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Ikone der Sozialdemokraten: Helmut Schmidt

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Dabei stört es nicht, dass seine Rede ausfällt. Schmidt muss nicht eingreifen, denn Steinbrück erhält ein sehr gutes Ergebnis. Die SPD demonstriert Geschlossenheit. Das war während Schmidts achtjähriger Kanzlerschaft nicht immer so. (Foto: dpa)

Dabei stört es nicht, dass seine Rede ausfällt. Schmidt muss nicht eingreifen, denn Steinbrück erhält ein sehr gutes Ergebnis. Die SPD demonstriert Geschlossenheit. Das war während Schmidts achtjähriger Kanzlerschaft nicht immer so.

Noch nie war er für die SPD so wertvoll wie heute: Helmut Schmidt. Auf dem Parteitag am 9. Dezember 2012 wird dem großen alten Mann mit viel Respekt begegnet. Für Schmidt ist es ein guter Tag: Der von ihm unterstützte Peer Steinbrück wird neuer Kanzlerkandidat.

Dabei stört es nicht, dass seine Rede ausfällt. Schmidt muss nicht eingreifen, denn Steinbrück erhält ein sehr gutes Ergebnis. Die SPD demonstriert Geschlossenheit. Das war während Schmidts achtjähriger Kanzlerschaft nicht immer so.

Schmidt habe auf Grundlage sittlicher Überzeugungen in Krisen und im politischen Alltag Politik gemacht, sagt Steinbrück. "Deshalb darf er im Fernsehen auch rauchen."

Er ist ein Medienprofi: Der Hamburger lässt sich das nicht zwei Mal sagen und steckt sich eine Zigarette an. Der Saal tobt.

Und der Altkanzler freut sich. Nicht immer hat er sich mit seiner SPD im Einklang befunden. Während Schmidts Kanzlerschaft von 1974 bis 1982 gab es öfters Streit mit seinen Sozialdemokraten. Davon will man heute nichts mehr wissen.

Schmidt, seine Lebensgefährtin Ruth Loah und Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder verfolgen den Parteitag. Ganz rechts der 90-jährige Egon Bahr, ein treuer Gefolgsmann von Schmidts Amtsvorgänger Willy Brandt.

Der ältere mit dem jüngeren Altkanzler. Schröder hat sich damals als Juso-Chef nicht immer bei Schmidt beliebt gemacht. Während seiner Kanzlerschaft holte er sich aber Rat beim Hanseaten. Auch Schröder musste sich wegen seiner Arbeitsmarktreformen heftiger Kritik seiner eigenen Partei erwehren. Das vereint ihn mit Schmidt.

Steinbrück will erst noch Kanzler werden. Schmidt macht sich sehr früh für den ehemaligen Bundesfinanzminister und Ex-NRW-Ministerpräsidenten stark. Er weiß, dass der Weg ins Berliner Kanzleramt sehr steinig sein wird. Zu schwach ist die SPD noch in den Umfragen. Steinbrück hat sich festgelegt: Er will eine Koalition mit den Grünen.

Schmidt, der ein distanziertes Verhältnis zu den Grünen hat, regierte mit der FDP. Die Liberalen sind ihm 1982 von der Fahne gegangen.

Er ist Realpolitiker, der die politischen Gegebenheiten äußerst nüchtern betrachtet. Für manchen Sozialdemokraten zu nüchtern. "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", sagt Schmidt einmal. Diese Äußerung zielt auf Willy Brandt.

Deutschland und Europa - dieses Verhältnis beschäftigt Schmidt bis heute. Wie andere deutsche Kanzler ist auch für ihn die Einbettung Deutschlands in die Europäische Union ein Garant für Frieden. Er kritisiert die politische Klasse der Bundesrepublik schon einmal, wenn er die Gefahr deutscher Alleingänge heraufziehen sieht.

Helmut Schmidt war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Er spricht von der "großen Scheiße", die die Deutschen und andere Völker durchlitten haben. Verbittert ist er darüber, dass Deutschland so viel Elend über die Europäer gebracht hat.

Adolf Hitler bezeichnet Schmidt in seinen Ausführungen immer als "Adolf Nazi".

Helmut Schmidt als Offizier. Er wird während des Krieges an Ost- und Westfront eingesetzt. Im April 1945 gerät er in Soltau in der Lüneburger Heide in britische Gefangenschaft.

