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Es ist still geworden um Tschetschenien.
Offiziell gibt es in der abtrünnigen russischen Kaukasusrepublik keinen Krieg mehr.
Doch vom Frieden ist das Land auch weit entfernt. Noch immer werden Menschen entführt, gefoltert, getötet.
Barbara Lochbihler, Generalsekretärin der deutschen Amnesty-Sektion, beklagt drastische Menschenrechtsverletzungen durch die russische Armee in der Kaukasus-Republik.
"Dort kommt es nach wie vor zu Misshandlungen, willkürlichen Festnahmen bis hin zu Vergewaltigungen und extralegalen Hinrichtungen."
In Tschetschenien würden Opfer von Menschenrechtsverletzungen eingeschüchtert und drangsaliert, wenn sie sich vor Gericht wehren wollten. "Für die russischen Militärs gibt es weitgehend ein Klima der Straflosigkeit."
Die "Gesellschaft für bedrohte Völker" beklagt ebenfalls katastrophale Zustände in der überwiegend von sunnitischen Moslems bewohnten Republik:
"Jeder fürchtet sich vor Denunziation selbst durch Bekannte, Nachbarn oder Freunde, niemand ist sicher vor Entführung, Folter oder Mord."
Auch der Krieg der russischen Armee gegen Tschetschenien sei noch immer nicht zu Ende, denn die unzugängliche südliche Bergregion Tschetscheniens werde weiterhin von russischer Artillerie beschossen.
Verschärft wurde laut der "Gesellschaft für bedrohte Völker" die Atmosphäre der Angst noch durch den Amtsantritt des pro-russischen Ministerpräsidenten Ramzan Kadyrow im März 2006. Ein Jahr später wurde der gerade 30-Jährige zum Präsidenten der Republik ernannt.
"Hunderte von Menschen sind seit Amtsantritt von Kadyrow spurlos verschwunden" , so die Referentin der Organisation für die GUS-Staaten, Sarah Reinke. Vor allem Männer im Alter von 16 bis 40 Jahren seien ständig in Gefahr.
Ramzan Kadyrow, Sohn des bei einem Anschlag im Mai 2004 getöteten tschetschenischen Präsidenten Achmad Kadyrow, ist besonders wegen seiner mehrerer tausend Mann starken Schlägertruppe gefürchtet.
Augenzeugenberichten zufolge stürmen die Einheiten Kadyrows bei so genannten Säuberungen meist nachts die Häuser, verschleppen die männlichen Bewohner und sperren sie in Kellern oder Geheimgefängnissen ein.
Durch Schläge, Stromstöße und Amputieren von Gliedmaßen werden die Opfer systematisch gefoltert. Auch Kadyrow (im Bild links) soll immer wieder selbst Hand angelegt haben.
Russland weist dagegen jegliche Vorwürfe der Folter zurück. Berichten über angebliche Folter werde umgehend nachgegangen, so Vertreter der russischen Regierung.
Dies wird schon lange versprochen - doch geändert hat sich nicht viel.
Bereits seit Hunderten von Jahren kämpfen die Tschetschenen, eines der ältesten Völker des Nordkaukasus, gegen Russland - und haben sich dabei den Ruf eines zähen und wilden Kriegervolkes erworben.
Der Nordkaukasus - für Russland aus strategischen und geopolitischen Gründen interessant - stand seit Ende des 19. Jahrhunderts unter der Verwaltung russischer Offiziere.
Auch die Sowjets interessierten sich für die ölreiche Bergregion. 1921 wurde Tschetschenien Teil der Gorskaja Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik, später zur tschetscheno-inguschischen ASSR (Autonome Sozialistische Sowjetrepublik) zusammengelegt.
Die Sowjetisierung und erzwungene Kollektivierung in den 30er Jahren führten zum Widerstand der Tschetschenen. Der Diktator Josef Stalin reagierte strikt:
Obwohl nie ein einziger deutscher Soldat Tschetschenien betreten hatte, ließ er unter dem Vorwurf der Kollaboration mit der deutschen Wehrmacht 400.000 Tschetschenen in Viehwaggons nach Sibirien und Kasachstan deportieren. Zehntausende starben.
Zwar erlaubte Nikita Chruschtschow (hier am Pult bei seiner Rede auf dem 20. Parteitag der KPdSU) den Tschetschenen 1957 die Rückkehr in die Heimat. Hier lebten jedoch inzwischen viele Neuansiedler - was zu latenten Spannungen führte, die zum Ende der Sowjetunion zum Ausbruch kamen.
In der Zeit von "Perestroika" und "Glasnost" feierten die Tschetschenen ihre nationale Wiedergeburt. Getreu dem Rat von Boris Jelzin an Tatarstan "Nehmt so viel Souveränität, wie Ihr wollt", erklärte die Tschetscheno-Inguschische ASSR Ende 1990 ihre staatliche Souveränität und ihren Austritt aus der UdSSR.
