Wissen

Überimpfen nicht möglich Welcher Booster-Zeitpunkt sinnvoll ist

265029829.jpg

Auch Jüngere sollten die Auffrischungsimpfung am besten noch diesen Winter wahrnehmen, sagt der Infektiologe Tomas Jelinek.

(Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto)

Die Nachfrage nach Boosterimpfungen ist groß. Die Arztpraxen kommen nicht hinterher, die Schlangen vor den Impfzentren sind lang und Impftermine schnell ausgebucht. Wer sollte schnell boostern - und wer kann mit der Auffrischung noch warten?

Booster-Impfungen können helfen, die vierte Corona-Welle zu brechen. Mitte November hat die Ständige Impfkommission (STIKO) die Covid-19-Auffrischungsimpfung für alle Menschen ab 18 Jahren empfohlen. Vorher waren die Booster nur für über 70-Jährige und besonders gefährdete Personen bestimmt. Jetzt dürfen sich den Piks alle Erwachsenen abholen. Das haben bisher etwa zehn Prozent der Menschen gemacht. "Wir sehen von den Studien aus England und aus Israel, dass Boostern bei den über 50-Jährigen und den über 65-Jährigen in jedem Fall etwas bringt" sagt Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Es reduziert deutlich die Hospitalisierungsrate und reduziert auch insgesamt die Infektionswahrscheinlichkeit, also, ob jemand das Risiko hat, sich zu infizieren."

Drei Viertel der vollständig Geimpften hat vor, sich eine Booster-Impfung geben zu lassen, zeigt das RTL/ntv-Trendbarometer von Anfang November. Und die Nachfrage ist tatsächlich groß. Teilweise ist es bereits schwer geworden, einen Impftermin beim Hausarzt oder im Impfzentrum zu bekommen. Und dort, wo ohne Termin geimpft wird, sind die Schlangen schier endlos lang. Die jüngeren, meist gesunden Menschen müssen jetzt aber keine Panik bekommen. "Immunkompetente jüngere Menschen, die gesund sind, die normal durchs Leben gehen, die können die Sechs-Monats-Frist locker abwarten. Es ist kein Drama, wenn das erst nach sieben oder acht Monaten passiert", erläutert Tomas Jelinek, der Medizinische Direktor des Berliner Centrums für Reise- und Tropenmedizin, im Podcast. "Da geht nichts verloren. Das Immunsystem reagiert hier sehr gut. Aber es sollte schon jetzt im Winter passieren."

Schutz vor Infektion lässt unterschiedlich schnell nach

Zwei Dosen Moderna, Biontech oder Astrazeneca bieten auch gegen die Delta-Variante einen guten Schutz. Die Wirkung des Impfstoffs lässt aber mit der Zeit nach. Die STIKO empfiehlt deshalb, fünf bis sechs Monate nach der Zweitimpfung aufzufrischen. Dann sei der Schutz vor einem schweren Verlauf zwar noch ausreichend, sagt Hendrik Streeck, aber man sei nicht mehr ganz so gut vor einer Infektion geschützt. Wie stark der Infektionsschutz nachlässt, dazu gebe es aber widersprüchliche Daten.

"In den Daten von Katar liegt der Schutz vor einer Infektion bei doppelten Geimpften nach sechs Monaten bei rund 20 Prozent. Englands Daten suggerieren rund 60 Prozent. In den USA ist eine Studie herausgekommen, die sagt, der Schutz vor einer Infektion nach sechs Monaten liegt bei 40 Prozent, nach zweifacher Impfung." Dafür macht der Virologe unter anderem das unterschiedliche Verhalten von Geimpften und Ungeimpften verantwortlich. "Das sieht man ja hier in Deutschland sehr deutlich. Die Geimpften hatten das Gefühl, sie sind nicht mehr Teil der Pandemie. Ungeimpfte haben dann eher noch mal Abstand gehalten."

Zum Abstand der Booster-Impfung von der Zweitimpfung gibt es unterschiedliche Studien. Viel berichtet wurde über eine Studie von Forschern aus Schweden. Das Team um Peter Nordström von der Universität Umea hat herausgefunden, dass die Wirksamkeit der Vakzine von Biontech, Moderna und Astrazeneca nach mehreren Monaten deutlich nachlässt. Bei dem Impfstoff von Biontech und Pfizer sei nach rund sieben Monaten der Schutz vor Infektionen kaum noch gegeben. Hendrik Streeck hat aber Bedenken, da die Studie ein Preprint ist, eine Vorab-Publikation, und noch nicht von Fachleuten begutachtet wurde. "Die Studie von Nordström hatte zum letzten Zeitpunkt, also sechs Monate nach der zweiten Boosterimpfung, nur sechs Personen, die hospitalisiert waren. Und bei so wenigen Patienten kann ganz viel passiert sein, ganz viele Co-Faktoren, andere Variablen, können da eine Rolle spielen. Deshalb erzielt man bei den sechs vielleicht ein anderes Ergebnis."

Booster nicht zu spät, aber auch nicht zu früh

Wo finde ich "Wieder was gelernt"?

