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Mit großen Erwartungen legt die große Koalition aus SPD und Union vor einem Jahr los. Kanzlerin Merkel und ihr Erster Offizier, Vize-Kanzler Franz Müntefering, starten zuversichtlich in die raue See der Reformen.
Zwar gibt die Kanzlerin die Richtlinien der Politik vor, die Qualität der Ergebnisse hängt jedoch enorm von den Ministern ab. Hier der Blick ins Detail...
Arbeitsminister Franz Münterfering (SPD): Der Vizekanzler und einstige SPD-Chef hat sich zum Anker der Großen Koalition entwickelt. In seinem Ressort: durchaus Erfolge.
Die Arbeitslosenzahl sinkt auf den niedrigsten Stand seit vier Jahren. Bei der Arbeitslosenversicherung werden Arbeitnehmer und Arbeitgeber 2007 um 17 Milliarden Euro entlastet.
Müntefering hat sich das Gelingen der Koalition in den Kopf gesetzt. An Schärfe allerdings gewinnt sein Ton, wenn die Union mehr will als der Koalitionsvertrag hergibt. Beispiel: Kündigungsschutz und ALG I.
Seine eigene Partei bringt er mit der Rente ab 67 gegen sich auf.
Nur selten meldet sich der Vize-Kanzler in Koalitionsquerelen öffentlich zu Wort. Und wenn, dann schießt er gegen die Ministerpräsidenten der Union, aber nie gegen Kanzlerin Merkel direkt.
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD): Steinmeier startet als Krisenmanager in sein neues Amt. Zunächst wegen der Entführung von Deutschen im Irak, dann in eigener Sache.
Berichte über die Entführung eines Deutschen durch die CIA und die Gefangenschaft des Deutsch-Türken Murat Kurnaz im US-Lager Guantanamo setzen den Ex-Kanzleramtschef unter Druck.
Auch stellt Merkel ihn mit ihren eigenen internationalen Auftritten zunächst deutlich in den Schatten. Eine Tendenz, die sich inzwischen umgekehrt hat. Steinmeier zählt - als Außenminister fast schon traditionell - zu den beliebtesten Politikern.
Im Atomstreit mit dem Iran übernimmt er eine Schlüsselrolle als Vermittler und gewinnt an Profil.
Die schwierigste Herausforderung bislang: der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah.
Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU): Schäuble hat erwartungsgemäß keine Schwierigkeiten bei der Einarbeitung in sein Amt, schließlich leitete er das Ressort bereits von 1989 bis 1991 unter Kanzler Kohl.
Reibungslos setzt er Themen, arbeitet Probleme wie die lang umstrittene Anti-Terror-Datei ab, verfolgt alte Lieblingsideen wie den Einsatz der Bundeswehr im Inneren und leistet sich keine auffälligen Fehler.
Er wirkt milder als früher - und weniger herrisch als sein Vorgänger Otto Schily.
Das jedenfalls sagen seine Mitarbeiter im Ministerium.
Und Schäuble profitiert in der öffentlichen Wahrnehmung auch von der Fußball-Weltmeisterschaft, die Millionen Ausländern (und Deutschen) ein völlig neues Deutschland-Bild verschafft.
Finanzminister Peer Steinbrück (SPD): Mit ihm hat sich die Koalition für den zentralen Bereich der Finanz- und Steuerpolitik einen Mann mit Durchsetzungskraft und pragmatischer Grundhaltung geholt. Von seiner Bilanz hängt wesentlich der Erfolg der Regierung ab.
Der sturmerprobte Norddeutsche hält allen Orkanen stand, die wegen der zunächst angekündigten Rekord-Neuverschuldung über ihn hinweg fegen.
Dank der günstigen Konjunktur strömt dann aber mehr Geld in seine Kassen, so dass der Konsolidierungskurs besser ausfällt als erwartet.
Und mit der Unternehmenssteuerreform, die er gemeinsam mit Roland Koch zu Papier bringt, kann er eines der nächsten Reformprojekte der Koalition Richtung Vollendung bringen.
Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU): Er legt den holperigsten Start im Merkel-Kabinett hin; auch, weil er nach der Absage von Edmund Stoiber überraschend ins Amt kommt.