Initiator dieses Schritts war Dschochar Dudajew, einst Kommandeur eines sowjetischen Flugzeuggeschwaders. Im Oktober 1991 wurde er zum tschetschenischen Präsidenten gewählt.
Moskau erklärte die Wahlen für illegal und verhängte im November den Ausnahmezustand über Tschetschenien. Bis zum Jahr 1994 erfolgte ein Massenexodus der nicht-tschetschenischen Bevölkerung aus der Republik. 200.000 bis 300.000 Menschen flohen.
Präsident Boris Jelzin - in einem politischen Zwischentief - hoffte indes, mit einem Krieg gegen die abtrünnige Republik, den Ruhm Russlands zu mehren und sein angeschlagenes Image aufzupolieren.
Alle Verhandlungsversuche Dudajews wurden brüsk zurückgewiesen. Am 11. Dezember 1994 begann der erste Tschetschenienkrieg, Russlands "Kampf gegen das Banditentum".
Russische Panzer rollten in die Kaukasus-Republik ein, Dörfer wurden in Schutt und Asche gelegt.
Sechs Wochen tobte der Straßenkampf in der Hauptstadt Grosny. Doch der tschetschenische Widerstand blieb - trotz der Tötung Dudajws durch einen russischen Raketeneinsatz - ungebrochen.
Grosny wurde im Handstreich zurückerobert.
Zugleich machten tschetschenische Rebellen auch außerhalb Tschetscheniens auf sich aufmerksam.
So sorgten sie mit Geiselnahmen im Krankenhaus von Budjonnowsk ...
... und Kisljar für Angst und Schrecken.
Wenn ihre Forderungen nicht erfüllt würden, drohten sie mit der Erschießung ihrer Geiseln.
Angesichts anstehender Wahlen sah sich Jelzin 1996 zu Waffenstillstand und Friedensgesprächen gezwungen.
Der russische Sicherheitsberater Alexander Lebed handelte mit dem Chef der tschetschenischen Übergangsregierung, Aslan Maschadow, ein neues Waffenstillstandsabkommen aus.
Anfang Januar 1997 waren die russischen Truppen aus Tschetschenien abgezogen, der erste Tschetschenienkrieg beendet.
80.000 Menschen hat er das Leben gekostet.
Ende Januar 1997 fanden Präsidentschaftswahlen in Tschetschenien statt. "Selten", so beschreibt es der langjährige Moskau-Korrespondent Dirk Sager, "ist es bei Wahlen glücklicher, stolzer und auch sauberer zugegangen."
Die gemäßigten Kräfte siegten. Aslan Maschadow, früher Oberst in der sowjetischen Armee, wurde zum Präsidenten gewählt.
Doch Maschadow hatte einen schweren Stand, Russland zahlte nicht - wie versprochen - die Reparationen und bemühte sich auch nicht um Verhandlungen.
Mehr und mehr drangen Wahhabiten, größtenteils saudi-arabische Islamisten, mit viel Geld nach Tschetschenien ein und gewannen an Einfluss.
Am 7. August 1999 marschierten wahhabitische Einheiten um Terroristenführer Schamil Bassajew in Dagestan ein. Drei Tage später rief Bassajew eine "Islamische Republik Dagestan" aus. Diese sollte die Kernzelle einer islamischen Kaukasusrepublik sein.
Bis Ende September 1999 hatten russische Sicherheitskräfte die tschetschenischen Rebellen aus Dagestan vertrieben.
Unterdessen verschlechterte sich auch das Klima in der russischen Öffentlichkeit drastisch. Bei zwei Bombenattentaten auf Wohnhäuser in Moskau starben rund 300 Menschen, schnell ließ sich eine Spur zu russischen Verdächtigen finden.
Bis heute allerdings haben sich die wahren Schuldigen nicht finden lassen. Kritiker der Putin-Regierung, wie der ermordete Ex-Spion Alexander Litwinenko, vermuten den russischen Geheimdienst hinter den Anschlägen.
Für die breite Öffentlichkeit in Russland stand jedoch schnell fest: Die "Tschornie", die "Schwarzen" aus dem Kaukasus, standen hinter den Anschlägen.
Dies war die Stunde des starken Mannes, die Stunde Wladimir Putins.
Der bis dahin völlig unbekannte Geheimdienstchef war im August 1999 vom immer wieder gesundheitlich angeschlagenen Boris Jelzin zum Ministerpräsidenten und kurz darauf auch zum späteren Nachfolger ernannt worden.
Putin verband sein Schicksal mit dem Tschetscheniens, am 1. Oktober 1999 marschierte die Armee wieder in die Kaukasusrepublik ein. Der zweite Tschetschenienkrieg, die so genannte "Anti-Terror-Operation", begann.
