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Wirtschaft

Die Spekulanten sind los: Angriff auf Island

 
Ausgerechnet der Inselrepublik Island - mit gerade mal 300.000 Einwohnern - bläst der eisige Wind der Finanzkrise steif ins Gesicht.

Ausgerechnet der Inselrepublik Island - mit gerade mal 300.000 Einwohnern - bläst der eisige Wind der Finanzkrise steif ins Gesicht.

Laut "Wall Street Journal" wetten 40 Hedge Fonds auf einen Zusammenbruch von isländischen Unternehmen. Angeblich sind sie an dem Kurs, auf dem der Inselstaat segelt, nicht ganz unschuldig.

Politiker ebenso wie die Börsenaufsicht hegen den Verdacht, dass Spekulanten falsche Gerüchte über Islands Banken und Finanzsystem gestreut haben, um dann gegen die Isländische Krone zu wetten.

Die US-Bank Bear Stearns soll die Finger im Spiel haben. Sie soll Hedge-Fonds-Manager im "Hotel 101" in Reykjavik im Januar 2008 gecoacht und zu konzertierten Spekulationen animiert haben. Zu diesem Krimi aber später mehr. Dass es rumort, ...

... ist offensichtlich: Die Isländische Krone - die kleinste selbstständige Währung der Welt - hat seit Jahresbeginn 30 Prozent zum Euro an Wert verloren. Die Inflationsrate nähert sich dem zweistelligen Bereich.

"Wenn die Krone nicht aufgewertet wird, droht Inflation", erklärten Notenbanker jüngst und erhöhten den Leitzins um weitere 0,5 Punkte auf astronomische 15,5 Prozent. Es ist der 20. Zinsschritt seit 2004.

Island blickt auf einen steilen Wachstumskurs zurück. In den 90er Jahren privatisierte Island die Banken. Ausländisches Kapital überschwemmte das Land. Alles war wunderbar.

Die Banken gingen im großen Stil auf Einkaufstour, vor allem im europäischen Ausland. Dafür zapften die Banken den Kapitalmarkt an, besorgten sich hohe Kredite in Fremdwährung, ...

... und griffen nicht auf Einlagen zurück. Die Institute stiegen zu großen Spielern auf. Der Wert der drei Großen - Landsbanki, Kaupthing, Glitnir - entspricht inzwischen einem Mehrfachen des BIP.

Um ein Überhitzen der Wirtschaft zu verhindern, zog die Notenbank die Zinszügel straff. Die Art und Weise, wie die Banken ihr Wachstum fremdfinanzierten, nährt mittlerweile Zweifel an der Stabilität des isländischen Finanzsystems.

Die saftigen Zeiten sind vorbei. Die Auslandsverschuldung wächst bedrohlich. Der Aktienindex OMX, das isländische Dax-Pendant, krachte seit Januar um über 20 Prozent ein. Den Inselbewohnern droht eine hohe Zeche für den Boom.

Hedge Fonds ziehen dem Land Geld ab, indem sie ihre Carry Trades herunter fahren. Jahrelang hatten sie satte Gewinne damit gemacht, dass sie sich billig Geld in Japan liehen und es im hohen Norden zu einem hohen Zinssatz auf ein Sparkonto packten.

Die Rechnung ging in dem Moment nicht mehr auf, wo der Wechselkurs baden ging. Denn eine schwächere Krone macht die Gewinne aus dem Zinscoup zunichte. Dadurch, dass die Hedge Fonds jetzt Kronen in Euro tauschen, fällt der Wechselkurs weiter ins Bodenlose.

Der Rückzug der Hedge Fonds zieht ein weiteres Problem nach sich: die Banken verfügen über weniger Kapital mit dem sie arbeiten können. Die Geldgeber von Islands Banken können es sich deshalb erlauben, hohe Risikoprämien zu verlangen. Zu viele Probleme.

Über die Banken bricht die Eiszeit herein und Island wittert massive Absprachen und systematische Spekulationsangriffe von aggressiven US-Hedge Fonds und Spekulanten. Islands Premier Geir Haarde spricht von "skrupellosen Händlern", die das isländische Finanzsystem ...

... zugrunde richten wollen. Die Angriffstheorie ist nicht belegt, aber auch nicht abwegig. Selbst Fed-Chef Ben Bernanke wurde kürzlich vor dem US-Kongress zu den angeblichen "Attacken" auf Island befragt.

