Er galt als einer der profiliertesten Bundespolitiker und zugleich als Garant der großen Koalition: Vizekanzler und Bundesarbeitsminister Franz Müntefering. Nun hat er seinen Rücktritt von beiden Ämtern angekündigt.Bild 1 von 54 "Ich kann nur kurze Sätze", hat Müntefering immer betont. Mit seiner einfachen Sprache trifft er den Nerv der Menschen, die sich nach Überschaubarkeit sehnen.Bild 2 von 54 Und er war Kult: mit seiner Frisur, als Schöpfer kurzer Sätze und mit dem Zigarillo im Mundwinkel.Bild 3 von 54 Münteferings Vater war Landwirt, die Mutter Hausfrau. Das konservative Sauerland prägte Müntefering. Seine Bodenständigkeit hat er sich bewahrt.Bild 4 von 54 Nach acht Jahren auf der Volksschule ging Müntefering mit 14 Jahren in einem Metall verarbeitenden Betrieb in die Lehre. Als fertiger Industriekaufmann arbeitete er aber nur zwei Jahre. Nach dem Wehrdienst wurde die Politik sein Beruf.Bild 5 von 54 In der SPD gehört es fast schon zum guten Ton, Mitglied in einer Gewerkschaft zu sein. Müntefering findet das nur "anständig". Seit 1967 ist er in der IG Metall.Bild 6 von 54 Nach kurzer Probezeit in der Kommunalpolitik nahm die Karriere von Franz Müntefering in der NRW-Landespolitik Fahrt auf. Seit ihrer gemeinsamen Zeit im Kabinett von Johannes Rau sind Wolfgang Clement und Franz Müntefering Rivalen.Bild 7 von 54 Die Pläne Münteferings, in einer großen Koalition das Wirtschafts- und Arbeitsministerium zu trennen, kommentierte Clement mit den Worten: "Das ist doch verrückt".Bild 8 von 54 In der Disziplin "Wetttrinken" ist ihm Konkurrent Clement aber einen Schritt voraus. Der gewann schon gutes Geld mit Kneipen-Wetten, weil er ein Glas mit einem Schluck leeren kann.Bild 9 von 54 Franz Müntefering ist wenige, aber entscheidende Jahre älter als die Enkel Willy Brandts. Anders als die Individualisten Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping und Gerhard Schröder drängte sich Müntefering nie in die erste Reihe. Die Ämter kamen immer zu ihm.Bild 10 von 54 Unter den Mitgliedern der Troika Scharping, Lafontaine und Schröder übernahm Müntefering wichtige Funktionen. Das Wort vom "Diener dreier Herren" lag nahe, doch es traf nicht zu. Parteisoldat Müntefering diente der SPD.Bild 11 von 54 1996 war das Verhältnis von Müntefering zu Andrea Nahles und ihrem Förderer Lafontaine noch in Takt. Heute nennt Müntefering den Saarländer "eitel und unsolidarisch", das Verhältnis zu Nahles war in den vergangenen Jahren immer wieder schwierig.Bild 12 von 54 Aus der neu gegründeten SPD-Wahlkampfzentrale Kampa zog Müntefering 1998 die Fäden im Bundestagswahlkampf.Bild 13 von 54 In bisher nicht gekannter Form inszenierte er die Person Gerhard Schröder.Bild 14 von 54 Nach dem Wahlsieg wechselte Müntefering als Verkehrsminister in die rot-grüne Regierung. Nicht mal ein Jahr hielt es ihn auf diesem Posten, dann folgte er Ottmar Schreiner, einem Überbleibsel aus Zeiten Oskar Lafontaines, im Amt des Bundesgeschäftsführers der SPD nach.Bild 15 von 54 Beim Bundeskongress der Jung-Sozialisten 1998 plauschte die damalige Juso-Bundesvorsitzende Andrea Nahles mit dem frisch gewählten Bundesgeschäftsführer.Bild 16 von 54 Fünf Jahre später zeigte sie Müntefering mit einem Lachen im Gesicht die rote Karte. Auf dem Parteitag 2003 in Bochum stimmte die Rheinland-Pfälzerin gegen den zentralen Reform-Leitantrag.Bild 17 von 54 Schon zu diesem Zeitpunkt war der schwelende Konflikt mit dem linken Flügel nur mühsam zu kaschieren.Bild 18 von 54 Das Amt des Generalsekretärs gibt es erst seit 1999. Damals wurde es Müntefering quasi auf den Leib geschneidert. Ausgerechnet der Streit um diesen Posten, die Nominierung von Andrea Nahles, trieb ihn zum Rücktritt vom Parteivorsitz.Bild 19 von 54 "Den Menschen auf diesem Stern soll es besser gehen", hat Müntefering einmal das bescheidene Ziel seiner Politik abgesteckt. Ebenso stur wie gelassen ertrug er den Ruf, ein Beton-Sozi zu sein.Bild 20 von 54 Aber das ist er nicht. Müntefering stützte den Reformkurs von Gerhard Schröder. Er wusste, dass der Sozialstaat alter Form nicht mehr tragfähig war. Münteferings Sinneswandel stand exemplarisch für weite Teile der SPD.Bild 21 von 54 Als er am 21. März 2004 Vorsitzender der SPD wurde, empfand er dies als "das schönste Amt neben dem Papst".Bild 22 von 54 Die Partei hoffte auf den Münte-Effekt: Der reist durch das Land und geht mit der Basis in den Ortsvereinen auf Tuchfühlung - die "Tour de Franz".Bild 23 von 