Für Schmidt dauert die Gefangenschaft nicht lange. Die Briten entlassen ihn Ende August 1945.

Erste Tagung des parlamentarischen Rates am 1. September 1948 in Bonn. Helmut Schmidt ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Jahren Mitglied der SPD. Beeinflusst wird er durch den ehemaligen Mitgefangenen Hans Bohnenkamp. Dieser ist Professor für Pädagogik und Philosophie und gründet 1946 die Pädagogische Akademie in Celle.

Von 1946 bis zu seinem Tod 1952 ist Kurt Schumacher SPD-Vorsitzender. Er schafft es nicht, die Sozialdemokraten an die Regierung der am 23. Mai 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland zu bringen.

Unter Schumacher und seinem Nachfolger Erich Ollenhauer, der die Partei bis 1963 führt, bleibt die SPD in der Opposition.

Die Westdeutschen vertrauen eher der CDU von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Adenauer ist bis 1963 Regierungschef, Erhard dann von 1963 bis 1966. Schmidt ist erstmals von 1953 bis Anfang 1962 Mitglied des Deutschen Bundestags. Drei Jahre später kehrt er wieder ins Bonner Parlament zurück.

In der Zwischenzeit dient Schmidt seiner Heimatstadt Hamburg. In den Kabinetten der Ersten Bürgermeister Paul Nevermann und Herbert Weichmann bekleidet er den Posten des Innensenators. Die erste Bewährungsprobe lässt nicht lange auf sich warten. Im Februar 1962 wird Hamburg von einer schweren Sturmflut heimgesucht.

Hamburger Polizisten evakuieren Flutopfer aus dem Überschwemmungsgebiet. Innensenator Schmidt koordiniert den Rettungseinsatz. Er gewinnt bei den Einwohnern der Freien und Hansestadt an Ansehen.

Aber auch Schmidt kann nicht verhindern, dass 340 Menschen ihr Leben verlieren. Dennoch gelingt es, die Not für viele Einwohner zu lindern und Flutopfer vor dem Tod zu bewahren. Der 43-jährige Senator überschreitet seine Kompetenzen und setzt Kräfte der Bundeswehr ein. Er habe in diesen schweren Tagen nicht in das Grundgesetz geschaut, so Schmidt.

Gedenkveranstaltung anlässlich des 40. Jahrestages der Hamburger Sturmflut im Jahr 2002. Helmut Schmidt mit dem damaligen Ersten Bürgermeister Ole von Beust (CDU). Seit den Ereignissen von 1962 gilt er als Macher.

Schmidts Engagement in Hamburg ist nur von kurzer Dauer. Die Bundespolitik ruft. Die Sozialdemokraten treten 1966 in die Bundesregierung ein. Sie bilden gemeinsam mit CDU/CSU die Große Koalition. Bundeskanzler wird der CDU-Politiker Kurt Georg Kiesinger, Außenminister SPD-Chef Willy Brandt.

Helmut Schmidt (hier mit US-Außenminister Dean Rusk) übernimmt das Amt des SPD-Fraktionsvorsitzenden. Er wird einer der wichtigsten sozialdemokratischen Politiker.

Sein Unionskollege ist in dieser Zeit Rainer Barzel. Schmidt und Barzel sorgen dafür, dass die schwarz-rote Koalition bis zu den Bundestagswahlen 1969 funktioniert. Trotz unterschiedlicher Auffassungen in mehreren Sachfragen arbeiten beide gut zusammen. Später pflegen sie ein freundschaftliches Verhältnis.

In die Regierungszeit der Großen Koalition fällt die 68er-Bewegung. Auf dem Foto eine Studenten-Kundgebung mit Rudi Dutschke. Anders als andere SPD-Politiker steht Schmidt den 68ern sehr kritisch gegenüber. Für ihn ist die Bewegung eine "Massenpsychose" von "Verirrten".

Ab 1969 führt die SPD die Bundesregierung. Willy Brandt wird Kanzler. Er geht eine Koalition mit der FDP ein. Die Union befindet sich erstmals seit der Gründung der Bundesrepublik in der Opposition.

Helmut Schmidt (hier mit Vizeadmiral Gert Jeschonnek) wird im ersten sozial-liberalen Kabinett Verteidigungsminister. Während seiner Amtszeit wird der Grundwehrdienst von 18 auf 15 Monate verkürzt.

