Russlands offene Wunde: Tschetschenien im Januar 2007
Bilderserien
Es ist still geworden um Tschetschenien.Bild 1 von 78 Offiziell gibt es in der abtrünnigen russischen Kaukasusrepublik keinen Krieg mehr.Bild 2 von 78 Doch vom Frieden ist das Land auch weit entfernt. Noch immer werden Menschen entführt, gefoltert, getötet.Bild 3 von 78 Barbara Lochbihler, Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion, beklagt drastische Menschenrechtsverletzungen durch die russische Armee in der Kaukasus-Republik.Bild 4 von 78 "Dort kommt es nach wie vor zu Misshandlungen, willkürlichen Festnahmen bis hin zu Vergewaltigungen und extralegalen Hinrichtungen."Bild 5 von 78 In Tschetschenien würden Opfer von Menschenrechtsverletzungen eingeschüchtert und drangsaliert, wenn sie sich vor Gericht wehren wollten. "Für die russischen Militärs gibt es weitgehend ein Klima der Straflosigkeit."Bild 6 von 78 Die "Gesellschaft für bedrohte Völker" beklagt ebenfalls katastrophale Zustände in der überwiegend von sunnitischen Moslems bewohnten Republik:Bild 7 von 78 "Jeder fürchtet sich vor Denunziation selbst durch Bekannte, Nachbarn oder Freunde, niemand ist sicher vor Entführung, Folter oder Mord."Bild 8 von 78 Auch der Krieg der russischen Armee gegen Tschetschenien sei noch immer nicht zu Ende, denn die unzugängliche südliche Bergregion Tschetscheniens werde weiterhin von russischer Artillerie beschossen.Bild 9 von 78 Verschärft wurde laut der "Gesellschaft für bedrohte Völker" die Atmosphäre der Angst noch durch den Amtsantritt des pro-russischen Ministerpräsidenten Ramzan Kadyrow im März 2006. Ein Jahr später wurde der gerade 30-Jährige zum Präsidenten der Republik ernannt.Bild 10 von 78 "Hunderte von Menschen sind seit Amtsantritt von Kadyrow spurlos verschwunden" , so die Referentin der Organisation für die GUS-Staaten, Sarah Reinke. Vor allem Männer im Alter von 16 bis 40 Jahren seien ständig in Gefahr.Bild 11 von 78 Ramzan Kadyrow, Sohn des bei einem Anschlag im Mai 2004 getöteten tschetschenischen Präsidenten Achmad Kadyrow, ist besonders wegen seiner mehrerer tausend Mann starken Schlägertruppe gefürchtet.Bild 12 von 78 Augenzeugenberichten zufolge stürmen die Einheiten Kadyrows bei so genannten Säuberungen meist nachts die Häuser, verschleppen die männlichen Bewohner und sperren sie in Kellern oder Geheimgefängnissen ein.Bild 13 von 78 Durch Schläge, Stromstöße und Amputieren von Gliedmaßen werden die Opfer systematisch gefoltert. Auch Kadyrow (im Bild links) soll immer wieder selbst Hand angelegt haben.Bild 14 von 78 Russland weist dagegen jegliche Vorwürfe der Folter zurück. Berichten über angebliche Folter werde umgehend nachgegangen, so Vertreter der russischen Regierung.Bild 15 von 78 Dies wird schon lange versprochen - doch geändert hat sich nicht viel.Bild 16 von 78 Bereits seit Hunderten von Jahren kämpfen die Tschetschenen, eines der ältesten Völker des Nordkaukasus, gegen Russland - und haben sich dabei den Ruf eines zähen und wilden Kriegervolkes erworben.Bild 17 von 78 Der Nordkaukasus - für Russland aus strategischen und geopolitischen Gründen interessant - stand seit Ende des 19. Jahrhunderts unter der Verwaltung russischer Offiziere.Bild 18 von 78 Auch die Sowjets interessierten sich für die ölreiche Bergregion. 