Als Mann ohne große Verwaltungserfahrung übernimmt er ein Ressort, das als extrem schwierig und in den Kompetenzen als bescheiden gilt. In den großen Wirtschaftsverbänden werden ihm zwar Fortschritte attestiert, überzeugt von großer Kompetenz sind jedoch nur wenige.
Aufsehen erregt er zunächst nur als der Unionsminister, der am beharrlichsten für eine Revision des Atomausstiegs eintritt.
Auch beim Thema weitere Reformen bezieht Glos immer wieder Positionen, die in der Koalition kaum konsensfähig sind.
Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD): Er profiliert sich zunächst als Verteidiger des Atomausstiegs und somit als Gegenpart zu Wirtschaftsminister Glos. Im Kampf gegen hohe Strompreise liefern sich die beiden inzwischen scharfe Duelle.
Ein Instrument dabei ist der Emissionshandel, den Gabriel forciert.
Der SPD-Mann versucht, die Umweltpolitik stärker ins Gespräch zu bringen, orientiert sich dabei an typisch grüner Politik.
Dabei betont er die Bedeutung der Ökostrom-Branche in Deutschland und für den Export.
Um sie zu stärken, bringt er sogar ein "grünes Wirtschaftskabinett" ins Gespräch, das sich um die Exportförderung kümmern soll. Hierbei allerdings wird er vom Kanzleramt zurückgepfiffen.
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD): Obwohl sie als rheinische Frohnatur gilt, vergeht ihr das Lachen während der Diskussion um die Gesundheitsreform recht oft.
Als Ressortchefin muss sie zwischen den beiden extrem unterschiedlichen Ausgangsmodellen von SPD und Union vermitteln. Das Ergebnis ist ein Kompromiss, der hinter ihren eigenen Forderungen weit zurück bleibt.
Zwischenzeitlich sieht es sogar so aus, als müsse Schmidt als Bauernopfer herhalten, damit überhaupt eine Einigung gelingt.
Die Union wirft ihr vor, die ausgehandelten Eckpunkte nicht angemessen umgesetzt zu haben. Und die SPD moniert, sie habe Leitlinien der Partei zu schnell aufgegeben.
Am Ende geht sie aber trotz des extrem mageren Ergebnisses wohl gestärkt aus der Debatte um die Gesundheitsreform.
Und: Ihr wird ein gutes Verhältnis zur Kanzlerin nachgesagt.
Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU): Jung muss neben Wirtschaftsminister Glos die meiste Kritik für sein teilweise unglückliches Auftreten in der Öffentlichkeit einstecken.
Im Kabinett muss er jedoch auch ein großes Arbeitspensum bewältigen. Neu im Amt, muss er den Kongo-Einsatz der Bundeswehr stemmen. Und nur wenige Wochen später steht der bewaffnete Einsatz der Bundeswehr im Libanon vor der Tür.
Dazu kommen das Weißbuch, die Totenschädel-Affäre und immer wieder verbale Querschläger seines Vorgängers Peter Struck.
Zu Gute gehalten werden ihm die schwierigen Startbedingungen und sein Fleiß.
Jung gilt als Vertreter des einstigen Merkel-Widersachers Koch im Kabinett - und damit als so gut wie unkündbar.
Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU): Die siebenfache Mutter steht für die Einführung des Elterngeldes zum Jahreswechsel. Aus Sicht der Kanzlerin eine der wichtigsten Weichenstellungen, die der Koalition gelungen ist.
Tatsächlich wird das Elterngeld die Legislaturperiode überdauern. Von der Leyen hat in der Debatte um die neue einkommensabhängige Förderung vor allem mit Widerstand aus der CSU zu kämpfen.
Die mit dem Elterngeld beabsichtigte stärkere Einbeziehung der Väter in die Kinderbetreuung ist vielen Unionspolitikern ein Dorn im Auge.
Die enge Vertraute der Kanzlerin sorgt aber schließlich dafür, dass hier in der Union ein Umdenken einsetzt.
Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD): Leipzigs ehemaliger Bürgermeister hat mit dem Bahn-Börsengang ein besonders kompliziertes Vorhaben der Koalition umzusetzen. Obwohl das Projekt schon kurz vor dem Scheitern steht, erreicht Tiefensee mit Kanzleramt und Fraktionen einen Kompromiss.
Als Erfolg kann er das milliardenschwere Gebäudesanierungsprogramm verbuchen, das nochmal aufgestockt wird.
Es schafft Arbeitsplätze - gerade in der mittelständischen Baubranche.
