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Methan beim Rülpsen und Pupsen Kühe mit Seegras füttern - perfekt fürs Klima?

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Seegras an der Nase, aber so richtig lecker finden Kühe das nicht.

(Foto: picture alliance / Sacramento Bee)

Methan ist der böse Zwillingsbruder von CO2. Das Treibhausgas wirkt deutlich stärker als Kohlenstoffdioxid, wird aber auch wesentlich schneller in der Atmosphäre abgebaut. Die Wissenschaft meint deshalb, dass Methan-reduzierende Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel kurzfristig sehr effektiv wären und die globale Erwärmung schon bis 2045 um 0,3 Grad Celsius verringert werden könnte. Methan wird bei Waldbränden und Vulkanausbrüchen freigesetzt, aber auch die üblichen Verdächtigen stoßen es aus: die Öl- und Gasindustrie, die Abfallwirtschaft, die Landwirtschaft. Vor allem Wiederkäuer haben einen Hang dazu, CH4 - die chemische Formel von Methan - in die Atmosphäre zu rülpsen und zu pupsen. Mit einer neuen Ernährung könnte das aber vielleicht verhindert werden: Wird dem Tierfutter Seegras beigemischt, könnte der Ausstoß bei Kühen um bis zu 82 Prozent reduziert werden, haben Forscher in einer Studie herausgefunden. Agrarwissenschaftler Martin Hünerberg hat an der University of Alberta im kanadischen Edmonton zur Verdauung von Wiederkäuern promoviert. Im "Klima-Labor" erklärt er, welche besonderen Eigenschaften Seegras und Algen haben, wo man sie anbaut, was das kostet und, ob sie im Alltag schon verfüttert werden.

ntv.de: Kühe stoßen ziemlich viel Methan aus. Warum müssen wir unbedingt überlegen, wie wir das reduzieren können?

Martin Hünerberg: Weil Methan ein sehr potentes Treibhausgas ist. Es ist 28 Mal klimaschädlicher als CO2. Es hat eine relativ lange Halbwertszeit in unserer Atmosphäre und die Molekül-Architektur macht es besonders effektiv, wenn es darum geht, Wärmestrahlung zu reflektieren und die Erde aufzuwärmen. Das heißt, je kleiner der Anteil von Methan in unserer Atmosphäre ist, desto besser. Und unter anderem durch Wiederkäuer steigt der Gehalt in der Atmosphäre und trägt zum Treibhauseffekt bei. Deswegen sollten wir uns tunlichst Gedanken darum machen, wie wir da reduzieren und wie wir so reduzieren, dass es für uns alle Sinn macht. Wir wollen ja noch weiter Milch und Fleisch essen können, jedenfalls ein Teil unserer Bevölkerung.

Und wer hatte die Idee, zu gucken, ob man den Methan-Ausstoß reduzieren kann, wenn man den Kühen ein bisschen Seegras gibt?

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Martin Hünerberg lehrt und forscht an der Georg-August-Universität Göttingen.

(Foto: privat)

Wer die Ur-Idee mit dem Seegras gehabt hat, weiß ich nicht. Aber es ist schon sehr lange bekannt, dass im Seegras - wenn man es ganz genau nimmt, ist es eine Rotalge - zwei Stoffe enthalten sind, die zu den Gruppen der Bromoformen gehören. Das sind Bromid-Verbindungen, von denen man schon sehr lange weiß, dass die in kleineren Laborversuchen die Methan-Bildung effektiv unterdrückt haben. Dann haben sich Wissenschaftler in der Natur umgesehen: Wo kommen diese Verbindungen natürlicherweise vor? Da stechen diese Rotalgen heraus, die haben einen sehr hohen Gehalt an diesen Bromoformen.

Und dann hat man festgestellt: Seht an, der Methan-Ausstoß wird weniger.

Genau, der wird um eine ganze Menge weniger. Also das, was bisher so an Forschung um diese Rotalgen draußen ist, was publiziert ist, das sieht durchaus vielversprechend aus. Die Reduktion ist schon sehr viel höher als bei anderen Maßnahmen, die man rund ums Tier ergreifen kann.

Um wie viel sinkt der Ausstoß genau?