1921 wurde Tschetschenien Teil der Gorskaja Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik, später zur tschetscheno-inguschischen ASSR (Autonome Sozialistische Sowjetrepublik) zusammengelegt.Bild 19 von 78 Die Sowjetisierung und erzwungene Kollektivierung in den 30er Jahren führten zum Widerstand der Tschetschenen. Der Diktator Josef Stalin reagierte strikt:Bild 20 von 78 Obwohl nie ein einziger deutscher Soldat Tschetschenien betreten hatte, ließ er unter dem Vorwurf der Kollaboration mit der deutschen Wehrmacht 400.000 Tschetschenen in Viehwaggons nach Sibirien und Kasachstan deportieren. Zehntausende starben.Bild 21 von 78 Zwar erlaubte Nikita Chruschtschow (hier am Pult bei seiner Rede auf dem 20. Parteitag der KPdSU) den Tschetschenen 1957 die Rückkehr in die Heimat. Hier lebten jedoch inzwischen viele Neuansiedler - was zu latenten Spannungen führte, die zum Ende der Sowjetunion zum Ausbruch kamen.Bild 22 von 78 In der Zeit von "Perestroika" und "Glasnost" feierten die Tschetschenen ihre nationale Wiedergeburt. Getreu dem Rat von Boris Jelzin an Tatarstan "Nehmt so viel Souveränität, wie Ihr wollt", erklärte die Tschetscheno-Inguschische ASSR Ende 1990 ihre staatliche Souveränität und ihren Austritt aus der UdSSR.Bild 23 von 78 Initiator dieses Schritts war Dschochar Dudajew, einst Kommandeur eines sowjetischen Flugzeuggeschwaders. Im Oktober 1991 wurde er zum tschetschenischen Präsidenten gewählt.Bild 24 von 78 Moskau erklärte die Wahlen für illegal und verhängte im November den Ausnahmezustand über Tschetschenien. Bis zum Jahr 1994 erfolgte ein Massenexodus der nicht-tschetschenischen Bevölkerung aus der Republik. 200.000 bis 300.000 Menschen flohen.Bild 25 von 78 Präsident Boris Jelzin - in einem politischen Zwischentief - hoffte indes, mit einem Krieg gegen die abtrünnige Republik, den Ruhm Russlands zu mehren und sein angeschlagenes Image aufzupolieren.Bild 26 von 78 Alle Verhandlungsversuche Dudajews wurden brüsk zurückgewiesen. Am 11. Dezember 1994 begann der erste Tschetschenienkrieg, Russlands "Kampf gegen das Banditentum".Bild 27 von 78 Russische Panzer rollten in die Kaukasus-Republik ein, Dörfer wurden in Schutt und Asche gelegt.Bild 28 von 78 Sechs Wochen tobte der Straßenkampf in der Hauptstadt Grosny. Doch der tschetschenische Widerstand blieb - trotz der Tötung Dudajws durch einen russischen Raketeneinsatz - ungebrochen.Bild 29 von 78 Grosny wurde im Handstreich zurückerobert.Bild 30 von 78 Zugleich machten tschetschenische Rebellen auch außerhalb Tschetscheniens auf sich aufmerksam.Bild 31 von 78 So sorgten sie mit Geiselnahmen im Krankenhaus von Budjonnowsk ...Bild 32 von 78 ... und Kisljar für Angst und Schrecken.Bild 33 von 78 Wenn ihre Forderungen nicht erfüllt würden, drohten sie mit der Erschießung ihrer Geiseln.Bild 34 von 78 Angesichts anstehender Wahlen sah sich Jelzin 1996 zu Waffenstillstand und Friedensgesprächen gezwungen.Bild 35 von 78 Der russische Sicherheitsberater Alexander Lebed handelte mit dem Chef der tschetschenischen Übergangsregierung, Aslan Maschadow, ein neues Waffenstillstandsabkommen aus.Bild 36 von 78 Anfang Januar 1997 waren die russischen Truppen aus Tschetschenien abgezogen, der erste Tschetschenienkrieg beendet.Bild 37 von 78 80.000 Menschen hat er das Leben gekostet.Bild 38 von 78 Ende Januar 1997 fanden Präsidentschaftswahlen in Tschetschenien statt. "Selten", so beschreibt es der langjährige Moskau-Korrespondent Dirk Sager, "ist es bei Wahlen glücklicher, stolzer