Und so unterstützt Tiefensee auch Ostdeutschland, für das der Minister im Kabinett ebenfalls zuständig ist.
Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU): Im ersten Jahr muss er sich vor allem als Krisenmanager bewähren. Auf den Gammelfleisch-Skandal und die Vogelgrippe reagiert er mit schärferen Gesetzen, Kontrollen und Auskunftsrechten.
Im Kampf gegen die Vogelgrippe verhängt Seehofer zudem eine bundesweite Stallpflicht, was ihm nicht nur Lob einbringt.
Als Agrarminister lehnt er - anders als seine Vorgängerin Künast von den Grünen - eine Vorrangstellung der Biolandwirtschaft gegenüber dem konventionellen Anbau ab.
Der SPD gibt Seehofer oft Anlass für Reibereien - etwa beim Verbraucherinformationsgesetz, das inzwischen viele Experten für halbherzig halten.
Aus der Gesundheits- und Rentenpolitik hält sich Seehofer trotz seiner Vergangenheit als Sozialexperte bis auf wenige Ausnahmen heraus. Allerdings gilt er als Favorit, sollte das Gesundheitsministerium neu besetzt werden.
Bildungsministerin Annette Schavan (CDU): Obwohl Kanzlerin Merkel die Bereiche Forschung, Entwicklung und Bildung zu einem Schwerpunkt ihrer Amtszeit erklärt und ihre enge Vertraute Schavan damit betraut, bleibt die Ressortchefin bisher im Hintergrund.
Die High-Tech-Strategie zur Förderung von Innovationen mit einem Volumen von 15 Milliarden Euro bringt sie nahezu geräuschlos auf den Weg.
Und die Gefahr, im persönlichkeitsstarken Merkel-Kabinett zu verblassen, steigt weiter für Schavan.
Im Zuge der Föderalismus-Reform werden ihre Kompetenzen nämlich massiv zu Gunsten der Bundesländer eingeschränkt.
Justizministerin Brigitte Zypries (SPD): Zypries zeichnet sich im Kabinett selten durch laute Töne aus. Sie arbeitet lieber im Hintergrund und zieht von dort ihre Fäden.
Eine der wenigen Ausnahmen ist das Antidiskriminierungsgesetz, das die Justizministerin führend verhandelt und das nach langem Ringen in entschärfter Form verabschiedet wird.
Große Projekte der Rechtspflege werden ihr darüber hinaus nicht zugeschrieben.
Ihren "Pragmatismus im Alltäglichen", wie unlängst eine Zeitung über sie titelt, stellt sie jedoch durch kleinere Gesetzesvorhaben unter Beweis. Das reicht vom Gesetz gegen das Stalking bis hin zum modernisierten Unterhaltsrecht.
Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SDP): Sie soll für Kontinuität bei einem Herzensthema der Sozialdemokraten sorgen, deren linken Flügel sie vertritt.
Mit einer traditionell pazifistisch-linken Position über den Krieg zwischen Israel und der Hisbollah gerät sie im Sommer in die Schlagzeilen, als sie entgegen der Koalitionslinie von Israel ein bedingungsloses Ende der Angriffe fordert.
Diese Position und die Kritik am Einsatz von Streubomben bringen ihr heftige Reaktionen ein.
Unter anderem fordert der Zentralrat der Juden ihren Rücktritt. Diese Krise jedoch scheint ausgestanden.
Chef des Bundeskanzleramtes und Minister für besondere Aufgaben Thomas de Maizière (CDU): Traditionell zieht der "Kanzleramtsminister" die Fäden im Hintergrund - bisher ohne große Reibungsverluste. De Maizière gilt als loyal gegenüber Merkel, ein wichtiges Merkmal des Amtes.
De Maizière koordiniert übergreifend die Arbeit der Ministerien. Er sei eine Mischung aus Erstem Offizier, Chef des Stabes, Lotse, Mediator, Sanitäter, Blitzableiter und Protokollchef, so der ehemalige sächsische Justiz- und Innenminister.
Gleichzeitig ist de Maizière der Bundesnachrichtendienst unterstellt. In diesem Zusammenhang koordiniert er auch die Zusammenarbeit der drei Nachrichtendienste des Bundes.
Und: Bei de Maizière liegt die Politik in der Familie. Sein Cousin Lothar war der letzte Ministerpräsident der DDR.
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