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Gefährliche Entwicklung "Frequenz von Pandemien hat zugenommen"

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Fledermäuse werden als Ursprung von Sars-CoV-2 gesehen.

(Foto: imago images/Ardea)

Immer wieder bekommt es der Mensch in jüngster Vergangenheit mit neuen, vorher unbekannten Infektionskrankheiten zu tun. Mit ntv.de spricht Arzt und Medizinjournalist Dr. Specht über die möglichen Gründe - und darüber, ob wir der Gefahr irgendwann Herr werden könnten.

ntv.de: Herr Dr. Specht, die Menschheit wird in den vergangenen Jahren immer öfter mit Pandemien konfrontiert: Sars-CoV-2, Zika, Schweinegrippe, Sars und Mers. Warum ist das so?

Epidemien oder Pandemien hat es in der Tat immer schon gegeben. Aber die Frequenz der Pandemien hat in letzter Zeit deutlich zugenommen. Allein in den vergangenen 20 Jahren gab es drei Coronavirus-Epidemien, also Sars 2002/2003, Mers im Jahr 2012 und jetzt Sars-CoV-2. Zu den Ursachen kann man sagen, die meisten Pandemien werden von Viren ausgelöst, die Zoonosen sind. Das sind Erkrankungen, die vom Tier auf den Mensch übergehen. Und da die Weltbevölkerung immer mehr wächst und sich ausbreitet, dringen sie auch immer mehr in den Lebensraum von Tieren ein. Der Kontakt zwischen Mensch und Wildtieren wird dadurch größer und häufiger. Und das bringt einfach mit sich, dass die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung steigt.

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Dr. Christoph Specht ist Arzt und Medizinjournalist - bei ntv.de beantwortet er regelmäßig Fragen zum Thema Coronavirus.

(Foto: PhotoMo)

Lauert da draußen also irgendwo ein weiteres gefährliches Virus, womöglich ein echter Menschheits-Killer?

Wovor man natürlich massiv Angst hat, ist ein Virus, das sehr ansteckend ist, etwa wie ein Grippeerreger oder das Coronavirus, aber zusätzlich auch hochpathogen, also sehr krankmachend. Etwa mit einer Letalität, also einer Tödlichkeit, für 20 oder 30 Prozent der Erkrankten oder sogar mehr. Solche Erreger gibt es ja, zum Beispiel Ebola. Nur ist Ebola gar nicht so leicht zu übertragen, jedenfalls nicht durch Tröpfcheninfektion. Aber die große Gefahr besteht darin, dass uns irgendwann ein Virus erwischt, das hochinfektiös ist und gleichzeitig sehr krankmachend. Das kann im Prinzip jeden Tag passieren.

Wie tödlich müsste ein Virus sein, um wirklich massiven Schaden anzurichten?

Es müsste gar nicht mal zu 100 Prozent tödlich sein. Es reicht vollkommen, wenn es eine Letalität von nur zehn Prozent hätte. Wir sehen ja, was ein Virus anrichten kann mit einer Letalität von geschätzt einem Prozent wie Sars-CoV-2. Das zwingt uns ja schon in die Knie. Man kann sich denken, was ein Erreger auslösen würde mit einer höheren Letalität. Wenn so einer auftaucht, gäbe es sicher sehr, sehr viele Tote. Weltweit gesehen muss man dann sicher im Bereich von hunderten von Millionen rechnen.

Kann man potenziell pandemische Erreger nicht im Vorfeld identifizieren?

Vorher identifizieren lassen sich diese Viren leider nicht so gut, weil sie ja erst neu entstehen, indem sie sich an den Menschen anpassen. Das neue Coronavirus zum Beispiel gibt es ja wohl erst seit vier Monaten auf dieser Welt. Vorher war es vermutlich ein Fledermaus-Virus. Dass es, wahrscheinlich über ein weiteres Tier als Zwischenstufe, auf den Menschen übergegangen ist, konnte nur geschehen, weil im Erbgut des Virus eine Mutation vorlag, die es ihm ermöglichte, in menschliche Zellen überhaupt eindringen zu können. So etwas wäre vorher also nicht feststellbar.

Das heißt, die Menschheit ist auch in Zukunft immer neuen Pandemien ausgeliefert?

Aus meiner Sicht werden uns Pandemien wie die jetzige immer in der Hand haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir diese irgendwann mal generell im Griff haben sollten. Wir werden uns immer wieder mit neuen Erregern auseinandersetzen müssen. Die Impfstoffentwicklung ist zwar wesentlich schneller geworden als früher, aber wir sehen derzeit auch, dass es immer eine gewisse Zeit dauert. Genau so wie das Entwickeln neuer Medikamente. Dass man so eine Art universales antivirales Mittel hat, das kann ich mir ebenfalls nicht vorstellen. Denn jedes Virus hat seine Eigenarten, auf die man Antworten finden muss. Und das dauert Zeit, und in dieser Zeit sterben Menschen. Diese Coronavirus-Pandemie, das kann man sagen, ohne in die Glaskugel gucken zu müssen, wird nicht die letzte gewesen sein.

Mit Dr. Christoph Specht sprach Kai Stoppel.

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Quelle: ntv.de