und auch sauberer zugegangen."Bild 39 von 78 Die gemäßigten Kräfte siegten. Aslan Maschadow, früher Oberst in der sowjetischen Armee, wurde zum Präsidenten gewählt.Bild 40 von 78 Doch Maschadow hatte einen schweren Stand, Russland zahlte nicht - wie versprochen - die Reparationen und bemühte sich auch nicht um Verhandlungen.Bild 41 von 78 Mehr und mehr drangen Wahhabiten, größtenteils saudi-arabische Islamisten, mit viel Geld nach Tschetschenien ein und gewannen an Einfluss.Bild 42 von 78 Am 7. August 1999 marschierten wahhabitische Einheiten um Terroristenführer Schamil Bassajew in Dagestan ein. Drei Tage später rief Bassajew eine "Islamische Republik Dagestan" aus. Diese sollte die Kernzelle einer islamischen Kaukasusrepublik sein.Bild 43 von 78 Bis Ende September 1999 hatten russische Sicherheitskräfte die tschetschenischen Rebellen aus Dagestan vertrieben.Bild 44 von 78 Unterdessen verschlechterte sich auch das Klima in der russischen Öffentlichkeit drastisch. Bei zwei Bombenattentaten auf Wohnhäuser in Moskau starben rund 300 Menschen, schnell ließ sich eine Spur zu russischen Verdächtigen finden.Bild 45 von 78 Bis heute allerdings haben sich die wahren Schuldigen nicht finden lassen. Kritiker der Putin-Regierung, wie der ermordete Ex-Spion Alexander Litwinenko, vermuten den russischen Geheimdienst hinter den Anschlägen.Bild 46 von 78 Für die breite Öffentlichkeit in Russland stand jedoch schnell fest: Die "Tschornie", die "Schwarzen" aus dem Kaukasus, standen hinter den Anschlägen.Bild 47 von 78 Dies war die Stunde des starken Mannes, die Stunde Wladimir Putins.Bild 48 von 78 Der bis dahin völlig unbekannte Geheimdienstchef war im August 1999 vom immer wieder gesundheitlich angeschlagenen Boris Jelzin zum Ministerpräsidenten und kurz darauf auch zum späteren Nachfolger ernannt worden.Bild 49 von 78 Putin verband sein Schicksal mit dem Tschetscheniens, am 1. Oktober 1999 marschierte die Armee wieder in die Kaukasusrepublik ein. Der zweite Tschetschenienkrieg, die so genannte "Anti-Terror-Operation", begann.Bild 50 von 78 Putin und seine Generäle hatten aus dem misslichen Ausgang des ersten Krieges inzwischen gelernt. Jetzt - so eine der Lehren - sollte der Krieg weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Das Ausland und Russland sollten nur Bilder sehen, die dem russischen Ansehen nicht schaden würden.Bild 51 von 78 Von Anfang an wurde die lästige Berichterstattung unterbunden. Journalisten wurden an der Einreise gehindert, ihr Material beschlagnahmt, sie selbst immer wieder bedroht.Bild 52 von 78 Die Russin Anna Politkowskaja war eine der wenigen Journalistinnen, die regelmäßig das Land bereiste und über die Misstände im Land schrieb: Über die Folter, über nächtliche Festnahmen, Vergewaltigungen, über das Verschwindenlassen von Lebenden und Toten.Bild 53 von 78 Gerade die Entführungen, so beschrieb es Politkowskaja, liefern vielen Armeeangehörigen ein stattliches Zusatzeinkommen. So müssen Tschetschenen meist, wenn sie ihre Angehörigen wiedersehen wollen, mehrere hundert Dollar zahlen. Wer Glück hat, bekommt seine Verwandten lebend zurück.Bild 54 von 78 Leichen, so Politkowskaja, sind noch teurer - schreibt es doch der tschetschenische Brauch vor, die Toten zu begraben.Bild 55 von 78 Im Jahr 2000 wurde der zweite Tschetschenienkrieg von russischer Seite offiziell für beendet erklärt.Bild 56 von 