Putin und seine Generäle hatten aus dem misslichen Ausgang des ersten Krieges inzwischen gelernt. Jetzt - so eine der Lehren - sollte der Krieg weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Das Ausland und Russland sollten nur Bilder sehen, die dem russischen Ansehen nicht schaden würden.
Von Anfang an wurde die lästige Berichterstattung unterbunden. Journalisten wurden an der Einreise gehindert, ihr Material beschlagnahmt, sie selbst immer wieder bedroht.
Die Russin Anna Politkowskaja war eine der wenigen Journalistinnen, die regelmäßig das Land bereiste und über die Misstände im Land schrieb: Über die Folter, über nächtliche Festnahmen, Vergewaltigungen, über das Verschwindenlassen von Lebenden und Toten.
Gerade die Entführungen, so beschrieb es Politkowskaja, liefern vielen Armeeangehörigen ein stattliches Zusatzeinkommen. So müssen Tschetschenen meist, wenn sie ihre Angehörigen wiedersehen wollen, mehrere hundert Dollar zahlen. Wer Glück hat, bekommt seine Verwandten lebend zurück.
Leichen, so Politkowskaja, sind noch teurer - schreibt es doch der tschetschenische Brauch vor, die Toten zu begraben.
Im Jahr 2000 wurde der zweite Tschetschenienkrieg von russischer Seite offiziell für beendet erklärt.
Doch das Töten, Plündern, Vergewaltigen ging weiter.
Auf beiden Seiten, auf russischer und der der Rebellen, wurde erbarmungslos gekämpft.
Am 23. Oktober 2002 geriet der Tschetschenienkonflikt wieder in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Im Moskauer Musical-Theater "Nord-Ost" nahmen tschetschenische Terroristen unter Führung von Mowsar Barajew etwa 700 Geiseln.
Ihre Forderung an die russische Regierung: Die Beendigung des Krieges und der sofortige Abzug des russischen Militärs aus Tschetschenien. Putin setzte auf eine Politik der Stärke. Spezialkräfte befreiten die Geiseln, wobei sie das bis dahin ungetestete Betäubungsgas Carfentanyl einsetzten.
Das Ergebnis: 129 Geiseln starben durch das Gas und schlechte medizinische Versorgung nach der Befreiung. Auch keiner der 41 Geiselnehmer, unter ihnen etliche Frauen, überlebte das Geiseldrama. Russische Sicherheitskräfte töteten die betäubten Rebellen durch einen gezielten Genickschuss.
Zwei Jahre später kam es zur nächsten spektakulären Aktion tschetschenischer Rebellen - initiiert von Terrorführer Bassajew. In der nordossetischen Stadt Beslan nahmen sie am ersten Schultag mehr als 1.200 Geiseln, zum größten Teil Kinder.
Ihre Forderung: Abzug russischer Truppen aus Tschetschenien und die Freilassung von inhaftierten tschetschenischen Gesinnungsgenossen.
Wieder fackelte Moskau nicht lange.
Bei der Befreiungsaktion starben nach offiziellen Angaben 30 Geiselnehmer, drei Sicherheitskräfte und 335 Geiseln.
Seitdem setzt Moskau weiter auf eine Politik der Härte.
Am 8. März 2005 wurde Maschadow bei einer Spezialoperation in der Ortschaft Tolstoj-Jurt getötet. Eine Woche zuvor soll er angeblich erneute Gesprächsbereitschaft zugesagt haben.
Terroristenführer Bassajew wurde ein Jahr später, am 10. Juli 2006, umgebracht.
Durch die Kriege 1994-1996 und 1999 bis heute ist bislang bis zu einem Viertel des knapp eine Million umfassenden tschetschenischen Volkes ums Leben gekommen.
Auch viele Kritiker der russischen Tschetschenien-Politik wurden inzwischen mundtot gemacht. Im Herbst 2006 wurde die im Ausland wegen ihrer Tschetschenien-Berichterstattung vielfach ausgezeichnete Journalistin Anna Politkowskaja in Moskau erschossen.
Zwei Jahre zuvor war sie bereits, als sie zu Verhandlungen mit den tschetschenischen Rebellen nach Beslan fliegen wollten, vermutlich durch einen Tee vergiftet worden und tagelang krank.
Ebenfalls für immer zum Schweigen gebracht wurde Ex-Spion Litwinenko, ein scharfer Kritiker der russischen Regierung. Er starb nur kurz nach Anna Politkowskaja in London an einer mysteriösen Polonium-Vergiftung.
Mit Politkowskaja verlor Tschetschenien eine unerschrockene Fürsprecherin.
Das Leben in dem geschundenen Land geht weiter, auch ohne ihre Berichte.
Und auch der Terror dauert an.
Die Warnung des russischen Menschenrechtlers Sergej Kowaljow gilt heute ebenso wie 1994:
"Dieser Krieg bringt ein großes Elend über Tschetschenien ...
Der Krieg wird auch großes Elend über Russland bringen." (Text: Gudula Hörr)
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