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Für Barack Obama beginnt der große Tag in der Kirche.
Es ist kurz vor neun, als er die St. John's Episcopal Church betritt, das frisch renovierte Gotteshaus gegenüber vom Weißen Haus. Dies gehört zur Tradition für angehende Präsidenten.
In ein paar Stunden wird Obama das mächtigste Amt übernehmen, das die Welt zu vergeben hat.
Während Obama die letzte Stunde der Ruhe erlebt, kämpft sich das Heer der Normalsterblichen zu den Örtlichkeiten der historischen Ereignisse vor.
Lange vor dem Morgengrauen strömen die Menschen aus allen Himmelsrichtungen zum Kapitol und der National Mall.
"Yes We Can" rufen die Menschen in den U-Bahnen und den vollen Pendlerzügen.
Es ist bitterkalt an diesem Morgen.
Trotzdem ist die Stimmung ausgelassen.
Viele, die an diesem Tag die Innenstadt bevölkern, sind Schwarze. Dennoch ist es kein Fest der Schwarzen, das Amerika an diesem Tag erlebt.
Bei CNN zeigen sich auch konservative Kommentatoren von dem Augenblick berührt. "It's history in the making", sagen die Amerikaner, man erlebt Geschichte hautnah.
Derweil statten die Obamas dem scheidenden US-Präsidenten einen Besuch ab. Das Treffen hat fast privaten Charakter, gehört jedoch ebenfalls zu den zahlreichen Traditionen im Ritual der Inauguration.
Für Obama ist es der letzte Besuch im Weißen Haus als Gast, für Bush der letzte Auftritt als Gastgeber dort: Hinter dem Weißen Haus stehen Möbelwagen; Aus- und Einzug finden parallel statt. Auch das gehört zum Tag der Inauguration.
Zuerst verlassen Michelle Obama und Laura Bush das Weiße Haus. Sie fahren gemeinsam zum Kapitol.
Vizepräsident Dick Cheney fährt mit Joe Biden, seinem Nachfolger. Cheney sitzt im Rollstuhl. Präsidentensprecherin Dana Perino zufolge hat der 67-Jährige sich beim Kistenpacken für den Umzug in seine neue Wohnung verhoben.
Auch Lynn Cheney und Jill Biden fahren im selben Auto. Die Stimmung zwischen ihnen dürfte etwas besser sein als zwischen ihren Männern; Biden hatte den sehr umstrittenen Cheney im Wahlkampf mehrfach scharf angegriffen.
Als letzte treten Barack Obama und George W. Bush aus dem Amtssitz des Präsidenten. Sie besteigen den Cadillac, der Obama als Präsidentenauto dienen wird.
Dennoch sitzt Bush rechts - die rechte Seite ist im Washingtoner Protokoll dem Mächtigeren vorbehalten. Und das ist Bush - noch.
Auf der Bühne vor dem Kapitol werden die noch lebenden Ex-Präsidenten eigens begrüßt:
Jimmy Carter, ...
... George Bush ...
... und Bill Clinton.
Wem Obamas Stabschef Rahm Emanuel hier wohl eine Nase dreht?
Als George W. Bush bei der Zeremonie auf dem Westflügel des Kapitols vor das Volk tritt, ertönen Buh-Rufe - einer den wenigen Misstöne an diesem sonst auf Harmonie ausgerichteten Tag.
Die Inauguration ist eine Inszenierung, doch die Stimmung auf der Tribüne ist locker.
Obama begrüßt Senator Edward Kennedy, der ihn schon im Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton unterstützt hatte.
Joe Biden schaut sich Fotos an, die Malia Obama (rechts hinter ihrem Vater) gemacht hat. In der Mitte des Bildes Obamas Schwiegermutter, die ebenfalls ins Weiße Haus einzieht.
Irgendwann zwischen dem Aufbruch am Weißen Haus und der Vereidigung des Vizepräsidenten verliert die Inszenierung ein paar Minuten.
Aretha Franklin singt die Freiheitshymne "Let Freedom Ring".
Viele sind gekommen: Beyoncé und Jay-Z, ...
... Oprah Winfrey und ihr Lebensgefährte Stedman Graham, ...
... Muhammad Ali, ...
... Dustin Hoffman, ...
... Zentralbank-Chef Ben Bernanke, ...
... Ex-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Al Gore mit Frau Tipper, ...
... Box-Promoter Don King, ?
? die Schauspieler Samuel L. Jackson (l.), Angela Bassett und Denzel Washington, ...
... Bruce Springsteen.
Es ist 18.05 Uhr - laut Verfassung ist er seit fünf Minuten im Amt -, als Barack Obama die Eidesformel spricht: Er stockt dabei, weil John Roberts, der Oberste Richter der USA, sich verspricht.
"Ich, Barack Obama, schwöre feierlich, dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreulich verwalten ...
... und die Verfassung der Vereinigten Staaten nach besten Kräften erhalten, schützen und verteidigen will."
Obama hat die Hand auf derselben Bibel, die schon Abraham Lincoln 1863 benutzt hatte - Lincoln, der Präsident, der die Sklaven befreit hat.
Die Worte des Amtseides sind verklungen, es bleibt still. Dann kommt Jubel auf.
Nicht wenige Zuschauer weinen.
"Es war wie eine Explosion der Freude", schwärmt eine junge Frau in der Menge. Zwei Millionen sollen sich in Washington versammelt haben.
Anschließend: die Inaugurationsrede. Obama hatte im Vorfeld versucht, die hohen Erwartungen zu dämpfen. Das gelang ihm nicht.
Zumindest die Journalisten erwarten einen Satz wie "das einzige, vor dem wir Angst haben müssen, ist die Angst selbst" (Roosevelt, 1933) oder ...
