. Das ist beim CO2 ganz anders. Wenn Sie Kohlendioxid emittieren, bleibt das Jahrtausende in der Atmosphäre. Das kriegen Sie nicht mehr raus, Sie müssen es irgendwie aktiv binden.

Aber genau das ist doch das Problem. Durch die Massentierhaltung haben wir viel zu viele Kühe.

Die Massentierhaltung ist es nicht. Es gibt heute nicht viel mehr Kühe als vor 100 oder 150 Jahren, da täuscht man sich. Man hat auch früher sehr viele Wiederkäuer als Nutztiere für die Arbeit gehabt. Was sich verändert hat, ist die Futteraufnahme. Heutzutage fressen die natürlich mehr. Ich würde sagen, etwa doppelt so viel. Dann hat man gegenüber der vorindustriellen Zeit vielleicht die doppelte Menge an Methan. Aber sie leisten auch wesentlich mehr. Wenn man das hochrechnet, ist die Methan-Emission viel geringer als früher. Diese Methan-Bürde, die ein Wiederkäuer hat, verdünnt sich sozusagen. Auch der Weltklimarat IPCC, die Klima-Götter, haben das akzeptiert: Die Rolle der Wiederkäuer ist mindestens um den Faktor 3 bis 4 überschätzt worden.

Aber wie kann das denn sein?

Was hilft gegen den Klimawandel? "Klima-Labor "ist der ntv Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen und Behauptungen prüfen, die toll klingen, es aber selten sind. Klimaneutrale Unternehmen? Gelogen. Klimakiller Kuh? Irreführend. Aufforsten? Verschärft Probleme. CO2-Preise für Verbraucher? Unausweichlich. Windräder? Werden systematisch verhindert.

Das Klima-Labor - jeden Donnerstag eine halbe Stunde, die informiert und aufräumt. Bei ntv und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+ Musik, Apple Podcasts, Amazon Music, Google Podcasts, Spotify, RSS-Feed

Das ist einfach Wissen, das im Laufe der Zeit dazukommt. Am Anfang hatte man keine große Ahnung, wie schnell sich Methan abbaut, also hat man es genauso betrachtet wie CO2. Das geht aber nicht von selbst weg. Deswegen muss man natürlich mit dem neuen Wissen auch die Einstellung gegenüber Wiederkäuern ändern. Ich will damit nicht sagen, dass es nichts bringt, wenn man weniger Methan emittiert. Das ist die andere Seite: Wenn es uns gelingt, die Methan-Emission der Wiederkäuer zu senken, hat das aufgrund des schnellen Abbaus einen sehr schnellen kühlenden Effekt. Man kann sehr viel tun, indem man dafür sorgt, dass es möglichst wenig unproduktiven Futterverzehr gibt.

Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Eine kranke Kuh frisst, produziert aber nicht. Die hält vielleicht nur zwei oder drei Laktationen durch.

Laktationen?

Kühe geben ja nicht einfach Milch, weil sie Milchkühe sind. Sie geben Milch, weil sie ein Kind geboren haben, ein Kalb. Das dauert dann ungefähr ein gutes Jahr, bis sie wieder ein neues Kalb bekommen. In dieser Zeit, das ist der Laktationszyklus, produzieren sie Milch. Und wenn man sie gesund und optimal hält, kann eine Kuh durchaus acht, neun, zehn oder zwölf Jahre alt werden. Dann steht die Aufzucht, in der die Kuh nur gefressen hat, einer sehr großen Lebensleistung gegenüber. Das kann man mit einfachen Dingen erreichen: Tierwohl, Tiergesundheit, Futterqualität.

Am Anfang klang es so, als würde das Tierwohl eher im Gegensatz zur Methanreduktion stehen, weil man sagt: Je produktiver, desto besser. Aber Sie sagen: Nein, wenn wir die Tiere besser behandeln, stoßen sie hochgerechnet automatisch weniger Methan aus?

Das ist so. Die Tiere müssen ja fressen, viel sogar. Methanbildung ist für einen Wiederkäuer unvermeidlich, das darf man nicht abstellen. Die mikrobiellen Prozesse schützen ihn. Und der Wiederkäuer hat diese tolle Fähigkeit: Er kann nicht essbare Biomasse wie Gras oder Heu zu sich nehmen und ohne Nahrungskonkurrenz zum Menschen daraus Eiweiß bilden. Fleisch oder Milch. Diese tolle Fähigkeit müssen wir uns mit einer gewissen Methan-Emission erkaufen. Jetzt gilt es, möglichst viel Produkt mit möglichst wenig Futteraufnahme zu erreichen. Das ist die Kunst.

