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Go Lena!
Go Lena!(Foto: picture alliance / dpa)

Wadde hadde die denn da?: Unsere Lena für Deutschland

Ein Kommentar von Volker Probst

"Vorne schießt man die Tore", so Stefan Raab. Recht hat er. Und folgerichtig ist "Taken By A Stranger" das Lied, mit dem Lena beim Song Contest antreten wird. Abschluss eines verkorksten Vorentscheids und Startschuss zur Titelverteidigung.

Wow! Es gibt manchmal so Momente, in denen man sich selbst kneifen möchte. Nur um sicher zu gehen, dass man wirklich in diesem Gebilde namens Deutschland lebt. Keine Sorge, das Wort "stolz" liegt uns dabei natürlich absolut fern. So viel Abstand und politisch korrekte Haltung haben wir allemal. Drücken wir es also so aus: Es sind Momente, in denen man seine Landsleute (o.k, vielleicht nicht gleich alle, aber halt zumindest ein paar von ihnen) wider dem eigentlichen Erwarten am liebsten knuddeln möchte.

So einen Moment gab es zum Beispiel schon einmal vor ziemlich genau einem Jahr. Da nämlich, als beim Finale von "Unser Star für Oslo" die Anzeigetafel die 18-jährige Abiturientin mit dem schon im Namen verewigten Patchwork, Lena Meyer-Landrut, als Siegerin der Casting-Show verkündete. Und so einen Moment gab es nun wieder. Wenngleich in abgeschwächter Form. Dass "Taken By A Stranger" am Ende tatsächlich "Unser Song für Deutschland" werden würde, dämmerte einem schließlich im Verlauf der alles entscheidenden Abschlussshow immer mehr. Spätestens als Raab den Running-Gag "Mein Favorit kommt noch" auspackte und nicht etwa für seine eigenen Songs, sondern für den ausgefallenen Konkurrenten kräftigst die Werbetrommel rührte, war es eigentlich klar wie Kloßbrühe. Dennoch: Als das Ergebnis dann endlich auch unumstößlich feststand, musste man sich erst für einen kurzen Augenblick die Augen reiben, ehe sich ein Anflug von wohligem Kribbeln breit machte. Erst recht mit Blick auf die nur allzu deutliche Zustimmung von 79 Prozent, die ja schon beinahe einem Husni Mubarak zur Ehre gereichen würde.

Mut zum Risiko

Die TV-Zuschauer - jedenfalls die, die auch bei der dritten Show noch eingeschaltet haben - haben also wirklich Mut zum Risiko bewiesen. Oder, wie Raab es ausdrückte: "Vorne schießt man die Tore." Und je mehr man darauf herum denkt, umso mehr macht das Ganze Sinn. Zumindest unter den gegebenen Umständen der von Anfang an gesetzten Interpretin Lena und ihrer angestrebten Titelverteidigung. Denn: Es ist ja nicht so, dass es ähnliche Versuche anderer Länder, mit einem außergewöhnlichen Beitrag beim Song Contest zu punkten, nicht schon gegeben hätte. Außergewöhnlich im Sinne von innovativ und nicht etwa von peinlich, denn diese Versuche - shalali shalala - gibt es zu unserer großen Freude bekanntlich ebenfalls alle Jahre wieder mehr als genug. In der Regel allerdings, die Ausnahmen wie der personifizierte Finnen-Fasching Lordi nur bestätigen, fielen derart unkonventionelle Ansätze beim Grand-Prix-Publikum in der Vergangenheit gnadenlos durch.

Jippie! Wir haben einen Song bekommen.
Jippie! Wir haben einen Song bekommen.(Foto: picture alliance / dpa)

Hier aber kommt Lena ins Spiel: Die Kombination aus einer den Zuschauern bereits bekannten und - daran kann seit Oslo ja nun definitiv kein Zweifel mehr bestehen - länderübergreifend sympathischen Interpretin sowie einem aus der Reihe tanzenden Sound könnte sich in Düsseldorf als wahrer Trumpf erweisen. Dann nämlich, wenn es auch den Menschen im letzten Winkel Albaniens beim gereift daherkommenden Auftritt von "lovely Lena" im düsteren Elektrogewand auf einmal durch den Kopf schießt: "Wadde hadde die denn da?"

So könnte sich das scheinbare Risiko, auf "Taken By A Stranger" zu setzen, gar zum kalkulierbaren Wagnis entwickeln. Könnte, muss aber nicht. Nun komme allerdings niemand auf die Idee, Raab habe das vorausgesehen. Nein, vielmehr hilft das ihm - und uns - ein Stück weit aus der Patsche. Und das selbst, wenn das in Düsseldorf vom Ergebnis her komplett in die Hose gehen sollte. Total schlecht dastehen werden wir irgendwie sogar dann nicht.