Klagen über Hedge Fonds, die das Land in den Ruin treiben, begegnen böse Zungen mit den Worten, dass die Inselrepublik wegen der hohen Auslandsverschuldung der Banken selbst nichts anderes sei als ein Hedge Fonds, nur im Gewand einen Staates. Was tun?

Die isländische Regierung will den angeschlagenen Banken hilfreich zur Seite stehen. Die Angriffe der Hedge Fonds sollen "mit allen Mitteln" zurückgeschlagen werden. Wie das geschehen soll, ist allerdings unklar.

Die Kaupthing Bank erwägt gegen die US-Bank Bear Stearns rechtlich vorzugehen. Denn sie soll Hedge Fonds im Januar bei ihren unlauteren Manövern beraten haben. Interessanterweise ist Bear Stearns inzwischen selbst zum Opfer der Finanzkrise geworden.

Es macht die Geschichte die Runde, dass es bei einem Treffen im "101 Hotel" in Reykjavik Absprachen von Hedge-Fonds-Managern gegeben haben soll, wie man mit Wetten gegen Islands Währung, das heißt Short-Positionen, Gewinne macht. Alles nur Theorie oder Praxis?

Wo Rauch ist, ist auch Feuer, meinen Beobachter. Die isländische Finanzaufsicht prüft, ob einige Parteien systematisch negative und falsche Gerüchte über Islands Banken und das Finanzsystem gestreut haben, um davon zu profitieren.

"Raubtiere haben es immer auf die schwächsten Tiere der Herde abgesehen", sagte der Chefvolkswirt der Bank Kaupthing, Ásgeir Jónsson, nachdem das von Bear Stearns organisierte Treffen bekannt wurde. Auch Islands Börse prüft ihre Aufzeichnungen und ...

... leitet Verdächtiges an die Finanzaufsicht weiter. Es sei nichts Schlimmes Short-Positionen einzugehen. "Wenn aber falsche Gerüchte auf dem Markt verarbeitet werden, dann ist das ein eindeutiger Fall von Marktmanipulation", sagt Börsenchef Thordur Fridjonsson.

Island bleibt nichts weiter als wachsam zu bleiben, den Dingen nachzugehen. Und derweil die kerngesunden Grundstrukturen der isländischen Wirtschaft als Garant gegen einen Finanz- und Bankencrash herauszuheben. Arbeitslosigkeit ist auf Island ...

... ein Fremdwort, die Fischerei - nach wie vor die wichtigste Einnahmequelle - floriert. Von der Sicherheit des Rentensystems können andere nur träumen. Der Staat habe gut gefüllte Kassen, heißt es immer wieder.

Doch die Bevölkerung fühlt sich mittlerweile doch angeschmiert. Auch viele Normalbürger haben in den Boomjahren bei schnell steigendem Lebensstandard und explodierenden Immobilienpreisen kräftig konsumiert und Kredite aufgenommen.

In Reykjavik gab es erste Proteste gegen den schmerzlichen Preisanstieg. Politiker analysieren die Lage und kommen zum Schluss, dass der Widerstand gegen Islands Beitritt zu EU abnimmt.

Vielen werde deutlich, "wie verletzlich wir alleine sind", so die Außenministerin Ingibjörg Sólrún Gísladóttir. Spätestens wenn böse Spekulanten über einen herfallen, möchte man nicht mehr alleine sein.

Die Banken reagieren mittlerweile auf die Krise, indem sie sich geografisch breiter aufstellen und mehr Umsatz über eine erweiterte Produktpalette generieren. Mittel vom Geld- und Kapitalmarkt werden abgezogen. Stattdessen verlässt man sich stärker auf Spareinlagen.

Experten sagen, dass die Banken noch genügend Liquiditätspolster haben, die dieses Jahr gut abdecken. Die Regierung habe damit Zeit für Gegenmaßnahmen. Zum Beispiel, Zugang zu Devisen zu finden.

Beobachter gehen davon aus, dass Islands Zentralbank schon bald eine Kooperation mit anderen nordeuropäischen Notenbanken verkünden wird, die den Bankensektor stützen soll.

Außerdem soll der Haushaltsüberschuss dazu genutzt werden, die Devisenreserven aufzustocken. Damit soll gewährleistet werden, dass die Zentralbank als Refinanzierungsstelle fungieren kann. Island gibt also nicht auf. Für Wunder wird gekämpft. (Alle Bilder ap, dpa)

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