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Rotalgen auf dem Meeresgrund: Können sie helfen, die Erderwärmung zu stoppen?

(Foto: picture alliance/dpa/PA Media)

Die Reduktion liegt irgendwo zwischen 70 und nahe 90 Prozent - je nachdem, an welche Studien man sich hält. Das hört sich sehr, sehr gut an. Allerdings gibt es dabei auch ein paar Fallstricke. Zum Beispiel sieht es so aus, dass die Rotalgen im Ozean kultiviert werden müssten. Da ist die Umwelt wenig kontrolliert und sie können Schadstoffe wie Schwermetalle aufnehmen. Das heißt, bloß, weil es in einem Versuch zu einer signifikanten Reduktion an Methan-Emissionen von Kühen gekommen ist, kann man nicht davon ausgehen, dass es unbedenklich ist und sofort eine Alternative für Landwirte darstellt.

Das heißt, man kann auch nicht jede Rotalge nehmen, nur weil man welche findet?

Klima-Labor von ntv

Was hilft wirklich gegen den Klimawandel? Klima-Labor ist der ntv-Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen unter die Lupe nehmen, die toll klingen, aber bei denen nicht immer ganz klar ist, wie sinnvoll sie wirklich sind. Sollten wir Kühe mit Seegras füttern? Frachtriesen mit großen Segeln ausstatten? Grüne Hedgefonds in Aufsichtsräte berufen?

Das Klima-Labor von ntv: Hören Sie jeden Donnerstag rein - eine halbe Stunde, die informiert und Spaß macht. Auf ntv.de, in der ntv-App und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Apple Podcasts, Google Podcasts, Spotify, RSS-Feed

Ein sehr guter Punkt: Man muss Rotalgen finden, die überhaupt erst mal kultivierbar sind. Das ist nicht bei allen Algen der Fall. Auch scheinen nicht alle Rotalgen gleich effektiv zu sein, wenn es darum geht, Methan zu reduzieren. Man muss sich an bestimmte Spezies oder Stämme halten, wo man überhaupt ein Potenzial sieht, dass man die nicht nur kiloweise, sondern tonnenweise in Kultur produzieren kann.

Und das im Ozean, was uns zum nächsten Problem führt: Wie kommt das Seegras von dort zur Kuh?

In den Versuchen, die es bisher gab, wurde das häufig im Ozean kultiviert. Langfristig denkt man über die Möglichkeit nach, das in Aquakultur-Systemen, in Kreislaufanlagen wachsen zu lassen, wo man die Bedingungen besser kontrollieren kann. Die Schadstoffbelastung und so weiter.

Und wie kommt es zur Kuh?

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Es wird geerntet, mit Booten an Land gebracht, getrocknet - das ist ganz, ganz wichtig. Dabei muss man auch aufpassen, dass man nicht zu viel Energie reinsteckt. Trocknen ist normalerweise ein energieaufwendiger Prozess, dabei will man natürlich nicht eine Menge Treibhausgasemissionen verursachen, um sie später wieder reduzieren zu müssen. Man trocknet es, man vermahlt es, dann wurde es den Tieren in den Versuchen ins Futter gemischt. Zum Teil wurde noch ein bisschen Molasse dazugegeben. Die ist süß, damit die Tiere das besser aufnehmen. Denn das ist auch ein Fallstrick: Von vielen Algen und Seegräsern wissen wir, dass sie die Futteraufnahme negativ beeinflussen. Die Tiere fressen das nicht sehr gerne.

Das schmeckt ihnen nicht?

Es schmeckt nicht, genau. Wie soll eine Kuh darauf adaptiert sein, etwas zu fressen, was aus dem Ozean kommt?

Wie nah dran sind wir an der Umsetzung der Idee? Kann man sie global umsetzen? Macht man damit mehr Gutes als Schlechtes? Warum bauen Unternehmen bereits Braunalgen im Atlantik an? Welche Rolle spielt das Tierwohl bei solchen Experimenten? Wird ihre Leistung damit maximiert? Muss das sein? Die Antworten gibt's im Klima-Labor mit Martin Hünerberg.

Quelle: ntv.de

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