... "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann; fragt, was ihr für euer Land tun könnt" (Kennedy, 1961).
Es wird eine Rede mit vielen Höhepunkten.
"Liebe Mitbürger, ich stehe heute hier und komme mir angesichts der Aufgabe, die vor uns liegt, klein vor."
"Dass wir inmitten einer Krise stecken, ist mittlerweile bekannt. Unsere Nation steht im Krieg gegen ein weitreichendes Netzwerk von Gewalt und Hass. ...
... Unsere Wirtschaft ist massiv geschwächt als Folge der Gier und Verantwortlungslosigkeit einiger, aber auch des gemeinsamen Versagens dabei, schwere Entscheidungen zu treffen und die Nation auf ein neues Zeitalter vorzubereiten. ...
... Häuser sind verlorengegangen, Jobs wurden abgebaut, Unternehmen zerstört. Unser Gesundheitswesen ist zu teuer, zu viele schaffen unsere Schulen nicht, ...
... und jeder Tag zeigt aufs Neue, dass die Art und Weise unseres Energieverbrauchs unsere Feinde stärkt und unseren Planeten bedroht."
"Ich sage Ihnen heute, dass die Herausforderungen, vor denen wir stehen, echte Herausforderungen sind. Sie sind ernst und zahlreich. Sie werden nicht einfach oder kurzfristig zu lösen sein. Aber Amerika, sei versichert: Sie werden gelöst."
"An diesem Tag kommen wir zusammen, denn wir haben uns für die Hoffnung statt für die Angst entschieden, für das gemeinsame Ziel über Uneinigkeit und Zwietracht."
Indirekt, aber sehr deutlich distanziert Obama sich von der Politik seines Amtsvorgängers. Er warnt davor, aus falscher Berechnung die Ideale der Menschenrechte aufzugeben.
Amerikas Gründungsväter hätten "mit ihrem Blut" die Demokratie sowie Bürger- und Menschenrechte erkämpft, die es zu erhalten gelte. "Wir weisen die Wahl zwischen Sicherheit und unseren Idealen zurück."
"Wir wissen, dass unser zusammengewürfeltes Patchwork-Erbe eine Stärke ist, keine Schwäche. Wir sind eine Nation von Christen und Muslimen, Juden und Hindus - und Nicht-Gläubigen."
Er spricht sogar "das kleine Dorf" an, "in dem mein Vater geboren wurde".
Auch dort wird seine Rede verfolgt.
Und eine weitere Stelle gibt es, in der Obama von seinem Vater spricht: "Ein Mann, dessen Vater hier vor weniger als 60 Jahren nicht einmal in einem Lokal bedient worden wäre, kann nun vor Euch stehen und diesen heiligen Eid schwören."
Trotz der deutlichen Kritik an der Bush-Regierung ist der Umgang zwischen dem alten und dem neuen Präsidenten freundschaftlich. Bush umarmt Obama nach dessen Rede.
Dann begleiten die Obamas George W. und Laura Bush zu ihrem Hubschrauber. Sie fliegen nach einem Zwischenstopp auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews bei Washington weiter nach Texas.
Die erste Nacht nach dem Ende seiner Amtszeit wollen die Bushs auf ihrer Ranch in Crawford verbringen.
Derweil unterzeichnet Obama als erste Amtshandlung eine Proklamation für einen Nationalen Tag der Erneuerung und Versöhnung. Darin ruft er die Amerikaner auf, füreinander da zu sein.
Anschließend findet im Festsaal des Kapitol ein Mittagessen zu Ehren des neuen Präsidenten statt.
Während des Essens ...
... bricht der an Krebs erkrankte Edward Kennedy zusammen.
Zu Beginn seiner Ansprach vor den Gästen sagt Obama: "Ich würde lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass im Moment ein Teil von mir bei ihm ist."
Anschließend nimmt Obama eine Parade vor dem Kapitol ab, ...
... und macht sich dann auf den Weg zum Weißen Haus.
Auf halbem Weg zwischen Kapitol und Weißem Haus lässt Obama seine Wagenkolonne anhalten, um den Weg zu Fuß fortzusetzen.
Begleitet vom tosenden Applaus der Zuschauer läuft er einige Minuten Hand in Hand mit seiner Frau Michelle die Pennsylvania Avenue entlang. Später steigen sie wieder in ihre gepanzerte Limousine.
Die frisch gebackene First Lady der USA, Michelle Obama, trägt an diesem kalten Tag übrigens ein Mantel-Kleid-Ensemble der amerikanischen Designerin Isabel Toledo.
Knapp fünf Stunden nach seinem Amtseid betritt Obama erstmals in seiner neuen Funktion als US-Präsident das Weiße Haus.
Hier verfolgen die Obamas von einer eigens für diesen Tag gezimmerten Tribüne das Defilee der traditionellen Inaugurationsparade.
An der Parade nehmen mehr als zehntausend Soldaten und Zivilisten teil.
Nach der Parade geht es weiter für das neue Präsidentenpaar.
Während Obamas Vorgänger Bush zu dieser Zeit vor vier Jahren längst erschöpft im Bett lag, ...
... fahren Obama und die First Lady Michelle in der Nacht noch durch Washington.
Zehn Bälle besuchen sie und machen auch hier eine gute Figur.
Wer für die offiziellen Bälle keine Karte hat, ...
... der feiert in Kneipen, Clubs oder auf Privatpartys - in den USA genauso ...
... wie in Berlin, ...
... Jakarta - hier tanzen Schüler der Schule, die der kleine Barack einst besuchte - ...
... oder an der Barack Obama Nyang'oma Kogelo Grundschule in Kenia. (Bilder: rts / dpa / AP)
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