| SA | 9° / 23° |
| SO | 12° / 22° |
Das bin ich.
Das ist der Audi R8.
Und das ist der Eurospeedway Lausitz.
Ich soll heute lernen, wie man den R8 sportlich über den Lausitzring lenkt. Audi hat zur "Driving Experience" geladen. Rennstreckentraining also.
Kann das gutgehen?
Es sind gewisse Zweifel angebracht. Ich pflege zwar einen sportlichen Fahrstil - normalerweise aber nur auf dem Fahrrad.
Meine Autofahrerpraxis beschränkt sich auf sporadische Exkursionen mit dem Hausfrauenbenz.
Der R8 ist da schon ein anderes Kaliber: Ein Achtzylinder mit Quattro Allradantrieb, 420 PS und 301 km/h Höchstgeschwindigkeit. Kurz: Ein Tier!
Aus der richtigen Perspektive erinnert er tatsächlich ein bisschen an einen Raubfisch. Doch der Mann vom Audi-Team versichert: "Der Wagen ist gutmütig." Na dann.
Bis wir die Gutmütigkeit des R8 auf die Probe stellen können, dauert es aber noch eine Weile. Erstmal werden die Rennfahrer-Lehrlinge getrennt - und zwar nach Geschlecht.
"In Ingolstadt ist die Koedukation offenbar noch nicht eingeführt", denke ich mir. Obwohl, die Kombination "Testosteron + Sportwagen + Rennstrecke" verspricht ohnehin vor allem eins: Unerträgliches Gepose. Und darauf kann ich heute gut verzichten.
Das Damenprogramm heißt denn auch erstmal nicht "Rasen im R8" sondern "Reaktionstraining im A4". Wie schön, Schonfrist!
Entspannend klingt das, was nun von uns verlangt wird, aber auch nicht: Im zweiten Gang auf 90 km/h beschleunigen und dabei auf ein Hindernis zupreschen. In letzter Sekunde: Vollbremsen und ausweichen!
Wohin, das zeigt ein Lämpchen überm Lenkrad an. Allerdings erst dann, wenn man die orangenen Pilonen am Ende der Strecke schon fast umgefahren hat. Die ersten Versuche fallen dann auch sehr zaghaft aus. Ich will doch nicht mit Karacho ins Verderben brettern!
Als ich den Überlebensinstinkt ausschalte und mir klar mache, dass mein A4 im Zweifelsfall stärker ist als ein Verkehrs-Hütchen, beginnt die Sache langsam Spaß zu machen.
Und siehe da, nach dem fünften Versuch hebt der kritische Audi-Instruktor endlich die Daumen: 0,36 Sekunden Reaktionszeit - die Benchmark ist geschlagen, ich bremse schneller als mein Schatten!
Derart gut in Form kann mich die Rennstrecke auch nicht mehr schrecken: 14 mehr oder weniger enge Kurven auf gut 4,5 Kilometern. Für den Anfang ist das ganze in zwei Sektionen aufgeteilt, wir sollen uns schließlich langsam herantasten.
Also auf zur Fahrzeugwahl! In weiß haben sie den R8 leider nicht da, das ist bei Audi der oberen Führungsebene vorbehalten. Dann also gepflegtes Understatement in anthrazit oder silber.
Und letztlich zählen sowieso nur die inneren Werte: Dieses Gerät im Kofferraum ist der sagenumwobene Mittelmotor.
Schlicht und edel: die Schaltung. Für einen dezenten Aufpreis von 7400 Euro ist das ganze übrigens auch mit R-Tronic Getriebe zu haben.
Die teure Automatik-Schaltung ist denn auch meine Wahl. Reicht schließlich, wenn ich mich aufs Lenken konzentrieren muss.
Doch ganz idiotensicher ist auch die Automatik nicht. Wer am Anfang nicht die Bremse heruntertritt, kommt nicht vom Fleck. Egal, wir sind hier schließlich nicht beim Proll-Ampel-Start in Neukölln.
Und irgendwann setze auch ich mich in Bewegung. Schnell aufschließen, schließlich sollen wir so eng wie möglich zusammenbleiben und immer schön dem Instruktor folgen.
Der schickt inzwischen munter Anweisungen in mein Funkgerät, vergeblich. Das Funkrauschen und der dröhnende V8 in meinem Rücken stören die Kommunikation doch erheblich.
Egal, ich muss mich gerade sowieso voll darauf konzentrieren, nicht aus den Kurven zu fliegen.
Wahrscheinlich will er, dass ich schneller fahre. Aber ich bin doch schon bei mindestens 150, oder?
Nicht ganz, sagt der Tacho. Selbst auf der langen Geraden kratze ich gerade mal an der 110 km/h-Marke. Seltsam, dabei fühle ich mich gerade so sportlich.
Kein Wunder, man gerät schließlich auch ziemlich ins Schwitzen. Autofahren kann richtig anstrengend sein, vor allem, wenn der Motor den Innenraum auf gefühlte 40 Grad erhitzt. Fenster auf? Nein, da fliegen mir die Haare ins Gesicht. Dann doch lieber Klimaanlage.