Aber man sagt ja immer: Für die Lösung des Hungers wäre es besser, weniger Fleisch zu essen und weniger Tiere zu halten, weil auf den Flächen, auf denen im Moment Futter für die Kühe produziert wird, Futter für Menschen produziert werden könnte.

Sie sprechen einen wunden Punkt der intensiven Nutztierhaltung an. Wiederkäuer haben die Fähigkeit, ohne Nahrungskonkurrenz höchstwertige Lebensmittel zu produzieren. Das geht aber nur bis zu einer bestimmten Leistung, wie sie vielleicht Biobauern haben. Wenn man die Grenze überschreitet, müssen sie hochwertiges Kraftfutter einsetzen. Dann erhalten hoch leistende Milchkühe tatsächlich große Mengen an Futter, das auch vom Menschen essbar wäre.

Und dann stehen sie in Konkurrenz.

Dann stehen sie in Konkurrenz. Wenn Sie es weltweit betrachten, gehen ungefähr 80 Prozent der Soja-Ernte und etwa ein Drittel der Getreide- und der Maisernte an Nutztiere. Da muss man sich überlegen: Überschreite ich die positiven Fähigkeiten und komme in einen Bereich, wo ich an einer anderen Stelle einen übergroßen Nachteil habe? Das ist die Klimadiskussion.

Das heißt, Biokühe auf der Weide sind kein Problem, weil die nur Gras fressen, aus dem wir sowieso nichts machen könnten. Aber sobald Kraftfutter zugefüttert werden muss, wird es problematisch.

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Bei Tierhaltung auf einem sehr hohen Leistungsniveau bekommen wir ein Problem. Es geht um die richtige Balance zwischen Pflanzenproduktion und Tierproduktion. Jetzt könnte der Veganer sagen: Das brauche ich doch gar nicht, ich kann doch die Tiere komplett abschaffen. Aber welche Folgen hat das?

Wir sind gespannt.

Eine ganz einfache: Ein Kilogramm veganes Lebensmittel, das Sie im Geschäft kaufen, hat in der landwirtschaftlichen Produktion ungefähr vier Kilogramm nicht essbare Biomasse unvermeidlich mit erzeugt. Das ist der Preis, den Sie dafür bezahlen müssen.

Das müssen Sie genauer erklären.

Fahren Sie mal durch die Landschaft, schauen rechts und links und gucken, was Sie davon essen können. Liegen in einem Weizenfeld Körner rum? Sie können das Allerwenigste essen, was Sie sehen.

Sie meinen, wenn wir mehr Weizen haben, können wir natürlich mehr Körner essen, aber die Stängel bleiben übrig?

Genau. Das Weizen landet in der Mühle, da geht ein Viertel als Nebenprodukt verloren. Das ist Tierfutter. Sie können sich eine Landwirtschaft ganz ohne Nutztiere basteln, aber diese gewaltige Menge nicht essbarer Biomasse ist Futterpotenzial. Sie könnten damit große Mengen Lebensmittel erzeugen, tun es aber nicht.

Jetzt haben wir nicht vor, alle Nutztiere abzuschaffen, aber es kann ja nicht schaden, den Methanausstoß zu reduzieren. Was wäre der einfachste Schritt in diese Richtung?

Das oberste Ziel ist die Vermeidung einer unproduktiven Nahrungsaufnahme. Das heißt, professionelle Fütterung, hohe Futterqualität, hohe Tiergesundheit, hohes Tierwohl. Nicht unbedingt die Höchstleistung, sondern eine mittlere, wo das Potenzial der Wiederkäuer am besten rauskommt in dieser Verwertung der nicht essbaren Biomasse. Wenn man das macht, haben wir ein Potenzial von 20 bis 30 Prozent und die Landwirtschaft hätte einen massiven Beitrag geleistet. Das kann kein Kohlekraftwerk.

Mit Wilhelm Windisch sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch ist zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet worden.

Quelle: ntv.de

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