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Politik

Jesus mit Knarre: Mythos Che Guevara

 
Am 9. Oktober 1967 torkelt ein betrunkener bolivianischer Soldat in ein schäbiges Schulhäuschen und mäht mit zwei Salven aus seinem Schnellfeuergewehr einen zerlumpten Mann nieder.

Am 9. Oktober 1967 torkelt ein betrunkener bolivianischer Soldat in ein schäbiges Schulhäuschen und mäht mit zwei Salven aus seinem Schnellfeuergewehr einen zerlumpten Mann nieder.

Der Feldwebel Mario Terán, der sich Mut für die ihm befohlene Tat angetrunken hatte, macht sein Opfer, den Argentinier Ernesto Guevara, damit unsterblich.

"Ziele gut, du erschießt einen Mann", sollen seine letzten, an den betrunkenen Schützen gerichteten Worte, gewesen sein.

Der Mythos vom edlen Revolutionär Che Guevara ist geboren.

In den 40 Jahren seit seinem Tod hat die Verehrung für "Che" bisweilen religiöse Züge angenommen. 1999 ließen die Kirchen in Großbritannien sogar ein Jesus-Plakat drucken, das dem Poster von Che Guevara nachempfunden war.

Selbst die CDU schrie offenbar nach einer "Revolution" und bediente sich Ches, als sie 2005 ihre Wahlkampfzentrale in Berlin mit "Angie-Guevara"-Ikone eröffnete.

Im kollektiven Gedächtnis politisch linker Lateinamerikaner und weit darüber hinaus geistert der Arzt und Guerillero auch heute noch als eine Art "Jesus mit Knarre" herum, wie Wolf Biermann in seinem Lied "Commandante Che Guevara" einmal dichtete.

Seine Kritiker hingegen brandmarken ihn als "stalinistischen Massenmörder" und Vorläufer Osama bin Ladens, weil er in einem Interview gesagt haben soll, er hätte nichts dagegen, wenn New York dem Erdboden gleich gemacht werde. (Kubanische Führung 1960)

Mit dem tatsächlichen Leben und Wirken des Ernesto Guevara hat die Legende vom modernen Jesus nur in einem, allerdings wichtigen Punkt zu tun. (1964 in New York beim CBS-Interview)

Bis zur Selbstaufopferung setzt er sich für eine gerechtere Welt ein. Zeit seines kurzen Lebens bleibt er dem Ideal treu, sich nicht durch persönliche Vorteile vom Ideal einer egalitären Gesellschaft abbringen zu lassen. (1964 vor der UNO)

1965 gibt Guevara, der zusammen mit Fidel Castro 1959 den kubanischen Diktator Batista gestürzt hatte, seine Position als kubanischer Industrieminister auf.

Der Abschied des Guerillakämpfers aus Kuba ist wenige Jahre nach der erfolgreichen Revolution nach Ansicht eines engen Weggefährten unfreiwillig erfolgt.

"Zwischen Che Guevara und Revolutionsführer Fidel Castro gab es starke Spannungen. Che war nicht mit der engen Anlehnung an die Sowjetunion seit Anfang der 60er Jahre einverstanden", erzählt der in Paris lebende, 68-jährige Ex-Guerillero Dariel Alarcón.

Che Guevara geht deshalb in den Kongo und später nach Bolivien. Dort versucht er erfolglos, eine Revolution zu entfachen, die seinen Vorstellungen entspricht. Alarcón kämpft an der Seite Che Guevaras. (Auktion von Guevara-Fotos 2001 in Paris)

Es habe sich im Zuge der engen Bindung an Moskau eine Funktionärskaste herausgebildet, die den Kontakt zum Volk Stück für Stück verloren habe. "Che Guevara hingegen sagte, ich werde immer das essen, was das Volk isst."

Durch eine gute "PR-Arbeit" habe es so ausgesehen, als sei der Weggang von der Karibikinsel aus rein idealistischen Gründen erfolgt. "Doch das war nicht so, über der Revolution lag ein Schatten." (1961 auf einer Wirtschaftskonferenz in Uruguay)

Bei seiner Festnahme in Bolivien im Oktober 1967 soll Guevara gesagt haben, "für Euch und für Fidel wird es besser sein, wenn ich tot bin". (Der bolivianische Journalist Freddy Alborta fotografierte Gueveras Leichnam.)

Noch immer meinen viele Kubaner, die Revolution wäre heute - 48 Jahre nach dem Sturz des Diktators Fulgencio Batista - eine andere, wenn Che Guevara nicht gegangen wäre.

Der frühere Weggefährte sieht den Guerillakampf und den Einsatz von Gewalt im Nachhinein kritisch, auch Guevara habe oft geirrt.