Von 1972 steht Schmidt dem Bundesfinanzministerium vor. Grund für den Wechsel ist der Rücktritt von Karl Schiller. Für kurze Zeit führt Schmidt zusätzlich noch das Wirtschaftsressort. Aber seine Ministerzeit ist bereits im Mai 1974 zu Ende, denn das Kanzleramt ruft.

Willy Brandt tritt wegen der Guillaume-Affäre zurück. Schmidt versucht erfolglos, Brandt davon abzuhalten. Er will nicht Bundeskanzler werden. Kurze Zeit später erhält er von Bundespräsident Gustav Heinemann die Ernennungsurkunde. Schmidt glaubt, dass er nur für kurze Zeit Regierungschef bleibt.

Brandt bleibt SPD-Vorsitzender. Die Zusammenarbeit mit Bundeskanzler Schmidt ist kompliziert. Ende der 1970er Jahre nehmen die Spannungen zwischen beiden Politikern zu. Brandt wird in der SPD geliebt, Schmidt respektiert. Anders als die beiden anderen SPD-Kanzler Brandt und Schröder wird Schmidt nie die Sozialdemokraten führen. Während seiner Kanzlerschaft ist er SPD-Vize.

Die großen Drei der deutschen Sozialdemokratie: Brandt, Schmidt und Fraktionschef Herbert Wehner. Brandt und Wehner ("Der Herr badet gerne lau") haben schon so manchen Streit ausgetragen. Schmidt steht lange Zeit zwischen den Beiden. Er ist als Kanzler auf Wehner angewiesen, der ihm in der SPD-Fraktion die Mehrheiten besorgen muss. Das ist mitunter schwierig.

Altersmilde nach vielen Jahren mit zum Teil harten Auseinandersetzungen. Die lange Zeit an der Regierung bedeuten für die SPD auch Substanzverlust. Gemeinsam mit der FDP regieren die Sozialdemokraten 13 Jahre.

1976: Schmidts erster Wahlkampf als Bundeskanzler. Der Gegenwind ist für die SPD kräftig. Die Arbeitslosenzahl steigt, das Wirtschaftswachstum ist gering. Die CDU hat mit Helmut Kohl einen neuen Bundesvorsitzenden.

Beide Spitzenkandidaten haben sich zu dieser Zeit nicht viel zu sagen. Vor allem die Ostpolitik der SPD-FDP-Regierung stößt bei der Union auf scharfe Kritik. Der Kanzler, wegen seiner mitunter scharfen Rhetorik auch "Schmidt Schnauze" genannt, sieht in dem Pfälzer Kohl ein außenpolitisches Leichtgewicht. Für ihn ist CSU-Chef Franz Josef Strauß der gefährlichere Gegner. Schmidt sollte sich irren.

Es ist geschafft: Helmut Schmidt und FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher, der Bundesaußenminister ist, können weiter regieren, allerdings nur mit sehr knapper Mehrheit. Die Union kommt auf 48,6 Prozent und verfehlt damit die absolute Mehrheit nur knapp. Kohl übernimmt den Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Der Kanzler und der Oppositionsführer. Der Kampf gegen den RAF-Terrorismus zwingt sie zur Zusammenarbeit. 1977 ist für die Bundesrepublik ein "mörderisches Jahr". Der Staat sieht sich herausgefordert und muss während des sogenannten "Deutschen Herbstes" den Terroristen die Stirn bieten.

Unter anderem wird Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt. Die Entführer fordern die Freilassung von elf RAF-Mitgliedern. Schmidt gibt nicht nach, Schleyer wird ermordet.

Ein erschütterter Kanzler erklärt den Bundesbürgern in einer Fernsehansprache am 5. September 1977 seine Entscheidung.

Schmidt bei Trauerfeier für den Ermordeten am 25. Oktober 1977 in Stuttgart. "Ich bin verstrickt in Schuld - Schuld gegenüber Schleyer und gegenüber Frau Schleyer", sagt er in einem Interview.

Parallel zur Schleyer-Entführung kidnappen mit der RAF verbündete palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine "Landshut". Nach einer Odyssee landet das Flugzeug auf dem Airport der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Die Entführer ermorden den Piloten Jürgen Schumann. Der GSG 9 gelingt am 18. Oktober 1977 die Befreiung aller 86 Geiseln.

