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Auf den ersten Blick waren die Kandidaten für das Amt des US-Präsidenten selten so unterschiedlich: Schwarz und jung gegen weiß und alt. Europa hat seinen US-Präsidenten schon gewählt. Wer aber weiß hierzulande schon so genau, wer welche Politik vertritt?
John McCain: Der politikerfahrene Republikaner und Vietnamveteran steht in Deutschland mit seinem etwas verbissenen Lächeln für das konservative Amerika der Demokratiemissionare. Doch in seiner Partei gilt er trotz seiner 72 Jahre häufig als progressiver Sonderling.
Barack Obama: Der charismatische Demokrat mit Politik- und Jurastudium steht mit seinem gewinnenden Lachen auch bei uns für den Wechsel von einer kriegerischen zu einer friedlichen, von einer expansiven zu einer integrativen Weltmacht.
Während der Senator aus Arizona als Kriegsinvailde etwas spröde, vierschrötig und unbeholfen wirkt, ...
... kommt der Senator aus Illinois bei öffentlichen Auftritten jovial, dynamisch und federnden Schrittes daher.
Tatsächlich jedoch stehen sich McCain und Obama politisch näher, als ihre Parteizugehörigkeit vermuten lässt, und wer für Deutschland und Europa die bessere Wahl wäre, ist nicht so eindeutig, wie manch einer glauben möchte.
Diesseits des Atlantiks interessieren vor allem die Außenpolitik und die Wahrung der Menschenrechte im Kampf gegen den Terrorismus. Mittelfristige Ziele beider Kandidaten sind der Frieden im und mit dem Nahen Osten und seine wirtschaftliche Eigenständigkeit.
Während sich Obama für den multilateralen Dialog ausspricht, setzt McCain auf politischen und militärischen Druck auf Syrien und Iran. Beide Länder unterstützen offenbar irakische Rebellen und bedrohen Israel. Bisher haben Gespräche wenig Wirkung gezeigt.
Der Demokrat war schon immer gegen den Irakkrieg. Sein Ziel ist eine politische Lösung des Bürgerkrieges und der Abzug der US-Truppen binnen 16 Monaten. Gleichzeitig kündigt er an, den Krieg gegen Al Kaida in Afghanistan mit internationaler Beteiligung auszuweiten.
Der Republikaner setzt eher auf die militärische Stärke der USA. Er will die Streitkräfte vergrößern und effizienter machen, um weiterhin die Interessen der Vereinigten Staaten und ihrer Bündnispartner zu verteidigen.
Für uns bedeutet das: Obama wird die NATO-Partner in die militärische Pflicht nehmen und mehr Truppen für den Kampf gegen die Taliban fordern. Allerdings dürfte auch McCain ein Interesse an einem stärkeren Engagement der Europäer haben.
Guantánamo ist zum Inbegriff für die Verletzung von Menschenrechten geworden. Beide Kandidaten sprechen sich für die zeitnahe Schließung des berüchtigten Gefangenenlagers auf Kuba aus.
Als Opfer von Folter im Vietnamkrieg setzte sich McCain schon nach dem Skandal in Abu Ghraib gegen Folter in US-Gefangenenlagern ein. Überraschend kam daher seine Ablehnung eines Urteils, das Kriegsgefangenen Zugang zu ordentlichen US-Gerichten gewährte.
Ein hehres Ziel, das sich Barack Obama gesetzt hat, ist die Abschaffung von Nuklearwaffen. Dabei zielt sein Plan vor allem darauf ab, keine Etablierung neuer Atommächte zuzulassen. Mit Russland will er den Dialog zur Abrüstung suchen.
Die Verpflichtung gegenüber den Veteranen betont auch der Liebling der Deutschen. Die Verehrung der Soldaten als Hüter der Freiheit wirkt hierzulande möglicherweise befremdlich, ist aber ein wichtiges Element im Nationalbewusstsein der USA.
Einig sind sich die Kandidaten, dass Klimapolitik wichtig ist. Beide wollen - ähnlich wie bei uns - Emissionszertifikate einführen. Obama will den CO2-Ausstoß auf 20 Prozent des Niveaus von 1990 senken. McCains Ziel liegt bei 40 Prozent für sämtliche Treibhausgase.
Zusätzlich will Obama 150 Mrd. Dollar in saubere Technologien investieren. Aber Amerikaner schätzen keine Subventionspolitik. Ein Klassiker ist der Vorwurf, ein Kandidat wolle die Steuern erhöhen - dies wirft McCain Obama mit Blick auf dessen Energiepolitik vor.
Die Immigrationsfrage ist nicht nur für die vielen Illegalen, sondern auch für US-Bürger von zentraler Bedeutung. Beide Kandidaten wollen die Grenzen sicherer machen, um weitere illegale Immigration einzudämmen.
Sie wollen Arbeitgeber von Illegalen deutlich empfindlicher bestrafen als bisher. Sowohl Obama als auch McCain machen sich zur Aufgabe, den Status von Einwanderern unbürokratischer zu klären und Migrantenfamilien schneller zusammenzuführen.
