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Abräumer beim Deutschen Filmpreis: Fatih Akins "Auf der anderen Seite"

 
Das ist er, der Abräumer des Jahres.

Das ist er, der Abräumer des Jahres.

Bei der Oscar-Verleihung konnte er zwar nicht die Nachfolge von Florian Henckel von Donnersmarck antreten, dafür ...

... räumte er aber bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises gleich vier Lolas ab.

Sein Episodendrama setzte sich nicht nur als bester Film, sondern auch in den Kategorien Regie, Drehbuch und Schnitt durch.

Worum geht's? Der Tod kommt zwei Mal: In Fatih Akins neuem Film "Auf der anderen Seite" wird ein Sarg von Deutschland nach Istanbul geflogen, ein anderer verlässt die türkische Stadt in der Gegenrichtung.

Mit überraschend leisen und reifen Tönen leistet der deutsch-türkische Regisseur fundamentale Trauerarbeit.

Sein vielschichtiger Film hat nicht die fast brutale Gefühlswucht des Berlinale-Gewinners "Gegen die Wand".

Akin - mittlerweile 34 Jahre alt und Vater eines kleinen Sohnes - bewahrt die Ruhe. Seine neue Inszenierung besteht trotz großer Emotionen auf Gelassenheit und bewahrt Distanz.

"Erfolg ist eine wunderbare Sache, aber er hat mich auch unter Druck gesetzt", sagte der vielfach ausgezeichnete Regisseur bereits in Cannes. "Ich wollte es mit dem zweiten Teil meiner "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie besser machen - und anders."

Die Todesfälle - für die Opfer jeweils kurz und schmerzlos - sind für die anderen Charaktere des Films Anlass für sehr persönliche und lange Reisen. Kunstvoll verwebt Akin verschiedene Schicksale miteinander.

Ein türkischer Witwer und Rentner bittet die Bremer Hure Yeter darum, bei ihm zu leben. Bei einem Streit schlägt er sie, Yeter stürzt unglücklich und stirbt.

Der Sohn des alten Mannes ist Professor der Germanistik und Goethe-Experte. Er will mit seinem Vater, dem "Mörder", nichts mehr zu tun haben. Aber er reist nach Istanbul, um die Tochter von Yeter zu suchen - und er findet seinen Vater wieder.

Die türkische Tochter ist derweil auf der Flucht vor der türkischen Polizei in Deutschland gelandet und verliebt sich dort in eine Studentin. Ihr Asylantrag wird abgelehnt, sie wird zurück nach Istanbul gebracht.

Die deutsche Studentin reist ihr nach, holt eine Waffe aus einem Versteck - und wird von Handtaschendieben versehentlich erschossen.

Ihre trauernde Mutter macht schließlich die letzte Reise "auf die andere Seite" in die Türkei. Sie rebelliert nicht gegen den Schicksalsschlag, sondern sucht nach dessen Sinn. Ein bisschen viel vielleicht für einen Film? Vielleicht ...

... aber Akin verstrickt die Handlungsstränge zu einem komplexen Gebilde und verliert niemals den Überblick. Er verzichtet auf Action und Tränen in Nahaufnahme, sondern sucht die größere, fast philosophische Sicht.

Das Wechseln der Seiten, der Kulturen und Lebensentwürfe steht bei ihm für einen Weg zu mehr Offenheit, zu Verständnis und Vergebung. "Ich will mich in der Trilogie mit wichtigen Fragen der Menschheit beschäftigen. Das interessiert mich einfach", sagt er.

Zum Ziel gebracht wird er auch von einem hervorragenden deutsch-türkischen Darstellerensemble. Auf deutscher Seite ragt vor allem Hanna Schygulla mit ihrer fast schlafwandlerisch ruhigen Intensität heraus.

"Fatihs Drehbuch war sehr ungewöhnlich für einen so jungen Mann", erzählt die 63-Jährige, die viele Filme von Rainer Werner Fassbinder geprägt hat.

"Mir gefällt besonders, dass der Schmerz nicht in Bitterkeit endet, sondern in etwas Positives umgewandelt wird."

Dieses Positive sieht Schygulla auch ganz konkret in der Entstehungsgeschichte von "Auf der anderen Seite": "Die Dreharbeiten waren wunderbar. Es ist so selten, dass Türken und Deutsche zusammen glücklich sind. ...

... Das passiert nur dann, wenn etwas Gutes dabei herauskommt."

Der zum Star-Regisseur avancierte Akin hält in Deutschland eine intensivere Auseinandersetzung mit anderen Kulturen für dringend erforderlich. "Es ist eine notwendige Aufarbeitung der Gegenwart", so der 34-Jährige.

Weil die Deutschen immer weniger Kinder bekämen und immer mehr Migranten im Land lebten, habe die Bundesrepublik keine andere Wahl, als sich damit zu befassen.

Der deutsch-türkische Regisseur zeigte sich froh, dass sein Film als deutsche Oscar-Nominierung ins Rennen ging. In der Vergangenheit befassten sich die deutschen Kandidaten oft mit den Nationalsozialisten und der Zeit der innerdeutschen Teilung.