Ein erleichterter Kanzleramts-Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski beim ersten Interview nach der gelungenen Geiselbefreiung. Schmidt gesteht später, nach der geglückten Aktion geweint zu haben. Bei einem Scheitern wäre der Bundeskanzler zurückgetreten. In der Nacht zum 18. Oktober begehen die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der JVA Stuttgart-Stammheim Selbstmord.

Auch auf außenpolitischem Gebiet ist Helmut Schmidt sehr aktiv. Er verfolgt die ökonomischen Reformen des neuen starken Mannes in der Volksrepublik China, Deng Xiaoping, mit großem Interesse. Das Thema China lässt ihn nicht mehr los. Bis ins hohe Alter unternimmt Schmidt Reisen in das Reich der Mitte. Er ist der Meinung, dass China die USA als ökonomisch stärkste Macht ablösen wird.

Treffen mit dem saudi-arabischen König Khaled 1981. Schmidt zieht Lehren aus der Ölkrise der 1970er Jahre und sucht gute Beziehungen zu den Förderländern. Wegen der besonderen deutsch-israelischen Beziehungen ist diplomatisches Fingerspitzengefühl nötig.

Die Beziehungen der Bundesrepublik zu Japan sind während Schmidts Kanzlerschaft gut. 1979 besucht er das Land der aufgehenden Sonne und trifft dessen Ministerpräsidenten Masayoshi Ohira.

Mit dem französischen Staatspräsidenten Valery Giscard d'Estaing arbeitet Schmidt sehr eng zusammen. Beide Politiker werden Freunde. Sie sind die Begründer des Europäischen Währungssystems (EWS), einem Vorläufer der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Schmidt und Giscard bereiten den Boden für die spätere Einführung des Euro.

Das Verhältnis zwischen Bonn und Paris ist in dieser Zeit ausgezeichnet. 1981 wird Giscard d'Estaing abgewählt. Der Sozialist Francois Mitterrand zieht in den Elysee-Palast ein. Zu diesem hat der Sozialdemokrat Schmidt kein so gutes Verhältnis. Sein Amtsnachfolger Kohl hat einen guten Draht zu Mitterrand. Beide entwickeln die deutsch-französischen Beziehungen weiter.

Herzlichkeit für die Presse: Die Chemie zwischen Schmidt und US-Präsident Jimmy Carter stimmt nicht. Beide geraten öfter aneinander. Ein Streitpunkt ist der Kursverfall des Dollar während Carters Präsidentschaft. Schmidt drängt auf eine Stabilisierung der Leitwährung und stößt in Washington auf Widerstand.

Aber Schmidt braucht Carter. Die Sowjetunion bedroht mit Mittelstreckenraketen des Typs SS-20 Westeuropa. Die USA können von diesen nicht erreicht werden. Eine völlig neue Situation für den europäischen Westen: Das Rüstungsgleichgewicht in Europa ist durch das Vorgehen der UdSSR empfindlich gestört. Der Kanzler drängt auf die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Europa.

Wichtiges Treffen am 6. Januar 1979 auf Guadeloupe. Schmidt, Carter, Giscard d'Estaing und der britische Premierminister James Callaghan (am Mikrofon) ebnen den Weg zum sogenannten Nato-Doppelbeschluss. Initiator Schmidt ist zufrieden. Im eigenen Land erntet er dafür scharfe Kritik. In der Bundesrepublik erfährt die Friedensbewegung einen großen Aufschwung.

Schmidt bemüht sich gleichzeitig um bessere Beziehungen zur Sowjetunion. Im Mai 1978 besucht KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew Bonn. Der Kanzler und Bundespräsident Walter Scheel bemühen sich um ein Einlenken der UdSSR in der Rüstungsfrage. Aber die greise Moskauer Führungsriege reagiert unflexibel.

So werden amerikanische Pershing-II-Raketen in Westeuropa stationiert. Jahre später werden sie nach Unterzeichung von Abrüstungsverträgen zwischen der UdSSR und den USA wieder abgezogen.

In der Bundesrepublik wird gegen die Stationierung protestiert. Auch in der SPD wächst der Widerstand gegen den eigenen Regierungschef. Parteichef Brandt geht auf Distanz zu Schmidt.

