| SA | 9° / 23° |
| SO | 12° / 22° |
Am 26. April 1986 zerstörte eine schwere Explosion den Reaktorblock IV des Kernkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine. Bis heute ist es der weltweit größte Unfall in einer kerntechnischen Anlage.
Der Unglückshergang ist immer noch nicht zweifelsfrei geklärt. Kam es durch Bedienungsfehler zu dem GAU? Oder waren Systemschwächen des Reaktors die Ursache? Eingeleitet wurde der "größte anzunehmende Unfall" durch eine fehlerhaft ausgeführte Notfallübung.
Große Mengen radioaktiver Materie wurden durch die extreme Hitze in den Himmel geschleudert. Der Wind verteilte sie über ganz Europa.
Die sowjetischen Behörden schickten tausende schlecht ausgerüsteter Männer zu Bergungs- und Aufräumarbeiten in die radioaktiven Trümmer des Reaktors.
Mehrere Dutzend Liquidatoren sind wenig später an akuter Strahlenerkrankung gestorben, weitere an Leukämie.
Erst zehn Tage nach dem Unfall war die Freisetzung von Kernbrennstoffen und Spaltprodukten gestoppt. Man hatte rund 5.000 Tonnen Sand, Lehm, Blei und Bor auf die Reaktoranlage geworfen.
Einige Monate später begann man, die Ruine des Reaktorblocks einzubetonieren.
Im November 1986 war der "Sarkophag" fertig gestellt.
Er diente auch dazu, den anliegenden Block III weiterbetreiben zu können. Dieser wurde erst Ende 2000 abgeschaltet.
Mittlerweile ist der Betonmantel rissig, undicht und akut einsturzgefährdet.
Nun soll eine gigantische Kuppel aus Stahl Abhilfe schaffen. Sie wird etwa 100 Jahre halten und kostet bis zu einer Milliarde Euro.
Unmittelbar nach der Reaktorexplosion wurden rund 200.000 Menschen aus dem Umkreis von Tschernobyl evakuiert.
Den 47.000 Einwohnern von Prybjat sagten die Behörden, es handele sich um eine militärische Übung. Deshalb ließen sie Hab und Gut in ihren Wohnungen zurück.
Auf dem zentralen Platz von Prybjat steht noch immer das Riesenrad, das für Feiern zum 1. Mai aufgestellt worden war.
Zum 20. Jahrestag der Reaktorexplosion haben Graffiti-Künstler aus Weißrussland, Russland und Deutschland die verlassenen Häuser in Prybjat besprüht.
So haben sie ein besonderes Mahnmal geschaffen.
Prybjat wirkt gespenstisch.
Daran, dass es einmal eine lebendige Arbeiterstadt war, erinnern nur noch der verfallende Vergnügungspark ...
... und seit neuestem einige Bilder an den Wänden.
Auch Tschernobyl selbst ist überwiegend von Verfall gekennzeichnet, ...
... jedoch nicht menschenleer. Zurzeit hat die 12 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernte Stadt 300 Einwohner. Diese ignorierten die Warnung der Behörden, nicht in das stark verseuchte Gebiet zurückzukehren.
Die 8-jährige Maria Savenko ist das einzige Kind, das nach dem GAU in Tschernobyl geboren wurde und dort auch aufwächst.
Den Ärzten zufolge ist sie "ziemlich gesund".
Auch andernorts widersetzten sich Bewohner der Sperrzone den Anweisungen der Behörden. Die 82-jährige Anna Ratkevich aus Ilyintsy, 20 km vom Atommeiler entfernt, wollte ihre Heimat nicht verlassen.
Zusammen mit ihrem Mann lebt sie weiterhin in ihrem Haus, ...
... wo sie großzügig selbst gebrannten Wodka serviert.
Ihr Nachbar ist Fedor Striy, 52 Jahre alt.
Und es gibt noch einige mehr, die trotz der hohen Strahlenbelastung in Ilyintsy bleiben. In den drei am stärksten von dem GAU betroffenen Ländern - in Weißrussland, Russland und der Ukraine - zeichnet sich die Tendenz ab, die Folgeschäden durch die Verstrahlung als eher gering einzustufen.
Mit Orten, die durch den Reaktor-Unfall verseucht wurden, beschäftigt sich das Tschernobyl-Museum in Kiew.