Da ging die Düse

Beweise dafür, dass ihm zuletzt angesichts der anhaltenden Kritik an Lenas Titelverteidigung, der Song-Auswahl und den miesen Quoten von "Unser Song für Deutschland" doch ordentlich die Düse ging, lieferte Raab in den vergangenen Tagen selbst. Am eindeutigsten wurde das in einem Interview mit den Kollegen der "Süddeutschen Zeitung", in dem sich der offensichtlich angeschlagene Entertainer in Rage redete, zu einem platten Rundumschlag gegen "die Journalisten" ausholte und auch sonst manch ätzende Entgleisung vom Stapel ließ.

Wenn Raab etwa zynisch anmerkt, dass es ja wohl kein grundgesetzlich festgeschriebenes "Recht der Bevölkerung gibt zu entscheiden, wer zum ESC (Eurovision Song Contest) fährt", dann unterminiert das leider gewaltig frühere Aussagen von ihm. Zurecht wies er im vergangenen Jahr etwa darauf hin, dass sich die TV-Zuschauer für die Wahl Lenas auf die Schulter klopfen könnten. Denn genau das war die Stärke von "Unser Star für Oslo" - dass in einem gemeinschaftlich getragenen Konsens von der Jury im und von Teenies bis zu gestandenen Familienoberhäuptern vor dem Fernseher die damals Richtige für den Song Contest gefunden wurde. Diese Teilhabe - und damit auch diese Stärke - wurde nun einer fragwürdigen Mission geopfert. Aber, was damals richtig war, wäre es auch heute gewesen, jedoch nicht unbedingt wer.

Ausnahmetalent Lena

Und das ist keine Kritik an Lena als Person. Alle, die - ob damals oder heute - über sie herziehen, sollten sich einfach noch einmal vergegenwärtigen, dass sie ein 19-jähriges Mädel ist. Und allein das im Sinn reicht, um zu sagen, dass sie die Sache nicht nur vor und selbstredend in Oslo, sondern nun - unter schwierigen Rahmenbedingungen - auch schon mal vor Düsseldorf großartig gemeistert hat. Aus dem "Fan"-Alter sind wir wahrlich schon lange raus. Man kann jedoch auch ganz nüchtern und sachlich feststellen, dass Lena eines der Ausnahmetalente ist, die es immer mal wieder gibt, aber eben auch nicht so häufig.

Could be magic: Taken By A Stranger.
Could be magic: Taken By A Stranger.(Foto: picture alliance / dpa)

Dabei ist es völlig irrelevant, ob sie nun stimmlich die beste Sängerin auf Gottes Erden ist oder nicht (und sie ist beileibe keine schlechte). Wer dieses Argument ins Feld führt, ist offenbar dem ganzen Casting-Show-Gequatsche auf den Leim gegangen und vergisst, dass es hier nicht um Opern geht. Zu den Mechanismen, die über den Erfolg oder Misserfolg von Popmusik-Interpreten entscheiden, zählen ganz andere als der pure Gesang - Interpretation, Charisma, Verpackung, um nur einige zu nennen. Und: Wer ist denn bitteschön schon bei Dschinghis Khan, Guildo Horn oder Stefan Raab je auf die Idee gekommen, die Gesangsqualitäten zu hinterfragen?

Die Butter auf dem Brot

Doch auch wenn man das zugrunde legt, so ist Lena vor einer Gefahr wie alle anderen nicht gefeit: Sie kann bei zu viel medialer Präsenz nerven - wenn ihre CD-Werbung in Dauerschleife läuft, während sie uns von ihrem Tourplakat herunter auf dem Arbeitsweg anlächelt, uns aus dem Radio heraus unentwegt ansingt und aus dem Opel Satellite zuwinkt. Die Titelverteidigung beim Song Contest setzt dem eigentlich nur die Krone auf. So entsteht leider der Eindruck, dass das große Talent Lena hierzulande auf die Schnelle ziemlich gnadenlos verheizt wird, obwohl der 19-Jährigen eine Auszeit und Neuorientierug nach dem ganzen Rummel von Oslo im vergangenen Jahr vielleicht ganz gut getan hätte. Wollte sie nicht eigentlich viel lieber Schauspielerin werden als Sängerin?

Hinzu kommt, dass die Länder - solange sie keine Nachbarn oder sonst irgendwie Kumpel sind - sich beim Song Contest bekanntlich am liebsten nicht mal die Butter auf dem Brot gönnen würden. Für Deutschland galt das, wie wir wissen, die 28 Jahre vor Oslo allemal. Ein bisschen lässt sich das vielleicht mit Fußball vergleichen. Für die vielen kleineren Staaten ist Deutschland wahrscheinlich so etwas wie Bayern München. Und mal ehrlich: Wer möchte schon, dass Bayern Meister wird? Möglicherweise wäre das anders, wenn die Bayern 28 Jahre lang keinen Titel geholt und gerade einen, sagen wir Jürgen Klopp, besonders smarten Trainer hätten. Vielleicht würde man ihnen und ihm dann sogar einmal die Meisterschaft gönnen. Aber im Jahr darauf, nachdem sie mit breiter Brust angekündigt haben, jetzt natürlich in unveränderter Besetzung den Titel verteidigen zu wollen? Niemals!