Für Europäer schwer nachzuvollziehen ist das Grundrecht auf Waffenbesitz. Soeben wurde es vom obersten US-Gericht bestätigt. Beide Kandidaten halten es für das Recht jedes Amerikaners, eine Waffe zu tragen. Zur Erinnerung: Schweizer haben dieses Recht auch.
Die Todesstrafe befürworten sowohl McCain als auch Obama. In Illinois hatte sich der Demokrat für ein Gesetz eingesetzt, das Justizirrtümer bei Todesurteilen verhindern soll.
Beide wollen das Gesundheitssystem reformieren. Der Demokrat will alle Amerikaner versichert wissen und dafür die Arbeitgeber in die Pflicht nehmen. Der Republikaner lehnt das ab, um kleine Geschäfte nicht zu belasten. Er will die Familien finanziell unterstützen.
Barack Obama dürfte sich engagierter für die Gleichbehandlung von Ethnien und Geschlechtern einsetzen. Er plant umfassende Reformen. Dazu gehören die Durchsetzung gleicher Bezahlung, Kinderbetreuung und eine verbesserte medizinische Hilfe für Frauen.
McCain setzt stärker auf Selbstverantwortung. Jeder Schüler soll seine Schule frei wählen. Der so entstehende Wettbewerb sortiert schlechte Schulen aus, weil sie mit den Schülern die Fördergelder verlieren. Die Bildung soll sich so westlichen Standards anpassen.
Dieses "No Child Left Behind"-Programm stammt von George W. Bush. Aber auch der demokratische Senator will an ihm festhalten und kündigt - wie sein republikanischer Kontrahent - eine konsequentere Durchsetzung und die Verbesserung des Bildungsstandards an.
Obama geht noch einen Schritt weiter. Er will sich als Präsident für Früherziehung ab dem ersten bis zum fünften Lebensjahr einsetzen. Außerdem will er die Chancen auf einen unentgeltlichen Hochschulzugang verbessern und sozial schwache Bewerber fördern.
Besorgt blicken die US-Bürger auf den Financial District in Manhattan und die schwächelnde Wirtschaft. Beobachter sprechen McCain hier die größere Kompetenz zu. Eine Reihe renommierter Ökonomen unterstützt ihn auf seiner Internetseite.
Der hohe Ölpreis in Verbindung mit dem schwachen Dollar ...
... und die Immobilienkrise machen den USA zu schaffen wie wohl keinem anderen Land der Erde.
US-amerikanische Arbeitnehmer leiden genauso unter dem Kostendruck aus Fernost wie europäische. Beide Präsidentschaftskandidaten versprechen, die Wirtschaft anzukurbeln.
Einig sind sie sich darin, dass die Steuern gesenkt werden müssen. Obama will über die Einkommenssteuer direkt die Familien entlasten, um den Konsum anzutreiben. McCain verspricht ein vorübergehendes Aussetzen der Kraftstoffsteuern, was Obama als Strohfeuer ablehnt.
Außerdem baut McCain darauf, durch ein Absenken der Körperschaftssteuer den Arbeitsmarkt zu beleben. Insgesamt will er das Steuersystem vereinfachen. Das kommt auch Kleinunternehmern zugute.
Während McCain die Wirtschaft durch Außenhandel stärken will, warnt Obama in seinem Wahlprogramm vor internationalen Abkommen. Sein Protektionismus könnte vor allem Deutschland und den anderen großen Handelspartnern China, Japan und Großbritannien schaden.
Ein Blick nach Washington D.C. zeigt: Der große Wandel, wie Barack Obama ihn sich auf die Fahne schreibt, dürfte schwer umzusetzen sein. Durch das Prinzip der "Checks and Balances", der Gewaltenteilung, hat der amerikanische Präsident einen recht engen Handlungsspielraum.
Vor allem der Kongress bildet ein Gegengewicht. Das Legislativorgan besteht aus dem Repräsentantenhaus, in dem die 50 Bundesstaaten im Verhältnis ihrer Einwohnerzahl vertreten sind, und dem Senat, in den jeder Bundestaat zwei Senatoren entsendet.
Hierher kennen sich die beiden Senatoren. Im Januar 2006 referierten sie über den dringenden Bedarf, die Regeln für Lobbyisten in der ältesten Demokratie der Welt von Grund auf zu überholen. In diesem Punkt herrscht Einigkeit.
Der Einfluss der Interessengruppen ist nach wie vor sehr stark. Sie bilden das private Gegengewicht zu den staatlichen Organen. Viele der "Political Action Commitees" und Lobbyisten sitzen an der Washingtoner K Street und machen ihren Einfluss geltend.
Seit 1960 lag das Meinungsforschungsinstitut Gallup mit seiner Vorhersage 100 Tage vor den Wahlen nur zweimal falsch. Damals schob sich John F. Kennedy noch an Richard Nixon vorbei.
Zuletzt war es 1988 George Bush Senior, der auf der Zielgeraden den Demokraten Michael Dukakis überholte.
Jetzt liegt Barack Obama in den Umfragen vor John McCain: Gallup sieht ihn mit 47 gegen 41 Prozent vorn. Am 4. November 2008 fällt die Entscheidung.
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