Mit jeder Runde wird die Sache angenehmer. Zumal mir inzwischen eingefallen ist, welchen Zweck die sporadisch positionierten Pylonen entlang der Fahrbahn erfüllen: Sie markieren die optimale Linie.
Also, schön die Hütchen ansteuern, vor den Kurven Tempo reduzieren und dann rauf aufs Gas. Und immer dran denken: Das ist ein R8, keine A-Klasse!
Beim Beschleunigen merke ich, dass die Automatik auf der Rennstrecke nicht unbedingt erste Wahl ist. Also doch mal wie die Profis die Schalt-Paddel am Lenkrad bedienen?
Oha, versehentlich den Blinker erwischt. Lieber Finger weg von der Schaltung - auch wenn ich dann nicht immer richtig aus den Puschen komme.
Immerhin: Das Tempo zieht mit jeder Runde etwas an, bis die Fahrer vor mir schließlich den Warnblinker anstellen. Eine letzte Runde zum Runterkühlen, bis wir schließlich in die Boxengasse einrollen.
Ich klettere aus dem Wagen und komme mir vor, als würde ich einem Achterbahnwaggon entsteigen. Nach den Adrenalinstößen der letzten halben Stunde läuft nun die Endorphinausschüttung auf Hochtouren.
War das gut! Aber irgendwie riecht's hier komisch. Das ist der Bremsabrieb, sagt jemand, der sich wohl öfter auf Rennstrecken bewegt.
Die Bremsen scheinen also zu funktionieren. Trotzdem - so richtig Vertrauen habe ich zu dem Fahrzeug nicht aufgebaut. "Kann der auch wirklich nicht umkippen?" erkundige ich mich bei einem der Audianer.
Der guckt erst ein wenig irritiert und klopft dann jovial aufs Audi-Emblem am Heck: "Sehen Sie, was da draufsteht?" Jaja, schon gut... Wahrscheinlich stehe ich jetzt unter Blasphemie-Verdacht.
Auf der nächsten Streckenhälfte bin ich nicht mehr auf mich allein gestellt: Jessica ist jung, blond und fährt auch privat gerne etwas zügiger, sagt sie. Glaube ich sofort, als sie zur Abwechslung das Steuer übernimmt. Man sieht: die Frau hat Übung!
Trotzdem wird mir etwas blümerant. Im echten Leben bin ich mustergültiger Beifahrer - aber hier ist das was anderes. Als wir zum dritten Mal die 180 Grad-Rechtskurve passieren, bereue ich jeden Bissen vom Pausenbuffet.
Hat die umsichtige Audi-Crew hier nicht irgendwo eine Kotztüte deponiert? Noch eine Runde, und ich kann für nichts mehr garantieren!
Bevor es zum Äußersten kommt, drückt Jessica die Warnblinker-Taste. Cool-Down, endlich!
Soviel steht fest: Wenn wir gleich die ganze Strecke in Angriff nehmen, dann nur auf dem Fahrersitz!
Vorher nehmen wir aber noch unsere Rennfahrer-Helme in Empfang. Auf dem Kopf sehen die ziemlich albern aus. Der gemächliche Teil ist anscheinend vorbei - ab jetzt wird`s ungemütlich.
Und in der Tat: Der Instruktor gibt ein zackiges Tempo vor, dranbleiben wird schwierig. Auf der langen Geraden hole ich auf ...
... und verpasse es, rechtzeitig vor der scharfen Linkskurve abzubremsen. Oh oh, diese Sache wird nicht gut ausgehen. Ich sehe mich schon unsanft auf dem Grün neben der Fahrbahn stranden. Wie peinlich! Und schade um das schöne Auto.
Doch zum Glück schlummert unter der schmucken Karosserie meines teuren neuen Freundes auch einiges an High-Tech. Das ESP bringt mich wieder auf Kurs und erspart mir die Blamage.
Zugegeben: bislang waren mir selbst elektrische Fensterheber im Auto suspekt. Doch manche technischen Errungenschaften haben wohl doch ihre Berechtigung.
Das ESP wird auch später nochmal herausgefordert, als ich in der kniffligen S-Kurve am Schluss ein paar Pylonen umbolze. Ja, an der Ideallinie muss ich wohl noch etwas arbeiten - perfekt wird sie an diesem Tag allerdings nicht mehr.
Dennoch: Meine Rennfahrerfähigkeiten sind ausbaufähig, bestätigt der Instruktor auf der letzten Runde durchs Funkgerät.
Einen R8 zum weiterüben wollen mir die Audi-Herren dann aber doch nicht mitgeben. Schade eigentlich, dabei steht er mir so gut!
So geht es per Bahn zurück nach Hause. Alles andere wäre wohl auch ziemlich frustrierend. (Text: I. Noé, Bilder: M. Mechnich)
Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.
Bitte überprüfen Sie Ihre Angaben.