"Die Nazis sind out", stellt Akin ganz richtig fest. Heute gehe es um andere Konflikte - nicht nur in Deutschland. "Ich denke, das ist auch ein sehr amerikanisches Thema."

"Auf der anderen Seite" ist nun der zweite Teil seiner Trilogie "Liebe, Tod und Teufel" und kommt am 27. September in die Kinos.

Für das Drama "Gegen die Wand" hat Akin vor drei Jahren den Berlinale-Bären ...

... und den Europäischen Filmpreis gewonnen.

Sein neues Werk "Auf der anderen Seite" hatte bereits bei den Filmfestspielen in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhalten.

Da fragt man sich natürlich, wie sich der hohe Erwartungsdruck auf dieses Projekt ausgewirkt hat?

Dazu sagt Fatih Akin: "Ich finde es ein bisschen schade, den Film unter diesem Erfolgsdruck gemacht zu haben. Vielleicht wäre der Film befreiter geworden, ...

... wenn man nicht hätte darüber nachdenken müssen, was die Jury in Cannes dazu sagen wird, was die Kritiker sagen werden."

Musste er sich deswegen auf Kompromisse einlassen? Fatih Akin: "Nein, ich habe mir einfach nur zu sehr Gedanken gemacht, wie es Leute von außen empfinden. Man muss immer das machen, was man machen möchte."

"Auf der anderen Seite" ist genau das, was ich von der Thematik her erzählen wollte. Viele meinten, es sei zu viel, was ich da reinpacke. Aber: Ich will das alles erzählen und ich will es jetzt erzählen."

Akin hat immer wieder betont, dass seine Filme viel Autobiografisches haben: Seine Entwicklung verlief nach eigenen Aussagen vom kleinen Gangster über den Proletarier bis zum intellektuellen Hochschullehrer. Was kommt als Nächstes?

Fatih Akin: "Dass ich in Hamburg Studenten unterrichtet habe, hat mich bei meinem proletarischen Hintergrund schon selbst beeindruckt.

Aber vielleicht werde ich als nächstes wieder zum Gangster. Das Leben ist doch ein Wunder, das sich in Kreisläufen abspielt."

Und hat die Tatsache, dass er selbst vor nicht allzu langer Zeit Vater geworden ist, die Arbeit an dem neuen Film beeinflusst?

Fatih Akin: "Unbedingt. Ich hab das Drehbuch in der Schwangerschaft geschrieben und nach der Geburt verfilmt. Da erlebt man natürlich emotionale Achterbahnfahrten und fundamentale Veränderungen. ...

... Kino ist eine herrliche Kunstform, aber angesichts der Verantwortung einem Kind gegenüber ist das doch alles trivial."

Stellt sich nur noch die Frage: Worum wird es im letzten Teil der Trilogie gehen? Fatih Akin: "Der Teufel, also das so genannte Böse, das ist für mich das Gegenteil von Liebe: Also Neid, Gier, Missgunst, Ignoranz. ...

Ich wollte mich in der Trilogie ganz allgemein mit Fragen der Menschheit beschäftigen. Das interessiert mich und ich finde es wichtig."

Die türkischen Frauen in seinem Film sind übrigens nicht gefügig oder unterdrückt, sondern sexy und kraftvoll. Will er damit bewusst einen Gegenpol zum Klischee der Frau mit dem Kopftuch setzen?

Fatih Akin: "Das hab ich nicht mit Absicht so angelegt. ...

Voller Absicht gegen Klischees habe ich allerdings den türkischen Germanistik-Professor in die Geschichte gebracht.

Die Frauen sind eher so, wie ich sie auch selbst erlebe. Ich kenne in meinem Umfeld und meiner türkischen Familie einfach keine unterdrückten, verschleierten Frauen, die immer ein paar Schritte hinter ihrem Mann herlaufen müssen."

Und wie geht Akin damit um, wenn Hanna Schygulla ihn mit Rainer Werner Fassbinder vergleicht?

"Ich hoffe mal, sie meint damit die bedingungslose Liebe dem Kino gegenüber. Da hat sie Recht. Aber ich arbeite ganz anders, nicht so schnell und so fanatisch wie Fassbinder. Und menschlich bin ich ohnehin ganz anders drauf."

Akin ist inzwischen ein international anerkannter Filmemacher: Das zeigt zum Beispiel sein Sitz in der Jury von Cannes 2005 neben Stars wie Salma Hayek, Emir Kusturica und Javier Bardem. Welche Schauspieler hätte er wohl in Zukunft gern vor der Kamera?

Das weiß er ganz genau: "Ich würde liebend gerne mal mit Sean Penn arbeiten. Naomi Watts finde ich großartig, auch Gong Li oder Armin Mueller- Stahl. ...

... Oder endlich mal wieder mit Moritz Bleibtreu. Moritz und ich treffen uns ja immer wieder, weil wir privat befreundet sind. Die Zusammenarbeit mit ihm vermisse ich wahnsinnig."

Momentan arbeitet Akin an "Der Müll im Garten Eden", einem Dokumentarfilm über den Kampf eines kleinen Dorfes gegen die türkische Regierung. Es soll ein Thriller werden. (Fotos: AP/dpa)

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