Neben der Friedens- wird in der Bundesrepublik auch die Umweltbewegung immer stärker. Schmidt unterschätzt die entstehende Situation. Anfang 1980 betritt mit den Grünen eine neue Partei die politische Bühne. 1983 wird sich auch in den Bundestag einziehen. Die SPD erfährt eine Schwächung.

Die deutsch-deutschen Beziehungen werden durch die schlechter werdende politische Großwetterlage in Mitleidenschaft gezogen. Schmidt besucht im Dezember 1981 die DDR. Mit DDR-Staats- und SED-Chef Erich Honecker führt er mehrere Gespräche. Allerdings besitzt dieser nur einen sehr geringen Handlungsspielraum. Schmidt lädt Honecker zu einem Besuch in der Bundesrepublik ein. Dieser findet allerdings erst 1987 statt. Schmidt ist zu dieser Zeit nicht mehr Kanzler.

Schmidt schaut besorgt in die Zukunft. Die SPD-FDP-Koalition funktioniert nicht mehr reibungslos. Die Zusammenarbeit mit den Liberalen wird schwieriger. Vor allem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik gibt es Differenzen.

1980 kann sich die Koalition bei der Bundestagswahl noch einmal behaupten. Schmidt weist den Kanzlerkandidaten der Union, CSU-Chef Franz Josef Strauß, in die Schranken. SPD und FDP sollen aber nur noch zwei Jahre gemeinsam regieren.

Ganz unhanseatisch: Wahlveranstaltung im Bierzelt in Kempten. Schmidt zollt Strauß später öffentlich Respekt wegen dessen Verdienste für Bayern. Er verschweigt aber die politischen Gegensätze nicht. "Wäre es möglich gewesen, U-Boote am Ammersee zu bauen, Strauß hätte das auch noch gemacht." Laut Schmidt war der bayerische Ministerpräsident "ein Kraftwerk ohne Sicherung".

Anfang September 1982 bahnt sich ein Bruch zwischen den Koalitionären an. FDP-Chef Genscher verstärkt den Kontakt zu CDU und CSU. Hinter den Kulissen verhandelt er mit Oppositionschef Kohl über die Bedingungen eines Koalitionswechsels der Liberalen.

Ein Auslöser ist das Papier von Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff. Die Bundesrepublik befindet sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Der FDP-"Marktgraf" fordert Einschnitte ins soziale Netz. Für die SPD ist dies unannehmbar. Aber auch die Sozialdemokraten sind in einer desolaten Lage. Sie sind zerstritten und stehen nicht mehr vollständig hinter Bundeskanzler Schmidt. Die sozial-liberale Koalition hat abgewirtschaftet.

Am 1. Oktober 1982 wird Schmidt durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt. Nachfolger wird Kohl. Die Union bildet eine Koalition mit der FDP, die bis 1998 regieren wird. Nach acht Jahren verlässt Schmidt das Kanzleramt. Später sagt er, dass er eine gewisse Erleichterung verspürt hat. Er ist wieder der Herr Schmidt aus Hamburg.

Im Bonner Bundestag bleibt er noch bis 1986. Am 10. September hält Schmidt dort seine letzte Rede. Danach zieht er sich aus der - wie er sagt - Tagespolitik zurück.

Schmidt findet ein neues Betätigungsfeld. Er wird Mitherausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit". Viele Politiker, so auch der kürzlich verstorbene SPD-Politiker Peter Struck, suchen den Rat des Hanseaten. Schmidt entwickelt sich zu einem Elder Statesman.

Auch internationale Gäste wie der ungarische Präsident Laszlo Solyom machen ihre Aufwartung. Schmidt schreibt Kolumnen in der "Zeit" und mehrere sehr beachtete Bücher.

Sein Verhältnis zu seinem Nachfolger Kohl wird besser. Schmidt lobt den Christdemokraten dafür, dass er die Chance zur Einheit Deutschlands ergriffen hat. "Das hat er gut gemacht", sagt Schmidt. Dennoch kritisiert er Fehler der Bundesregierung bei der Gestaltung der Einheit Deutschlands.