Alle Folgen von "Wieder was gelernt" können Sie in der ntv-App hören und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Amazon Music, Apple Podcasts, Google Podcasts und Spotify. Mit dem RSS-Feed auch in anderen Apps.

Denjenigen, die ihre Erst- und Zweitimpfung mit den Impfstoffen von Biontech oder Moderna bekommen haben, empfiehlt Streeck den Auffrischungs-Piks nach etwa sechs Monaten. "Für Pfizer und Biontech oder Moderna sagen die Daten, dass auch nach sechs Monaten ein guter Schutz vor der Hospitalisierung da ist. Aber wenn man die Katar-Studien heranzieht, nicht mehr ein so guter Schutz vor der Infektion." Wer mit Astrazeneca geimpft wurde, sollte sich die dritte Impfung laut Tomas Jelinek nach drei bis vier Monaten abholen.

Noch früher aktiv werden sollten diejenigen, die mit dem Wirkstoff von Johnson & Johnson geimpft wurden. "Dann sollte man sich relativ schnell boostern lassen. Also frühestens zwei Wochen danach. Aber jeder hat eigentlich mittlerweile schon einen längeren Zeitraum hinter sich, also sollte sich möglichst bald mit einem mRNA-Impfstoff boostern lassen", erläutert Hendrik Streeck im Podcast.

Man sollte sich den Booster aber auch nicht zu früh abholen. Der Körper braucht Zeit, um Gedächtniszellen aufzubauen, die dann Antikörper produzieren können, um eine Infektion abzuwehren. Das dauert einige Wochen. Erst dann kann die Impfung überhaupt "wirken" und das Immunsystem auf die neue Impfung reagieren, sagt Tomas Jelinek im Podcast. Falls man einen Booster-Termin schon vor der "offiziellen" Frist ergattert hat, ist das aber überhaupt nicht schlimm - überimpfen können wir uns nicht. "Was passiert, ist, dass das Immunsystem stimuliert wird. Das heißt, Sie bilden einfach mehr Immunantwort. Das ist messbar durch die Antikörperantwort. Im Lymphknoten werden sogenannte Gedächtniszellen abgelegt, die den Langzeitschutz bilden. Das Ziel bei dieser Art von Impfung ist, dass man durch mehrere Einzelimpfungen so viel Gedächtniszellen sammelt, dass man irgendwann vielleicht keinen Booster mehr braucht."

Booster mit Biontech oder Moderna?

Mit Nebenwirkungen bei zusätzlich gespritzten Impfdosen rechnet der Infektiologe nicht. Kritisch könne es erst werden, wenn man sich ab sofort im Monats- oder sogar Wochentakt gegen Corona impfen lassen würde. "Es ist natürlich etwas, was etwas mit dem Körper anrichtet", erklärt Streeck. "Das sind komplexe immunologische Vorgänge, die bei der dritten Impfung keine Rolle spielen. Aber wenn jemand konstant sich immer wieder gegen das Gleiche impfen lässt, dann kann man schon annehmen, dass solche Phänomene eine Rolle spielen." Für Corona sei das aber noch nicht erforscht.

Für die Auffrischimpfung empfiehlt die STIKO einen mRNA-Impfstoff - für unter 30-Jährige den von Biontech, für alle anderen entweder Biontech oder Moderna. Wer seine ersten beiden Spritzen mit dem Biontech-Wirkstoff bekommen hat, kann jetzt problemlos Moderna erhalten. Umgekehrt gilt das auch. "Im Grunde ist es egal, ob man jetzt mit dem einen oder dem anderen boostert", betont Streeck. Biontech habe zwar im Vergleich eine niedrigere Konzentration, aber sei von der Beschaffenheit recht ähnlich aufgebaut wie der Moderna-Impfstoff. Nur wer nach der zweiten Impfung eine heftige Reaktion hatte, sollte auf das jeweils andere mRNA-Vakzin wechseln. Wer bei der Erstimpfung Astrazeneca und bei der Zweitimpfung Biontech bekommen hat, kann sowohl mit Biontech als auch Moderna boostern, erklärt Tomas Jelinek. Die Booster-Impfung sei nach vier Monaten möglich, aber noch nicht unbedingt notwendig.

Mehr zum Thema

Sollte man vor der Booster-Impfung einen Antikörpertest machen? Nein, sagt Tomas Jelinek. "Normalerweise macht man den Test dann, wenn man eine Konsequenz daraus ziehen will. Und wenn Sie den Test machen und feststellen, Sie haben Antikörper, dann würde man sagen: Es ist trotzdem gut, zu impfen. Wenn Sie feststellen, Sie haben keine Antikörper mehr, würde man sagen, es ist erst recht gut, zu impfen. Deswegen macht der Test keinen Sinn." Auch die STIKO sieht das so.

Impfstoff für die Booster jedenfalls gibt es genug, sagte der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vergangene Woche. Die Arztpraxen schieben Sonderschichten, um noch vor Weihnachten so viele Menschen wie möglich zu impfen. Immerhin eine Million Auffrischimpfungen pro Tag braucht es, um die Ausbreitung des Virus deutlich zu reduzieren, sagte DIVI-Chef Christian Karagiannidis im Corona-Podcast des NDR. Momentan sind es etwa halb so viele.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.