Er selbst sollte sie nicht mehr miterleben. Am 5. Mai 1989, nur wenige Monate vor dem Mauerfall, starb Kabarettist Wolfgang Neuss, der einst gefragt hatte: "Gibt es ein Leben nach der Wiedervereinigung?"Bild 1 von 22 Er hatte nicht nur geahnt, dass sie kommen würde, sondern auch, wie es mit der Wiedervereinigung kommen wird: "Eines Tages steht se vor der Tür und wir sind vielleicht ja nich zu Hause!"Bild 2 von 22 Der am 3. Dezember 1923 in Breslau geborene Neuss zählt zweifellos zu einem der größten Kabarett-Glücksfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte.Bild 3 von 22 Seine Betitelungen waren vielfältig: Er galt als der "Mann mit der Pauke", als "Berliner Hofnarr" der Bonner Republik, "Volksaufwiegler" und "Brunnenvergifter" sowie als die "Schandschnauze". Neuss eckte an.Bild 4 von 22 Einer der häufigsten Vorwürfe, denen er sich ausgesetzt sah, war der des "Nestbeschmutzers". So auch, wenn er die lange verdrängte jüngere deutsche Vergangenheit als eines seiner Dauerthemen immer wieder mit bissiger Satire zur Sprache brachte. (mit Joan Baez, 1966)Bild 5 von 22 "Das, was in der Gesellschaft nicht bewältigt wird, muss auf der Bühne wieder und wieder aufbrechen." Die "Deutschen auf Tauchstation" waren ein beliebtes Angriffsziel für Neuss. "Wir Kellerkinder" war denn wohl 1960 auch sein berühmtester Spielfilm zu diesem Thema.Bild 6 von 22 Darin gelang es dem Drehbuchautoren und Hauptdarsteller Neuss meisterhaft, die ernste Thematik bissig und witzig zugleich darzustellen, eine Handschrift, die im deutschen Film damals keine Selbstverständlichkeit war.Bild 7 von 22 Den Zorn der Nation zog sich der Kabarettist 1962 mit einer Zeitungsannonce zu, mit der er 30 Stunden vor Schluss der populären Fernsehkrimi-Serie "Das Halstuch" von Francis Durbridge den "Mörder" verriet.Bild 8 von 22 Ein Fernsehvolk saß auf dem Sofa und war beleidigt. (Francis Durbridge)Bild 9 von 22 Auch politisch trommelt Neuss mit - unter anderem im Wahlkampf für die SPD, die ihn wegen seiner Teilnahme an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg rauswarf.Bild 10 von 22 "Wer nicht haargenau wie die CDU denkt, fliegt aus der SPD raus", war die Bonmot-Antwort des Kabarettisten dazu.Bild 11 von 22 Anfang der 60er feierte Neuss auf der Bühne im Berliner "Domizil am Lützowplatz" Triumphe mit seinem heute legendären "Jüngsten Gerücht", das auch auf Schallplatte aufgenommen wurde. Da gab er zahlreiche Pointen zur deutsch-deutschen Teilung zum Besten: ...Bild 12 von 22 ... "Ein Skandal ist anzuzeigen, ein Rentner aus Magdeburg will nicht in den Westen, er kann seine Verwandten sowieso nicht leiden", war sein Kommentar zu der damals üblichen Redewendung von den "Brüdern und Schwestern in der Zone". (mit Wolf Biermann, 1965)Bild 13 von 22 Aber schon damals registrierte der Kritiker Friedrich Luft: "Neuss hat viel Bitter in seinem schnellen Munde, wahrscheinlich zu viel."Bild 14 von 22 Das sollte sich später bewahrheiten, als er sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückzog, zunächst durch Reise-Eskapaden nach Chile auffiel ...Bild 15 von 22 ... und dann jahrelang nur noch in seiner kleinen Wohnung unweit vom Schloss Charlottenburg in so manchen Haschwölkchen verschwand und "meditierte", aber auch immer noch von zahlreichen Freunden besucht wurde.Bild 16 von 22 Es folgten kleinere Comebacks - so auch der legendäre Auftritt in einer Fernseh-Talkshow im Café Kranzler am Ku'damm, in der Neuss Richard von Weizsäcker auf dessen Weg ins Amt des Bundespräsidenten mit den spitz-saloppen Worten ermunterte: ...Bild 17 von 22 ... "Glaub's mir, Richie, das is'n schickes Amt!" Und dieser im schönsten Berlinerisch konterte: "Nu hör doch mal uff, Mensch!"Bild 18 von 22 Aber schließlich wusste auch ein Neuss irgendwann, dass sein politisches Kabarett seine eigene Zeit hatte, die nicht wiederholbar ist.Bild 19 von 22 Dass er auf ganz andere Weise vielfach auch heute noch oft präsent ist, zeigen manche inzwischen fast "geflügelten Worte" aus seinem früheren Pointenfeuerwerk: "Heut' mach ich mir kein Abendbrot, heut' mach ich mir Gedanken, wär' ja mal 'ne Alternative."Bild 20 von 22 Neuss' Grab liegt zusammen mit dem seines langjährigen und früh verstorbenen Film- und Bühnenpartners Wolfgang Müller auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof in Berlin, nicht weit vom Grab Willy Brandts.Bild 21 von 22 Beide waren in den 50er Jahren ein unzertrennliches und populäres Film-Komikerpärchen, zum Beispiel im "Wirtshaus im Spessart". (Bilder: AP, dpa)Bild 22 von 22