54 "Kanzler kann ich nicht", wehrte sich Müntefering in typischer Satzstellung gegen weitere Karrieresprünge. Seine bescheidene Art bringt ihm viele Sympathien. "Ich hätte ihn gerne zum Freund", sagte Schröder einmal in einem Interview.Bild 24 von 54 "Ich bin kein Kumpel", erwiderte Müntefering. Er sei mit solchen Dingen sehr "vorsichtig".Bild 25 von 54 Selbst der politische Gegner schätzte den damaligen SPD-Chef. In der großen Koalition sah Ex-CSU-Chef Stoiber Müntefering als "Vertrauensperson".Bild 26 von 54 Im Wahlkampf verfiel Müntefering antikapitalistischen Parolen. Die Heuschrecken-Rhethorik kam bei den Wählern nicht gut an. In Nordrhein-Westfalen fuhr die SPD eine herbe Niederlage ein - der Auslöser für Neuwahlen.Bild 27 von 54 Der Dauerwahlkampf zehrte an den Kräften des damals 65-Jährigen. Bei einer Kundgebung im Saarland machte sein Kreislauf schlapp. Die Parteifreunde mussten ihren Vorsitzenden stützen.Bild 28 von 54 "Es ist ganz klar: Milch und Honig wird nicht fließen, aber gesundes Brot und ordentlicher Aufstrich wird da sein", dämpfte Müntefering nach der Wahl die Erwartungen an eine große Koalition.Bild 29 von 54 Eher als Schröder erkannte Müntefering, dass es keinen SPD-Kanzler geben konnte. Schnell schaltete er um auf Angela Merkel - die SPD-Basis reagierte irritiert auf den raschen Schwenk.Bild 30 von 54 Der Kenner der SPD-Seele erkannte nicht, wie wichtig es der Partei, besonders der Linken, geworden war, in der großen Koalition nicht zum Anhängsel der Regierung zu verkommen.Bild 31 von 54 Die Abstimmung des Parteivorstands für Nahles als Generalsekretärin hatte die Befindlichkeiten schonungslos ans Licht gebracht.Bild 32 von 54 Franz Müntefering stellte sich beim Parteitag 2005 nicht mehr als Parteivorsitzender zur Wahl. Sein Nachfolger wurde Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck.Bild 33 von 54 Vizekanzler und ...Bild 34 von 54 ... Arbeitsminister wollte Müntefering aber weiterhin werden.Bild 35 von 54 In diesen Ämtern wurde er zur tragenden Säule der großen Koalition.Bild 36 von 54 Sein Verhältnis zu Bundeskanzlerin Merkel galt als gut.Bild 37 von 54 Spannungen dagegen gab es zwischen Müntefering und Kurt Beck, der seit 2006 das Amt des SPD-Chefs innehat.Bild 38 von 54 Zahlreiche Beschlüsse in der Koalition erfolgten zuletzt gegen den Willen des Bundesarbeitsministers.Bild 39 von 54 Bei der jüngsten Sitzung der Koalitionsspitzen musste er beim Mindestlohn für Briefdienstleister eine Niederlage hinnehmen. Die Union hatte sich seinen Plänen verweigert.Bild 40 von 54 Doch offiziell lieferten weder diese Sitzung noch die Schlappe, die er innerparteilich im Streit über die längere Zahlung von Arbeitslosengeld I für Ältere hinnehmen musste, ...Bild 41 von 54 ... einen Grund für den nun angekündigten Rückzug.Bild 42 von 54 Dieser hat vielmehr familiäre Ursachen. Es sind persönliche Sorgen und Ängste, die Müntefering belasten.Bild 43 von 54 Seine Ehefrau Ankepetra ist seit Jahren an Krebs erkrankt. Erst vor wenigen Tagen musste sie sich erneut einer Operation unterziehen.Bild 44 von 54 Aus diesem Grund blieb der Bundesarbeitsminister auch einem Treffen der Koalitionsrunde im Kanzleramt fern.Bild 45 von 54 Mittlerweile habe sie sich von der Operation "gut erholt", aber man müsse noch abwarten, hieß es aus Münteferings Umfeld zum aktuellen Zustand.Bild 46 von 54 Es ist erst zwei Monate her, dass der Sozialdemokrat angekündigt hatte, noch "mindestens" bis zum 70. Lebensjahr als Politiker weiterzumachen.Bild 47 von 54 "Ich bin gerne Vizekanzler und Minister", gab er zu.Bild 48 von 54 Damit ist es nun vorbei.Bild 49 von 54 Müntefering erklärte seinen Rücktritt von beiden Ämtern.Bild 50 von 54 Bundeskanzlerin Merkel lobte daraufhin die Zusammenarbeit mit dem scheidenden Arbeitsminister.Bild 51 von 54 CDU-Generalsekretär Pofalla äußerte Respekt und Bedauern über die Entscheidung des SPD-Politikers: "Franz Müntefering war eine wichtige Stütze für die erfolgreiche Arbeit der großen Koalition", sagte er.Bild 52 von 54 Nach Einschätzung der Grünen markiert der Rückzug Münteferings einen tiefen Einschnitt. "Er wird in der Regierung und in der SPD nicht so leicht zu ersetzen sein", sagte Grünen-Chef Bütikofer. "Franz Müntefering war eine der entscheidenden Stützen dieser Regierung".Bild 53 von 54 Und - so prophezeit einer von Münteferings Vertrauten - es wird "nicht so lange dauern, da wird die SPD wissen, was sie an ihm hatte".Bild 54 von 54