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Die Katastrophe von Nachterstedt, bei der vermutlich drei Menschen ums Leben gekommen sind, ist nach Auskunft von Experten höchst ungewöhnlich.
"Bergschäden gibt es hauptsächlich im untertägigen Abbau", erläutert Prof. Axel Preuße von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen gegenüber n-tv.de.
Dass es in Tagebauen zu kleinen Rutschungen kommt, sei zwar nicht ausgeschlossen. "Aber Fälle wie der in Nachterstedt sind mir nicht bekannt", so der Experte.
Preuße betont, dass Mutmaßungen über die Ursachen zum jetzigen Zeitpunkt nur Spekulationen sind. Er verweist jedoch darauf, dass in Nachterstedt früher offenbar untertägiger Abbau betrieben wurde.
"Im Jahre 1842/43 wurden auf Betreiben der Anhalt-und-Bernburgischen Regierung Probebohrungen durchgeführt", heißt es auf der Website der Gemeinde in der Rubrik "Geschichte", ...
... "und bereits im Jahre 1857 wurde die Grube 'Concordia' abgeteuft. Anfangs wurde unter Tage gefördert; das Flöz hatte eine Mächtigkeit von bis zu 30 Metern, während die darauf lastende Erdschicht nur 15 Meter betrug. ...
... Die Untertageförderung hatte allerdings ein großes Problem durch das Wasser, sodass dazu übergegangen wurde, die Kohle über Tage zu fördern."
15 Meter sind im Untertagebau nicht viel. In Bezug auf Bergschäden gilt Tiefenbergbau erst ab einer Tiefe von 100 Metern als unproblematisch. "Im oberflächennahen Bereich ist das anders", erklärt Preuße.
"Da können zum Beispiel Wasserzutritte noch lange nach Stilllegung eines Bergwerks dafür sorgen, dass es zu Schäden kommt."
Der Tagebau in Nachterstedt ist Anfang der 90er Jahre eingestellt worden.
Das Fördergebiet wird seitdem geflutet. Dadurch entstand der Concordia-See - benannt nach der alten Bergbaugesellschaft Concordia -, der sich zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt hat.
Bisher sind erst 40 Prozent der geplanten Wassermenge in den See gelaufen, die Flutung soll nach den bisherigen Plänen erst 2027 abgeschlossen sein. (Das Bild zeigt den Concordia-See oben am 29. August 2001 sowie am 19. Juli 2009.)
Ein solches Vorgehen ist nicht ungewöhnlich, sagt Preuße. (Hier der Markkleeberger See bei Leipzig, ebenfalls ein Tagebausee.)
"Tagebaue können in der Regel nur dann Schäden verursachen, wenn eine großräumige Grundwasserabsenkung dazukommt. Wenn man einen Tagebau von vielleicht mehreren hundert Metern Tiefe aufschließt, ...
... dann muss man das Grundwasser im Vorfeld des Tagebaus abpumpen, um überhaupt Abbau betreiben zu können. ...
... Wenn der Tagebau dann später aufgegeben wird, lässt man das Wasser wieder ansteigen. Die stehenbleibenden Endböschungen müssen dann entsprechend gesichert und überwacht werden."
Zu Abrutschungen könne es in dieser Phase kommen, "wenn das Wasser beim Wiederanstieg eine unzureichend gesicherte Böschung überstaut oder Wasserwegsamkeiten entstehen", so Preuße.
Er könne sich aber auch vorstellen, "dass es einen Zusammenhang mit dem untertätigen Altbergbau gibt. Hier kann es eventuell erst nach vielen Jahren zum Zusammengehen von alten Abbauhohlräumen kommen, ...
... weil zum Beispiel alter Holzausbau verrottet und dadurch keine Stützwirkung mehr hat. Es könnten auch Wechselwirkungen aus beiden möglichen Ursachen gewesen sein."
Auslöser war möglicherweise das Wetter. "Der Regen soll zwar so stark nicht gewesen sein. Aber vielleicht war er das i-Tüpfelchen, das die Schichten zum Gleiten brachte."
Die betroffene Siedlung in Nachterstedt, in der rund 40 Menschen lebten, wurde in den 1930er Jahren auf der Böschung einer Abraumhalde gebaut, die schon im 19. Jahrhundert zugeschüttet worden war.
"Heute würde so etwas sich nicht mehr genehmigt", sagt Uwe Steinhuber, Sprecher der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), die für die Sanierung ostdeutscher Bergbauregionen zuständig ist.
Später werden in der Nähe der evakuierten Häuser neue Risse im Erdreich entdeckt. "Es ist nicht auszuschließen, dass es zu weiteren Abbrüchen kommt", sagt Steinhuber.
Die betroffenen Anwohner dürfen kurz in ihre Häuser, um ein paar Habseligkeiten zu holen. Möglicherweise zum letzten Mal.
"Es ist derzeit nicht erkennbar, dass der Teil des Ortes in absehbarer Zeit wieder bewohnt werden kann", hatte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer bereits am Sonntag gesagt.
Dass es an anderen ostdeutschen Tagebauen zu ähnlichen Erdrutschen kommen könnte, schloss der LMBV-Sprecher aus. (Hier der Bärwalder See vor der Kulisse des Braunkohlenkraftwerkes Boxberg - mit 13 Quadratkilometern der größte See in der Oberlausitz.)
"So ein Zusammenspiel von geologischen Voraussetzungen und einer Wohnbebauung, die sich so dicht an einem Bergbaufolgesee befindet, haben wir an keiner anderen Stelle."
Naturschützer sind da nicht so sicher. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warnt vor ähnlichen Risiken durch die Braunkohlentagebaue im Rheinland.
Nach dem Erdrutsch in Nachterstedt fordern die Stadt Düren und eine Bürgergemeinschaft den Stopp der Planungen für den See im Restloch des Tagebaus Inden.
"Wegen der enormen Dimensionen der rheinischen Braunkohlentagebaue ist die Gefahr von Erdrutschen hier sogar wesentlich größer als in Ostdeutschland", meint BUND-Braunkohlenexperte Dirk Jansen.
Besonders gefährdet seien Orte wie Kerpen-Buir, Niederzier, Jackerath und Kückhoven wegen ihrer Randlage zu den Gruben. Preuße hält solche Äußerungen für Panikmache.
Völlig ausschließen lasse sich so etwas zwar nicht. "Aber es wird alles getan, damit so ein Unglück nicht passiert."
Der Braunkohletagebau geht unterdessen weiter. In der Nähe von Kerpen-Buir wird derzeit sogar die A4 verlegt. Sie muss dem Tagebau weichen.
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