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Als Lüstling unübertroffen: Der Esel

 
Esel haben ein ganz seltsames Image. Sie gelten als dumm, starrköpfig und faul, zugleich als geduldig, gelassen und genügsam.

Esel haben ein ganz seltsames Image. Sie gelten als dumm, starrköpfig und faul, zugleich als geduldig, gelassen und genügsam.

Die Anrede "Du Esel!" ist nur selten als Kompliment gemeint.

Im Gleichnis von "Buridans Esel" etwa verhungert ein Esel, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen von zwei Heuhaufen er zuerst fressen soll.

Auch im Neuen Testament taucht ein Esel auf, allerdings nicht in der Weihnachtsgeschichte (das ist eine spätere Erfindung des Volksglaubens), ?

? sondern wenige Tage vor der Kreuzigung Jesu: Auf einem Esel ritt der Messias in Jerusalem ein. Seither trägt der Esel den Ehrentitel "Haustier Gottes".

Den Auftritt in Jerusalem hatte der Esel seinem Ruf als einfaches Tier zu verdanken: Ein Heiland hoch zu Ross? Niemals!

In vielen Märchen und Kinderbüchern hat der Esel seinen schlechten Ruf überwunden.

Unter den Bremer Stadtmusikanten ist der Esel der Vordenker einer Gruppe von Aussteigern, ?

? das Eselchen Grisella ist alles andere als dumm oder starrköpfig, sondern kümmert sich äußerst liebevoll um den kleinen Tino, ...

... und auch n-tv Nahost-Korrespondent Ulrich W. Sahm schätzt zuweilen den Esel als zuverlässiges Verkehrsmittel (hier nahe Jericho).

Der französische Naturforscher Georges-Louis Leclerc de Buffon schrieb im 18. Jahrhundert, der Esel wäre das vornehmste aller Tiere - wenn es das Pferd nicht gäbe.

Tatsächlich steht das "Pferd des kleinen Mannes" zumeist im Schatten seines angeblich edleren Cousins.

In allem muss sich der Esel mit dem Pferd vergleichen lassen: Geschwindigkeit, Körpertemperatur, Zahl der Lendenwirbel.

Dabei ähnelt er vielleicht stärker der Katze. Darauf weist das Buch hin, dem die Abbildungen zu dieser Bilderserie entnommen sind: "Esel Europas" von Mary-Gérard Vaude, erschienen im RvR Verlag (ISBN 3-938265-10-8).

Das Buch ist ein Bildband mit zahllosen Fotos dieses faszinierenden Tieres.

Schon beim ersten Durchblättern wird klar, dass dieses Tier hier den Respekt bekommt, den es verdient.

Denn Esel sind alles andere als dumm.

Ein wenig erinnert der Esel auch an den Elefanten, der als Arbeitstier ebenfalls nicht selten unter Hieben zu leiden hatte. Dumm sind dabei nur jene, welche die Hiebe austeilen.

"Von allen Haustieren wurde der Esel am schlechtesten behandelt", schreibt Mary-Gérard Vaude. Vielleicht lag es auch daran, dass Esel als schamlose Gesellen galten.

"Was Eseleien angeht, hat er enorm viel Konkurrenz", fasst Vaude zusammen, "aber als Lüstling ist er unübertroffen."

"Der in Freiheit lebende Esel verbringt seine Zeit ausschließlich mit Fressen und Schlafen", heißt in dem Buch.

"Der Pferdehengst dagegen erschöpft sich darin, einen Harem von Stuten aufzutreiben, den er unablässig decken und gegen andere Hengste verteidigen muss."

Mit anderen Worten: Der Esel ist nicht sexbesessen, aber auch kein Freund trauter Zweisamkeit. "Wenn sein Fortpflanzungstrieb gestillt ist, kehrt er wie der Kater in die Einsamkeit zurück".

Zuhause ist der Esel in den trockenen Gefilden rund ums Mittelmeer. "Der Esel trägt Wein und trinkt Wasser", sagt ein französisches Sprichwort, eines von wenigen, die ausdrücken, wie dankbar der Mensch diesem Tier sein müsste.

Doch von Dankbarkeit keine Spur. In England schnitt man den Eseln vor Zeiten gar die Ohren ab, weil diese als Sitz seiner Sturheit angesehen wurden.

Nietzsches Zarathustra war klüger. An einen Esel gewandt sagte er: "Du liebst Eselinnen und frische Feigen, du bist kein Kostverächter. Eine Distel kitzelt dir das Herz, wenn du gerade Hunger hast. Darin liegt eines Gottes Weisheit."

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