Fehler im Konzept

All das hätte Raab nicht nur wissen können, sondern müssen. Dafür ist er nun wahrlich Medien-Profi genug. Und obwohl bei aller Euphorie über den Sieg in Oslo viele Journalisten (und nicht nur die) schon bei der Ankündigung der Titelverteidigung den Kopf geschüttelt und das als "Scherz" eingeordnet hatten, hielt Raab unbeeindruckt und unbeirrbar daran fest. So kann er sich eigentlich weder darüber wundern noch darüber beschweren, dass ihm in dieser Frage in letzter Zeit ein eisiger Wind entgegen geweht und er des Größenwahns verdächtigt worden ist.

Aus dem Song wurde nichts, aber das Motto bleibt: Push forward.
Aus dem Song wurde nichts, aber das Motto bleibt: Push forward.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Quoten-Desaster bei "Unser Star für Deutschland" tat dazu natürlich sein Übriges. Und tatsächlich war der Aufbau dieses (Song-)Vorentscheids ein richtiger Schlag ins Wasser. Selbst dem interessierten und wohlgesonnenen Betrachter drohten in der dritten Show spätestens dann nicht nur die Füße einzuschlafen, als in den Einspielfilmen doch glatt die gleichen Versatzstücke wie in den vorangegangenen Sendungen noch einmal abgenudelt wurden. Und sogar Moderatorin Sabine Heinrich konnte sich am Ende manche Spitze gegen das Konzept ("Song-Duell? Klingt fast nach 'ner neuen Show") und die Dramaturgie der Sendung angesichts des immer klarer werdenden Siegertitels ("Ich kann mir gar nicht vorstellen, welcher es ist ...") nicht mehr verkneifen.

Kein Zweifel: Dem sonst so instinktsicheren Entertainer Stefan Raab sind bei der Vorbereitung auf den Song Contest 2011 manche Schnitzer unterlaufen. Immerhin: Dem "Spiegel" gegenüber räumte er letztlich doch ein, dass die Titelverteidigung möglicherweise eine "Scheißidee" gewesen sei. Sagen wir es mal so: Es war vielleicht nicht die Allerbeste.

Let them entertain you

Allerdings: Die Art und Weise, wie manche Kritiker in den zurückliegenden Wochen damit umgegangen sind und geradezu die Lust an der Demontage des Duos Lena/Raab zelebriert haben, war nicht viel minder problematisch. Insofern ist der Wutausbruch des Entertainers in gewisser Weise dann auch verständlich. Denn eins ist ebenfalls klar: Raab und Lena ist es überhaupt zu verdanken, dass der Sieg des Song Contests nach 28 Jahren zustande kam. Selbst wenn Deutschland in diesem Jahr nur irgendwo im Mittelfeld landen sollte, dann wäre das noch immer um Längen besser als alles andere in den Jahren vor Oslo. Und sogar wenn wir mit "Taken By A Stranger" Letzter würden - so peinlich wie Alex Swings Oscar Sings! kann es gar nicht werden.

Bis zum "Wunder von Oslo" interessierten sich für den "Grand Prix" eigentlich nur noch ein paar nostalgische Nerds, Freunde des gepflegten Trashs und viele Schwule, die den Song Contest als Kultveranstaltung auserkoren haben. Erst seit Lenas Sieg ist alles anders. Das diesjährige Finale war binnen Stunden ausverkauft - und da stand ihre Titelverteidigung bekanntlich längst fest. Aus den geringen Quoten für "Unser Song für Deutschland" ein allgemein geringes Interesse an dem Event abzuleiten, ist daher womöglich doch zu kurz gedacht.

Ebenso abstrus ist es aber, das Ganze zum Politikum aufzubauschen. Denn auch da hat Stefan Raab natürlich Recht: Das alles ist nur Unterhaltung. Insofern können Sie diesen Text auch gerne komplett in die Tonne treten. Anstatt sich zu viel Kopf zu machen, sollte man sich eigentlich nur mit dem gewohnten Spaß an der Freude der Veranstaltung widmen. All jene, die sich allerdings besonders gerne darin üben, alles, was sie gestern noch hochgejubelt haben, heute madig zu machen, können der Sache am Besten nur noch einen Dienst erweisen: Schweigen. Unserer Interpretin indes rufen wir zu: Go Lena! Push forward! Ach nee, falscher Text.

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Quelle: n-tv.de