Dienstag, 05. September 2006
"Kritiker unter ihrem Niveau": Grass dreht Spieß um
Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat am Montagabend in Berlin erstmals öffentlich sein autobiografisches Buch "Beim Häuten der Zwiebel" präsentiert. Dabei bekräftigte der Schriftsteller, dass er sich auch nach der massiven Kritik wegen seiner jahrzehntelang verschwiegenen Waffen-SS-Mitgliedschaft weiter in der Öffentlichkeit zu Wort melden werde. "Es war nicht einfach für mich in letzter Zeit, aber ich stehe nach wie vor auf beiden Beinen und werde auch weiterhin den Mund aufmachen", sagte Grass im Berliner Ensemble.
"Ich habe nicht gedacht, dass Literaturkritiker so unter ihrem eigenen Niveau argumentieren würden", meinte Grass unter Beifall des Publikums, darunter der Schriftsteller Volker Braun, der Berliner Akademie-Präsident Klaus Staeck, der SPD-Altpolitiker Egon Bahr und Pfarrer Friedrich Schorlemmer. Er habe länger gebraucht, um damit klarzukommen. Inzwischen habe er aber viele Zuschriften erhalten, die ihn stabilisiert hätten.
Zum Teil wurde Grass von seinen Kritikern vorgeworfen, in der Bundesrepublik als "Moralapostel" aufgetreten zu sein und viele seiner Gegner hart attackiert zu haben, ohne seine eigene Vergangenheit völlig aufzudecken. Er habe mit dieser Heftigkeit der Reaktionen nicht gerechnet, bekannte Grass bei der Lesung und in einem Gespräch mit "Aspekte"-Moderator Wolfgang Herles.
Grass, der am 16. Oktober 79 Jahre alt wird, sprach erneut über sein "nicht unbegründetes Misstrauen" gegenüber dem autobiografischen Schreiben. "Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie brüchig diese Erinnerung ist, die dazu neigt, zu beschönigen, sich aus dem Geflecht der Kompliziertheit zu befreien." Sein neues Buch handele daher auch von "diesen Wegen, Umwegen, Irrwegen", von "unterlassenen Fragen und Schweigen" eines 15-, 16-, 17-Jährigen, von der "Verführtheit einer Jugend und der Anbetung von Helden".
Vor dem von Claus Peymann geleiteten Berliner Ensemble zeigten Demonstranten einer "Berliner Anti-Nato-Gruppe" ein Transparent mit der Aufschrift "GraSS -du bist Deutschland" in schwarz-weiß-roten und schwarz-rot-goldenen Buchstaben und eine als Stahlhelm stilisierte braune Zwiebel. Der Schriftsteller sei "nicht verantwortungsvoll mit seiner Vergangenheit umgegangen".
Grass hat in seinem neuen Buch zum ersten Mal davon erzählt, dass er in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges als Jugendlicher kurzzeitig der Waffen-SS angehört hatte. Dies führte in den vergangenen Wochen zu einer heftigen Auseinandersetzung über Leben und Werk des Nobelpreisträgers.
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