Samstag, 17. Juli 2010
100 Jahre Odenwaldschule: Missbrauch von Anfang an
Der sexuelle Missbrauch an der Odenwaldschule überschattet das 100-Jährige Jubiläum der Reformschule. Doch die Taten beginnen nicht erst in den 1960-er Jahren. Eltern beklagen die ersten Übergriffe schon bald nach der Gründung.
Schon 1998 lag die Arbeit vor, die die Taten der Lehrer thematisierte.
(Foto: picture alliance / dpa)
Bereits in den Anfangsjahren der Odenwaldschule sind offenbar mehrere Schüler sexuell missbraucht worden. Historische Briefe enthalten nach einem Bericht des "Spiegel" Hinweise auf mehrere Übergriffe durch Lehrer bald nach der Gründung der Schule vor einhundert Jahren. Unter anderem schildere eine Mutter im Jahr 1924 in einem Brief an die Schulleitung detailliert, dass ihr zwölfjähriger Sohn von einem Erzieher missbraucht worden sei.
Das Magazin stützt sich auf die Dissertation der Erziehungswissenschaftlerin Christl Stark, die viele Tausend Briefe von Eltern an Schulgründer Paul Geheeb und dessen Frau ausgewertet hat. "Viel häufiger als über homoerotische Aktivitäten seiner Kollegen verlangen Eltern von Geheeb Rechenschaft über vermutete oder bewiesene sexuelle Beziehungen ihrer Töchter zu Mitarbeitern der Odenwaldschule", schreibt Stark in ihrer Arbeit aus dem Jahr 1998.
Liebesbriefe von Lehrern
Manche Eltern legten ihren Schreiben an die Schule Liebesbriefe bei, die ihre Töchter von Lehrern in den Ferien erhalten hatten, wie Stark weiter herausfand. In den Briefen an die Schulleitung klagten Eltern auch über sexuelle Übergriffe durch ältere Schüler.
Die Odenwaldschule, die vor gut einer Woche mit einer viertägigen Veranstaltung ihr 100-jähriges Bestehen feierte, ist ein bundesweit bekanntes Reforminternat im südhessischen Heppenheim. Ehemalige Schüler berichten über zahlreiche Missbrauchsfälle in der Zeit zwischen 1960 und Anfang der 1990er. Zwei Juristinnen, die von der Schule mit der Aufklärung beauftragt worden sind, zählten zuletzt mehr als ein Dutzend Beschuldigte und mehr als 70 Opfer.
Allein der jüngst gestorbene Ex-Schulleiter Gerold Becker soll 17 Jungen missbraucht haben. Gegen Becker wie gegen mehrere andere Ex- Lehrer an dem reformpädagogischen Landschulheim, wo Schüler und Lehrer auf engstem Raum zusammenleben, hat die Staatsanwaltschaft Darmstadt ihre Ermittlungen vor wenigen Wochen wegen Verjährung eingestellt.
dpa
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