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Lektionen aus der Corona-Krise "Nächste Pandemie kann uns jeden Tag treffen"

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Die Corona-Infektionswelle trifft die Menschheit mit Wucht - doch womöglich ist es nicht die letzte Pandemie.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Noch wütet die Coronavirus-Pandemie, mittlerweile vor allem in Europa und den USA. Neben der Suche nach einem Ausweg stellt sich bereits jetzt die Frage: Was können wir aus dieser Katastrophe lernen? Mit ntv.de spricht Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht genau darüber.

ntv.de: Herr Dr. Specht, die Coronavirus-Pandemie ist wohl noch lange nicht vorüber. Dennoch würden wir gerne schon mal eine Art Zwischenfazit ziehen. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Lektion aus dieser Krise?

Dr. Specht: Ich glaube, die wichtigste Lektion aus der Krise ist die Erkenntnis, dass eine solche Pandemie stattfinden kann. Die Wissenschaftler, die Virologen und die Epidemiologen, haben in den vergangenen Jahrzehnten immer davor gewarnt, dass uns eine solche Pandemie bevorsteht. Nur wann es passieren würde und in welchem Ausmaß, das war nicht klar. Viele hatten auch eher mit Influenza-Viren gerechnet. Das ist auch der Grund, warum man 2009 bei der Schweinegrippe so aufmerksam hingeschaut hatte. Aber es können offensichtlich auch Coronaviren sein, die uns zu schaffen machen. Und die nächste Pandemie kann uns jeden Tag treffen. Und sie würde auch auf die derzeit grassierende natürlich keine Rücksicht nehmen.

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Dr. Christoph Specht ist Arzt und Medizinjournalist - bei ntv.de beantwortet er regelmäßig Fragen zum Thema Coronavirus.

(Foto: PhotoMo)

Mit der Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie wird auch die Globalisierung in Verbindung gebracht. Aber wie groß ist ihre Rolle dabei, schließlich hat es während der gesamten Menschheitsgeschichte immer wieder Pandemien gegeben?

Pandemien hat es in der Tat schon immer gegeben. Nur die Globalisierung hat natürlich mit sich gebracht, dass nicht nur wir selbst, sondern mit uns auch die Viren sehr schnell um die Welt reisen können. Man hat mal ausgerechnet, dass ein Mensch innerhalb von 36 Stunden an jedem beliebigen Ort der Welt sein kann - damit sind nicht nur die Großstädte gemeint, sondern auch irgendein völlig verschlafenes Nest in einem Urwald. Wir sind also so eng miteinander vernetzt, was die Ausbreitungsgeschwindigkeit einer solchen Pandemie natürlich noch deutlich steigert. Etwa im Vergleich zu den Pandemien des vorigen Jahrhunderts und der Zeit davor.

Ein offensichtlicher Nachteil der Globalisierung ist, dass in der aktuellen Krise der Nachschub von dringend benötigtem medizinischen Material wie Atemmasken knapp wird. Müssen wir in Deutschland und Europa künftig wieder mehr eigene Produktionskapazitäten schaffen?

Bereits in den Jahren vor dieser Pandemie gab es viele Probleme mit Lieferengpässen, was Medikamente und vor allen Dingen Antibiotika anging. Jetzt wurde uns noch mal deutlicher gezeigt, dass wir uns eindeutig wieder mehr auf uns selbst besinnen müssen, was das Herstellen und Bereitstellen von wichtigen Medikamenten, aber auch wichtigen Hilfsmitteln wie Schutzausrüstung betrifft. Durch die Globalisierung wurde natürlich bei der Beschaffung darauf geachtet, dass man medizinische Produkte irgendwo günstig einkaufen kann. Aber die Kehrseite dieser Medaille ist, dass wir uns abhängig gemacht haben. Also hier ist ganz klar das Signal gesetzt, dass wir zumindest in Europa künftig Teile der Produktion, oder zumindest eine Notproduktion, die bei Bedarf hochgefahren werden kann, vorhalten müssen.

Das würde ja bedeuten, die Globalisierung ein Stück weit zurückzufahren. Aber ist gleichzeitig nicht eine enge internationale Zusammenarbeit auch sehr wichtig, um Gefahren wie einer globalen Pandemie zu begegnen?

Pandemien kennen in der Tat keine Grenzen, das zeigt die aktuelle überdeutlich. Zumal wir auf der Welt so eng miteinander verflochten sind, gerade auch wirtschaftlich, dass wir ehemalige Grenzen auch nicht so einfach wieder errichten können. Natürlich müssen wir mehr zusammenarbeiten. Eine Pandemie ist letztendlich immer nur im Verbund zu lösen. Aber diese aktuelle Krise hat auch gezeigt, wo die Schwachstellen in dieser Zusammenarbeit sind, etwa in Europa. Aus meiner persönlichen Sicht war ja auch die europäische Einigkeit nicht besonders ausgeprägt in der Zeit vor Corona. Aber jetzt zeigt sich für mich umso mehr, dass es mit dem Bedürfnis nach europäischer Einigkeit aus Sicht mancher Staaten nicht weit her ist.

Mit Dr. Christoph Specht sprach Kai Stoppel.

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Quelle: ntv.de