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Wie eine gewaltsam geöffnete Blechdose: Man kann sich ungefähr vorstellen, was passiert sein muss, wenn man diesen Londoner Bus sieht.
Das obere Deck ist komplett auf- und abgerissen. Mindestens 37 Menschen verloren ihr Leben, als sie am Morgen in die Innenstadt zur Arbeit oder zur Schule fahren wollten.
Zuletzt sprach man von 45 schwer verletzten und bis zu 700 leichter verletzten Menschen. Die Menschen, die aus dem U-Bahn-Schächten befreit wurden, berichteten von unglaublichen Szenen: ...
" (...) Andere haben mit bloßen Händen die Fenster des Waggons eingeschlagen und haben versucht mehr Sauerstoff in den Waggon herein zu lassen. Je mehr die Leute geschrieen haben, umso schwieriger wurde es natürlich. Einige Frauen fielen in Ohnmacht, manche Leute wurden sehr, sehr unruhig."
"Die Leute standen alle mitten im Waggon und haben im Prinzip darauf gewartet jetzt zu sterben. Ich habe wirklich gedacht, dass meine Stunde gekommen sei und ich glaube das dachten auch alle Anderen. Aber nach etwa einer halben Stunde haben die Leute dann angefangen auszusteigen – und zwar sehr ruhig – auf sehr kontrollierte Art und Weise."
Die, die nicht in der Bahn oder dem Bus waren, standen dennoch unter Schock: "Draußen wird dann gewartet, ich würde gerne nach Hause fahren aber jetzt hängen wir hier fest. Ich fühle mich ängstlich, mir ist irgendwie nach heulen zumute aber im Grunde geht es uns gut und das ist das Wichtigste. Uns ist nichts passiert – ganz einfach.“
Die Krankenhäuser der Stadt konnten irgendwann nur noch die schlimmsten Notfälle aufnehmen. Wie die Rettungsdienste mitteilten, waren mehr als 100 Krankenwagen und 40 Feuerwehrzüge im Einsatz. Ein Polizeisprecher sagte, man sei seit langem auf ein solches Ereignis im Detail vorbereitet.
Man wisse, dass London ein Ziel von Terrororganisationen sei und sei deshalb nicht überrascht gewesen. Auf das Blut an den Häuserwänden war bestimmt keiner vorbereitet.
Die erste Bombe explodierte um 08.51 Uhr Ortszeit (09.51 MESZ) in einem Zug in einem Tunnel nahe der Liverpool Street Station. Dabei wurden sieben Menschen getötet.
Vier Minuten später ging eine Bombe in einem Zug nahe der King's Cross Station hoch. 21 Menschen starben hier. Um 09.15 Uhr ereignete sich eine Explosion in einem Zug an der Edgware Road. Es gab ebenfalls sieben Todesopfer. Um 09.47 Uhr gab es eine Explosion in einem Doppeldeckerbus am Tavistock Square. Das Dach wurde abgerissen. Mindestens zwei Menschen starben.
Der gesamte Nahverkehr wurde über Stunden komplett lahmgelegt.
Premierminister Tony Blair sprach von Terroranschlägen und kündigte an, das G-8-Gipfeltreffen in Schottland umgehend zu verlassen. Am Abend kehrte er aber ins schottische Gleneagles zurück.
Im Internet tauchte ein Bekennerschreiben einer bislang unbekannten Untergruppe der El Kaida auf.
Auch Experten sagten, das Muster der Anschläge entspreche dem Vorgehen der radikal-moslemischen El-Kaida-Organisation.
King's Cross ist ein zentraler Umsteigebahnhof in London. Rettungshelfer sprachen von schrecklichen Verletzungen der Opfer.
Augenzeugen taumelten teils blutüberströmt im Schock durch die Innenstadt, in der weitgehend Chaos herrschte. Finanz- und Rohstoffmärkte reagierten nervös auf die Anschlagsserie. Europaweit wurden die Sicherheitsvorkehrungen in großen Städten verstärkt.
Es sei "ziemlich deutlich", dass es sich um terroristische Anschläge handele, sagte ein sichtlich geschockter Blair.
Auch die G-8 und die Europäische Union (EU) sprachen von barbarischen Anschlägen. Blair vermutete einen Zusammenhang mit dem G-8-Gipfel und nannte es ganz besonders grausam, dass die Anschläge an einem Tag verübt wurden, "an dem wir uns treffen, um etwas gegen die Probleme der Armut in Afrika zu unternehmen."
Kritiker haben den westlichen Staaten wiederholt vorgeworfen, über ihrem Krieg gegen den Terror eine seiner Ursachen, die Armut auf der Welt, zu vergessen.
Während Blair vorübergehend nach London reiste, setzten die übrigen Staats- und Regierungschefs, darunter Bundeskanzler Gerhard Schröder, ihre Beratungen fort.
Großbritannien war der engste Verbündete der USA im Irak-Krieg. Die von El-Kaida-Anhängern unterstützte Rebellion in dem Land richtet sich auch gegen die tausenden Soldaten, die Großbritannien bis heute in dem Golfstaat stationiert hat.