Den Kindern, die 1986 und 1987 in Tschernobyl geboren wurden und die größtenteils schwere gesundheitliche Probleme haben, widmet die Ausstellung einen eigenen Raum.
Rund 15 Jahre nach den ersten Erholungsreisen von Tschernobyl-Kindern kämpfen deutsche Hilfsinitiativen mit zunehmenden Schikanen weißrussischer Behörden.
Homeyer, der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft "Den Kindern von Tschernobyl" erläutert, die Aktion trage in Weißrussland zum Entstehen einer demokratischen Bürgergesellschaft bei. Das werde vom autoritären Staatschef Alexander Lukaschenko (im Bild) argwöhnisch beobachtet.
Mit Hilfe des Netzwerks haben bereits 160.000 Kinder aus strahlenbelasteten Gebieten ihre Ferien bei deutschen Gastgebern verbracht. In diesem Sommer werden weitere 5.000 bis 6.000 erwartet.
Das Regime Lukaschenkos behindere zunehmend die humanitäre Arbeit der deutschen und weißrussischen Helfer, so Homeyer. "Schulleiter werden unter Druck gesetzt, damit sie ihre Klassen nicht ausreisen lassen." Listen der Kinder müssten drei Ministerien und der Präsidialverwaltung vorgelegt werden.
Doch die meisten Helfer lassen sich nicht entmutigen. Über die gesundheitlichen Auswirkungen der Katastrophe von Tschernobyl besteht noch immer keine Klarheit.
Unstrittig ist jedoch, dass es in der Region immer mehr Fälle von Schilddrüsenkrebs gibt.
Nach Angaben der Umweltorganisation Greenpeace hat die Reaktor-Katastrophe weltweit viel dramatischere Folgen für die menschliche Gesundheit als bisher angenommen.
"Neue Studien der Russischen Akademie der Wissenschaften kommen für Weißrussland, Ukraine und Russland alleine auf 270.000 zusätzliche Krebserkrankungen, von denen voraussichtlich 93.000 tödlich enden werden", erklärte Greenpeace-Experte Thomas Breuer kürzlich.
Diese Schätzungen seien realistisch - anders als die "verniedlichenden" Angaben der Internationalen Atomenergieorganisation IAEO von voraussichtlich 4.000 Todesopfern. "Selbst die IEAO geht in ihren Schätzungen eigentlich von mehr Todesopfern aus. Was die Behörde betreibt, ist bewusste Verharmlosung", so Breuer.
"Unsere Generation hat gesehen, wie diese Katastrophe begann, doch wird sie wohl kaum ihr Ende erleben", heißt es in einem Greenpeace-Bericht. "Die internationale Staatengemeinschaft sollte diesen Unfall zum Anlass nehmen, weltweit aus der Atomenergie auszusteigen."
Die Grünen im Europaparlament fordern eine ehrliche Bilanz über die Opfer der Reaktorexplosion.
Sie stützen sich auf eine britische Studie: "TORCH - The Other Report of Chernobyl". Der TORCH-Bericht geht davon aus, dass noch 30.000 bis 60.000 Menschen wegen des Unfalls an Krebs sterben müssten. Das wären 7,5 bis 15 Mal mehr als von der IAEO angegeben.
Nach Angaben des TORCH-Reports gelangte radioaktives Cäsium-137 aus Tschernobyl auf 40 Prozent der Fläche Europas.
Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von rund 30 Jahren. Einige Pilze und Wildbret sind deshalb in Gebieten, über denen es nach dem GAU geregnet hat, auch heute noch stark belastet.
In Deutschland gilt für Lebensmittel ein Grenzwert von 600 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm. Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt an, dass noch heute im Bayerischen Wald in Maronenröhrlingen und Semmelstoppelpilzen mitunter mehrere tausend Becquerel Cäsium pro Kilogramm gemessen werden.
Die Entsorgung radioaktiver Abfälle aus dem Kernkraftwerk Tschernobyl ist noch nicht abgechlossen. 20 Jahre nach dem Unfall sind mit dieser Arbeit 3.860 Menschen betraut. Sie arbeiten weiterhin auf dem Gelände und entfernen unter anderem die rund 2.800 nuklearen Brennstäbe aus den still gelegten Reaktoren.
Die Zahl der Tschernobyl-Opfer steigt weiter.
Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.
Bitte überprüfen Sie Ihre Angaben.