78 Doch das Töten, Plündern, Vergewaltigen ging weiter.Bild 57 von 78 Auf beiden Seiten, auf russischer und der der Rebellen, wurde erbarmungslos gekämpft.Bild 58 von 78 Am 23. Oktober 2002 geriet der Tschetschenienkonflikt wieder in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Im Moskauer Musical-Theater "Nord-Ost" nahmen tschetschenische Terroristen unter Führung von Mowsar Barajew etwa 700 Geiseln.Bild 59 von 78 Ihre Forderung an die russische Regierung: Die Beendigung des Krieges und der sofortige Abzug des russischen Militärs aus Tschetschenien. Putin setzte auf eine Politik der Stärke. Spezialkräfte befreiten die Geiseln, wobei sie das bis dahin ungetestete Betäubungsgas Carfentanyl einsetzten.Bild 60 von 78 Das Ergebnis: 129 Geiseln starben durch das Gas und schlechte medizinische Versorgung nach der Befreiung. Auch keiner der 41 Geiselnehmer, unter ihnen etliche Frauen, überlebte das Geiseldrama. Russische Sicherheitskräfte töteten die betäubten Rebellen durch einen gezielten Genickschuss.Bild 61 von 78 Zwei Jahre später kam es zur nächsten spektakulären Aktion tschetschenischer Rebellen - initiiert von Terrorführer Bassajew. In der nordossetischen Stadt Beslan nahmen sie am ersten Schultag mehr als 1.200 Geiseln, zum größten Teil Kinder.Bild 62 von 78 Ihre Forderung: Abzug russischer Truppen aus Tschetschenien und die Freilassung von inhaftierten tschetschenischen Gesinnungsgenossen.Bild 63 von 78 Wieder fackelte Moskau nicht lange.Bild 64 von 78 Bei der Befreiungsaktion starben nach offiziellen Angaben 30 Geiselnehmer, drei Sicherheitskräfte und 335 Geiseln.Bild 65 von 78 Seitdem setzt Moskau weiter auf eine Politik der Härte.Bild 66 von 78 Am 8. März 2005 wurde Maschadow bei einer Spezialoperation in der Ortschaft Tolstoj-Jurt getötet. Eine Woche zuvor soll er angeblich erneute Gesprächsbereitschaft zugesagt haben.Bild 67 von 78 Terroristenführer Bassajew wurde ein Jahr später, am 10. Juli 2006, umgebracht.Bild 68 von 78 Durch die Kriege 1994-1996 und 1999 bis heute ist bislang bis zu einem Viertel des knapp eine Million umfassenden tschetschenischen Volkes ums Leben gekommen.Bild 69 von 78 Auch viele Kritiker der russischen Tschetschenien-Politik wurden inzwischen mundtot gemacht. Im Herbst 2006 wurde die im Ausland wegen ihrer Tschetschenien-Berichterstattung vielfach ausgezeichnete Journalistin Anna Politkowskaja in Moskau erschossen.Bild 70 von 78 Zwei Jahre zuvor war sie bereits, als sie zu Verhandlungen mit den tschetschenischen Rebellen nach Beslan fliegen wollten, vermutlich durch einen Tee vergiftet worden und tagelang krank.Bild 71 von 78 Ebenfalls für immer zum Schweigen gebracht wurde Ex-Spion Litwinenko, ein scharfer Kritiker der russischen Regierung. Er starb nur kurz nach Anna Politkowskaja in London an einer mysteriösen Polonium-Vergiftung.Bild 72 von 78 Mit Politkowskaja verlor Tschetschenien eine unerschrockene Fürsprecherin.Bild 73 von 78 Das Leben in dem geschundenen Land geht weiter, auch ohne ihre Berichte.Bild 74 von 78 Und auch der Terror dauert an.Bild 75 von 78 Die Warnung des russischen Menschenrechtlers Sergej Kowaljow gilt heute ebenso wie 1994:Bild 76 von 78 "Dieser Krieg bringt ein großes Elend über Tschetschenien ...Bild 77 von 78 Der Krieg wird auch großes Elend über Russland bringen." (Text: Gudula Hörr)Bild 78 von 78
Russlands offene WundeTschetschenien im Januar 2007