Eine "Geheimgruppe des Dschihads der El-Kaida in Europa" erklärte sich im Internet für die Anschläge verantwortlich. Die Echtheit der Erklärung konnte zunächst nicht überprüft werden.
Die italienische Nachrichtenagentur Ansa meldete, die Gruppe bedrohe zudem Italien und Dänemark, sollten sie ihre Truppen nicht aus den Konfliktgebieten Irak und Afghanistan abziehen.
Die Londoner Polizei erklärte, es sei noch zu früh, von Selbstmordattentaten zu sprechen.
In dem Chaos, das in den Stunden nach den Anschlägen in London herrschte, waren Ausmaß und Folgen zunächst nicht klar.
Kliniken und Rettungssanitäter sprachen von zahlreichen Opfern.
Über die Lautsprecher in den U-Bahnhöfen wurde der Betriebsstopp verkündet und erklärt: "In ganz London ist der Strom ausgefallen."
Londons Bürgermeister Ken Livingstone eilte aus Singapur an die Themse zurück. Seine Stadt war in dem ostasiatischen Stadtstaat am Vortag zum Austragungsort der Olympischen Spiele 2012 ausgewählt worden.
Die Londoner hatten die Entscheidung die halbe Nacht in der Innenstadt gefeiert - auf den Straßen und Plätzen, die Stunden später ins Chaos versanken.
Die Anschläge in London gehen nach Einschätzung des Terrorismus-Experten Rolf Tophoven auf islamistische Extremisten zurück.
Die Gleichzeitigkeit der Explosionen im Londoner Nahverkehr erinnere an die Handschrift islamistischer Attentäter, die etwa im vergangenen Jahr in Madrid auf ähnliche Weise Anschläge verübt hätten, sagte Tophoven gegenüber n-tv.
"Vieles lässt Parallelen zum 11. März letzten Jahres beim Anschlag in Madrid erkennen." Tophoven fügte hinzu: "Die Täter wollen viele Tote, möglicherweise noch mehr Verletzte."
London sei eine Hochburg islamistischer Propaganda in Europa, zumal der britische Premierminister Tony Blair als engster Verbündeter von US-Präsident George W. Bush gelte. "Es gab massive Drohungen, permanent seit der Involvierung der britischen Regierung in den Irak-Krieg."
Die Attentäter wollten mit dem Zeitpunkt der Anschläge - inmitten des G8-Gipfels - zeigen, dass sie operative Freiheit hätten und jederzeit zuschlagen könnten.
"Man hat zu lange in London weggeschaut, und war auch, was die Islamisten in ihrer Hetzpropaganda gegen den Westen betrieben haben, zu sehr nachsichtig", kritisierte Tophoven.
Er warnte aber vor Panikmache und Spekulationen, dass ähnliche Anschläge auch in Deutschland verübt werden könnten. "Berlin ist nicht London", sagte er.
Zwar wären islamistische Extremisten durchaus in der Lage, auch hier zu Lande Anschläge zu verüben. Noch sei allerdings unklar, ob Deutschland nicht mehr nur als Planungs- oder Vorbereitungsraum zu betrachten sei, sondern schon als Anschlagsraum.
Auch der Budapester Sicherheitsexperte Sebestyen Gurka sieht Hinweise auf die islamische Extremistengruppe al Kaida: "Als erstes fällt auf, dass die Anschläge synchronisiert waren, und das ist ziemlich typisch für El Kaida oder El-Kaida-verwandte Organisationen", sagte er.
Bei mehreren Anschlägen an einem Tag sei es ziemlich wahrscheinlich, dass dahinter eine bereits bekannte Organisation stehe. "Die Ähnlichkeiten zu Madrid sind ziemlich klar."
Augenzeugen berichteten von erschütternden Szenen:
"Ich war im Bus. Ich drehte mich um, und die Sitzreihen hinter mir waren weg."
Ein blutüberströmter Mann hält sich den Kopf, rennt mit Massen anderer Menschen aus einem zentral gelegenen Bahnhof. "Ich war am Anfang des Zuges, und die Menschen wurden schwer verletzt dort", sagte er. "Ich habe gehört, in den hinteren Waggons soll es noch schlimmer aussehen."
Die 49-jährige Loyita Worley war zwischen den Stationen Moorgate und Aldgate unterwegs, als ihr Zug von einer schweren Explosion erschüttert wurde.
"Ich sah ein orangenes Flackern an einer Seite des Tunnels." Die U-Bahn sei auf den Kopf gestellt worden. "Alles ist voller Blut. Viele wurden am Kopf verletzt."
Auf den Straßen versuchte die Polizei, Ordnung ins Chaos zu bringen. Sie errichtete Absperrungen, betreute die Verletzten, versuchte, Unterstützung zu geben.
Viele wollten so schnell wie möglich ihre Angehörigen verständigen. Die Telefonnetze waren schnell überlastet. In den Geschäften türmten sich Menschen, die Festnetztelefone nutzen wollen.
Ein Polizeisprecher forderte die Menschen öffentlich auf, zu Hause zu bleiben: "Es ist unmöglich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. U-Bahnen und Busse stehen still. Bleiben Sie, wo Sie sind."
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