Der heute 68-Jährige konnte damals mit fünf Mitkämpfern den Verfolgern Che Guevaras entkommen und erreichte nach einer Odyssee über Chile, Tahiti, Frankreich und Russland im März 1968 wieder die kubanische Hauptstadt Havanna.

1995 verließ er Kuba und ging nach Paris. "Für mich bedeutet Che heute noch das gleiche wie vor 40 Jahren. (Statue in La Higuera, Bolivien)

"Er ist der Mann, der mir das Tor zur Welt geöffnet hat, er war beseelt vom Gedanken an eine gerechtere Welt", sagt Alarcón. "Ich glaube, heute fehlen uns solche Menschen." (Mexiko 1964)

Dass die bolivianischen Militärs den Leichnam des toten Revolutionärs aufgebahrt fotografierten, um der Welt den Fang des schon damals berühmten Revolutionärs zu beweisen, trug nur noch weiter zur Aura des Kämpfers bei.

"Er sah aus wie ein Christus", erinnert sich die deutsche Ordensschwester Antonia Maria Freude an den Anblick des blutgetränkten Leichnams in der Waschküche des Krankenhauses.

Die Bolivianer hacken dem Toten die Hände ab, um damit seinen Tod zu beweisen. Denn seine Leiche - so verkauft es das Militär der Weltöffentlichkeit - sei kurz nach seinem Tode verbrannt worden. Vallegrande soll auf keinen Fall zum Wallfahrtsort werden!

Doch in Wahrheit verscharren Soldaten den toten Che hastig unter der Landebahn des Flugplatzes.

1997 wird der handlose Leichnam entdeckt, nachdem ein bolivianischer General die Stelle des Massengrabes preisgegeben hatte.

Die Leiche wird in ein Mausoleum nach Santa Clara auf Kuba gebracht.

Der heute 71 Jahre alte Exil-Kubaner Gustavo Villoldo, der als damaliger CIA-Agent an der Gefangennahme Guevaras im bolivianischen Dschungel beteiligt war, bewahrte 40 Jahre lang eine Haarsträhne des Guerrillero auf. Jetzt will er sie versteigern.

Che und die kubanische Zigarre sind heute Legende: Sein Asthma hielt den Mediziner Zeit seines Lebens nicht vom Rauchen ab. Seinen ersten Anfall hatte er bereits im Alter von zwei Jahren.

Der am 14. Juni 1928 in der argentinischen Stadt Rosario geborene Guevara hat zwei Brüder und zwei Schwestern. Aufgewachsen als Kind einer wohlhabenden Familie, ist sein politischer Werdegang alles andere als selbstverständlich.

Doch dann zieht er zwei Mal, 1952 und ab 1953, per Motorrad und als Anhalter durch Lateinamerika. Die soziale Not der armen Bauern auf dem Land erschüttert den Sohn aus gutem Hause zutiefst.

"Dieses Herumziehen in unserem Amerika hat mich mehr verändert, als ich gedacht hätte", notiert er anschließend.

In Peru arbeitet Guevara eine Zeit lang auf einer Leprastation. In Guatemala erlebt er 1954 den von der CIA unterstützten Staatsstreich. (Demonstration 2002 bei El Zarco/Guatemala)

Che wollte eigentlich Ingenieur werden, doch der Tod seiner Großmutter, an deren Bett er 17 Tage lang ausharrte, bewog ihn, Medizin zu studieren. 1955 erwirbt Guevara den Doktortitel an der Medizinischen Fakultät von Buenos Aires. (1967 mit seinen Eltern)

Bald identifiziert er den US-Imperialismus und den Kapitalismus als Ursache allen Übels und stößt 1955 in Mexiko zur Rebellengruppe um Fidel Castro und dessen jüngerem Bruder Raúl.

Dort bekommt er auch seinen Spitznamen Che, ein Wort, das Argentinier in jedem dritten Satz als eine Art Anrede wie etwa "He, du" benutzen.

Die Härte und Gnadenlosigkeit, die er später im Guerillakrieg oder bei Hinrichtungen von Verrätern oder Deserteuren an den Tag legt, passen indessen wenig zum heutigen Bild des sympathischen Freiheitskämpfers. (Sein Hauptquartier in Los Portales auf Kuba)

Dazu trug viel eher das berühmte Foto bei, das der Fotograf Alberto Korda am 5. März 1960 aufnahm. Der bärtige Che scheint darauf leicht gedankenverloren in eine ferne Zukunft zu blicken.