Sein Verhältnis zur SPD bleibt auch in den 1990er Jahren schwierig. Auf dem Mannheimer Parteitag im November 1995 stürzt Oskar Lafontaine SPD-Chef Rudolf Scharping. Schmidt ist auf dem Weg in die kurpfälzische Stadt. Als er erfährt, dass Lafontaine neuer Vorsitzender ist, lässt er seinen Fahrer umkehren.

Mit Lafontaine verbindet Schmidt so gut wie nichts. "Helmut Schmidt spricht weiter von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. (...) Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben", so Lafontaine. Diese Äußerung vergisst Schmidt dem Saarländer nie.

Der Altkanzler reist weiter viel. Aber er widmet sich auch stärker seinem Privatleben. Mit seiner Frau Hannelore, die nur Loki genannt wird, ist er seit 1942 verheiratet. Sie widmet sich den Pflanzen und schreibt Bücher darüber. Über Loki Schmidt findet der Politiker Zugang zum Umweltschutz.

Daneben pflegt Schmidt seine Freundschaften. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger, ein gebürtiger Fürther, besucht Schmidt mehrmals in dessen Haus in Hamburg-Langenhorn.

Obwohl leidenschaftlicher Raucher ist Schmidt ein langes Leben beschieden. Am 22. Januar 2009 veranstaltet die "Zeit" gemeinsam mit der Zeit-Stiftung in Hamburg eine Feier zu seinem 90. Geburtstag. Rund 400 Gäste sind zugegen. Entertainer Harald Schmidt hält eine launige Rede.

Der Altkanzler und seine Nach-Nach-Nachfolgerin Angela Merkel. Schmidt sorgt sich um das Projekt Europa und warnt vor deutscher Hegemonie. Die europäische Einigung ist für ihn ein Garant für Frieden.

Selten sieht man sie zusammen: Helmut und Loki Schmidt mit ihrer 1947 geborenen Tochter Susanne. Die Wirtschaftsjournalistin, die mit einem Iren verheiratet ist, lebt in London.

Immer treu an der Seite ihres Mannes - 68 Jahre lang. Für die politische Karriere Helmut Schmidts gibt Loki Schmidt 1972 ihren Beruf als Lehrerin auf. Das Leben als Ehefrau des Bundeskanzlers nimmt sie in Anspruch.

Da sitzt man schon mal auf einer Treppe, unterhält sich und isst Labskaus. Dieses Foto entsteht am Rande des Bonner "Hummelfestes" im Jahr 1979.

Am 21. Oktober 2010 endet die Zweisamkeit. Loki Schmidt stirbt im Alter von 91 Jahren.

Der Schmerz ist für Helmut Schmidt groß. Anders als von Freunden befürchtet, zerbricht er daran aber nicht.

Nun ist Ruth Loah die Frau an seiner Seite. Beide kennen sich seit mehr als 50 Jahren. Loah unterstützte Schmidt bei seinen Wahlkämpfen und arbeitete für ihn bei der "Zeit".

Mit 93 Jahren eine neue Partnerschaft: Helmut Schmidt bekommt diese sehr gut. Beide wollen sogar noch Reisen unternehmen, vom Nordkap ist die Rede.

Susanne Schmidt ist froh über die neue Beziehung ihres Vaters und tut dies auch öffentlich kund.

Erinnerung an Loki: Helmut Schmidt erhält am 31. August 2012 ein Schild von Kindern der Loki-Schmidt-Schule in Hamburg. Mit einem Festakt wird die Schule Othmarscher Kirchenweg umbenannt. Loki Schmidt hat nach dem Zweiten Weltkrieg 13 Jahre lang an dieser Schule unterrichtet.

Und nun interessiert Schmidt auch wieder die Tagespolitik. Mit Peer Steinbrück duzt er sich mittlerweile. Beide verbindet das Schachspiel.

Im Buch "Zug um Zug" tauschen beide Sozialdemokraten Meinungen zu politischen und ökonomischen Fragen aus. Schmidt und Steinbrück äußern sich besorgt über die wachsende Kluft zwischen Regierenden und Regierten in Deutschland.

Obwohl er selbst lange zur politischen Klasse gehört hat, äußert sich Schmidt über diese sehr kritisch. Die Deutschen hören das gern. Im hohen Alter erfährt Helmut Schmidt auch von seiner SPD die entsprechende Würdigung. Er ist aus dem Schatten von Willy Brandt herausgetreten. (Text: Wolfram Neidhard)

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