Die Aufnahme entstand im Rahmen einer Trauerfeier für rund 80 Hafenarbeiter, die tags zuvor bei einem Anschlag auf den mit Munition beladenen französischen Frachter La Coubre starben.

Korda fotografiert Fidel Castro, der in seiner Rede die CIA für den Anschlag verantwortlich macht, die anwesenden Philosophen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir - und Ernesto "Che" Guevara.

"Plötzlich erschien Che im 90-Millimeter-Objektiv meiner Leica. Sein Blick erstaunte mich", so der 2001 gestorbene Korda. Erst in seiner Bedeutung verkannt, wird das Bild später zur Ikone des 20. Jahrhunderts. (Straßenmaler 2003 in Genf)

Das Bild ist bis heute millionenfach reproduziert worden. Obwohl Korda an dem eigenen Bild keine Rechte hatte, verklagte er im Jahr 2000 den Wodka-Hersteller Smirnoff und die Londoner Werbeagentur Lowe Lintas, weil sie das Che-Foto zu Werbezwecken verwendet hatten.

Korda argumentierte, die historische Bedeutung seines Fotos werde durch die Werbung lächerlich gemacht. Außerdem habe Che Guevara nie Alkohol getrunken. Der Londoner High Court sprach ihm daraufhin die Rechte an seinem Bild zu und untersagte die Werbung.

In den 60er und 70er Jahren zierte es die Wände von Studentenzimmern, inzwischen ist es millionenfach auf Hemden, Schlüsselanhängern, Feuerzeugen und sogar auf Bettwäsche oder Fußabtretern verbreitet worden.

Zum Teil völlig losgelöst vom historischen Kontext Guevaras steht das Konterfei inzwischen für eine vage Vorstellung von Rebellion und dem Streben nach einer besseren Welt. Und oft ist es auch nur noch ein Werbelogo. (2007 Burg Herzberg Festival in Hessen)

In Kuba hingegen lautet das Motto der kommunistischen Pioniere noch heute "¡Seremos como el Che!" (etwa: Lasst uns wie Che sein!). Die ersten Worte der Babys seien Mama, Papa, Wasser und dann Che, sagt eine Kubanerin.

Viele Geschichten ranken sich um Leben und Tod des Revolutionärs. Vieles wurde ihm angedichtet, so auch eine Liebesbeziehung zu der Deutschen Tamara Bunke. (Ihre Mutter mit Bildern der Tochter)

Haydée Tamara Bunke Bider wurde 1937 in Buenos Aires als Tochter deutscher Emigranten geboren und wuchs später in der DDR auf. Sie lernt Che 1960 kennen. Ein Jahr später reist sie selbst nach Kuba. (Die Mutter und ihr Ehemann an ihrem Sarg)

Sie wird zur Untergrundkämpferin ausgebildet und geht 1966 mit Che nach Bolivien. Am 31. August 1967 stirbt "Tania la Guerrillera" in einem feindlichen Hinterhalt in Vallegrande am Rio Grande.

Tamara Bunke ist heute auf Kuba eine Nationalheldin. Im Dezember 1998 werden ihre Gebeine im kubanischen Santa Clara in dem Mausoleum für Guevara und seine Kampfgefährten beigesetzt.

1959 heiratet Major Guevara als 34-Jähriger seine zweite Frau Aleida March de la Fore.

Aus der Ehe mit Aleida stammen vier Kinder.

Aleida "Aliusha" (geb. 1960), Camilo (geb. 1962), Celia (geb. 1963) und Ernesto (geb. 1965).

Camilo in einer Aufnahme seines Vaters ...

... und im Jahr 2003.

Die Tochter Aleida auf dem Arm ihres Vaters ...

... und 2007 in Paris.

Der Mythos Che lebt weiter - in Filmen (auch Robert Redford machte einen), ...

... im Musical "Evita", ...

... bei linken Demonstrationen wie hier bei Protesten gegen den Bush-Besuch 2001 in Madrid.

Zum Jahrestag der Oktoberrevolution 2004 in St. Petersburg,

2006 in Wien bei einer Demonstration zum EU-Lateinamerika-Gipfel,

2007 in Lima bei einer Demonstration gegen die Regierungspolitik,

2004 beim Streik der Opel-Arbeiter,

2007 im Camp der G8-Gegner in Reddelich bei Heiligendamm,

auf Postkarten und ...

... Oberarmen.

In Kuba ist Che natürlich allgegenwärtig - selbst beim Papstbesuch 2003.

Auf der Zuckerinsel begannen die Ehrungen für den "Revolutions-Helden" am 30. September und ziehen sich bis zum 14. Juni 2008 hin.

Dann würde Guevara 80 Jahre alt werden. (Alle Bilder dpa, AP)

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