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Panorama

Samstag, 27. Mai 2006

Amokläufer stach häufiger zu: Sorge um Sicherheit bei WM

Kurz vor dem Start der Fußball-WM hat der Amoklauf in Berlin die Debatte über Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Die Bundesregierung und die WM-Organisatoren halten das Konzept für ausreichend und warnten vor Panik. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, das Bundesinnenministerium habe in Zusammenarbeit mit den Ländern "alle nur denkbaren Vorkehrungen für die Einhaltung der Sicherheit in einem Ausmaß getroffen, wie es noch nie der Fall in Deutschland war". Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte Eingangskontrollen auch bei größeren Veranstaltungen während der WM.

Ständige Überprüfung des Sicherheitskonzepts

Ein 16-Jähriger hatte im Berliner Regierungsviertel am Rande der Eröffnungsfeier für den neuen Hauptbahnhof auf Passanten eingestochen. Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) plädierte dafür, die Sicherheitsmaßnahmen zur WM noch einmal zu überdenken und das Konzept stetig zu überprüfen. "Ich gehe davon aus, dass ständig überlegt wird, ob das Sicherheitskonzept einer neuen Sicherheitslage angepasst werden muss", sagte er.

Kein Zusammenhang mit der WM

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sieht keinen Zusammenhang zwischen der Bluttat und der WM. "Es gibt bei großen Menschenansammlungen immer gewisse Risiken, die man letztlich nicht ausschließen kann", sagte er der ARD. Die Vorbereitungen auf die WM seien jedoch "so gründlich, so umfassend, so sorgfältig wie noch nie bei einem Ereignis vergleichbarer Größenordnung", sagte der Minister. "Deswegen braucht sich niemand Sorgen zu machen um die Sicherheit."

Konzept neu prüfen

Der Sicherheitschef des deutschen WM-Organisationskomitees (OK), Helmut Spahn, will das Konzept wenn nötig prüfen. "Wir werden darüber reden müssen, ob wir im Vorfeld wirklich alles bedacht haben", sagte er dem "Tagesspiegel am Sonntag". Der Chef des Berliner Fußball-WM-OK, Bernd Schiphorst, hält Deutschland für gut vorbereitet: "Die WM wird allen Besuchern und Teilnehmern ein wesentliches Stück mehr Sicherheit bieten", sagte er der dpa.

Kontrolle für Public-Viewing-Areas

Im Mittelpunkt der Debatte stehen öffentliche Straßen und Plätze, wenn dort WM-Spiele übertragen werden. "Mir macht weniger die Sicherheit in den Stadien Sorgen als bei den so genannten Public-Viewing-Areas", sagte Bosbach der "Welt am Sonntag". GdP-Chef Konrad Freiberg verlangte: "Bei allen Open-Air-Übertragungen auf größeren Plätzen müssen die Fans auf Waffen durchsucht werden."

Stadien Hochburgen der Sicherheit

Schäuble betonte, bei großen Fan-Meilen gebe es Einlasskontrollen. Auch die Länder seien sehr sorgfältig bei der Vorbereitung. Nach Ansicht des Berliner WM-OK-Chefs Schiphorst sind die Stadien "Hochburgen der Sicherheit", und auf öffentlichen Plätzen und Straßen werde der Sicherheitsstandard deutlich erhöht. Die WM-Organisatoren planen Identitätskontrollen, Taschendurchsuchungen und Leibesvisitationen, wenn ein Verdacht besteht. Die Sicherheit steht nach Angaben von Merkel in Kürze auch bei einem Treffen Schäubles mit allen Botschaftern der 31 WM-Gastländer auf der Tagesordnung.

Roth: "Jeder muss sehen, was sein Nachbar macht."

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth forderte die WM-Fans zur Wachsamkeit auf. "Jeder muss sehen, was sein Nachbar macht", sagte sie der "Welt am Sonntag". Dies gelte vor allem außerhalb der Stadien. Zugleich warnte Roth davor, den Menschen vorzumachen, mit verschärften Gesetzen gäbe es absolute Sicherheit.

Ärzte drohen mit Streik zur WM

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) drohte, die Streiks der Uniklinikärzte wegen des anhaltenden Tarifstreits bis zur WM auszudehnen. "Von dem Streik der Ärzte sind auch die Notfallpläne für Katastrophenfälle bei der Fußball-WM betroffen", sagte MB-Vorsitzender Frank Ulrich Montgomery der "Bild am Sonntag".

FDP will schärferes Strafrecht

FDP-Bundesvorstandsmitglied Martin Lindner verlangte nach dem Amoklauf eine Verschärfung des Jugendstrafrechts. "Die Strafmündigkeitsgrenze auf zwölf Jahre abzusenken darf kein Tabu mehr sein", schrieb er in der "Bild am Sonntag". Sie liegt bisher bei 14 Jahren. Er forderte zudem, dass das mildere Jugendstrafrecht bei 18-bis 21-Jährigen die Ausnahme wird.

Haftbefehl

Gegen den 16 Jahre alten Amokläufer ist inzwischen Haftbefehl erlassen worden. Dem mutmaßlichen Täter wird versuchter Mord in 24 Fällen und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Von der Vernehmung weiterer Opfer und Zeugen erhofft sich die Polizei im Laufe weitere Klarheit über den genauen Tathergang. "Wir müssen ein lückenloses Bild von den Vorfällen haben", sagte der Polizeisprecher Uwe Kozelnik.

Immer mehr Verletzte

Der verhaftete Hauptschüler aus Berlin-Neukölln hatte wahllos auf Passanten eingestochen und dabei mindestens 28 Menschen verletzt. Sechs trugen schwere Stichwunden davon.

Eines der ersten Opfer der Messerattacke räumte in einer Vernehmung ein, mit dem Aids-Virus infiziert zu sein. Daraufhin wurden Verletzte mit Stichwunden und Ersthelfer, die Blutkontakt hatten, aufgefordert, sich im Virchow-Klinikum oder der Charit untersuchen zu lassen. Angeblich melden sich immer mehr Menschen in den Krankenhäusern um sich versorgen zu lassen. Sie werden nach Auskunft der Charit sofort mit Virus-hemmenden Medikamenten versorgt. Diese sind bei Einnahme in den ersten 24 Stunden nach einer Ansteckung am wirksamsten.

Die Tat ereignete sich im Regierungsviertel am Rande der Feierlichkeiten zur Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofes. Das Motiv des Täters, der stark angetrunken war, blieb zunächst unklar.

Gedichte für die Freundin

Ein älterer Bruder beschrieb den 16-Jährigen als liebenswürdigen Menschen. "Irgendetwas muss gewesen sein, dass er nicht mehr wusste, was er macht", sagte er im rbb. Sein Bruder schreibe Gedichte für seine Freundin, sei lieb zu seinem Neffen und zu seinen kleinen Geschwistern.

Unter Jugendlichen in Berlin sind Messerstechereien keine Seltenheit: Die Jugendkriminalitätsstatistik weist für das vergangene Jahr 612 Straftaten mit Messern aus, wobei allerdings nicht immer Menschen zu Schaden kamen.

Infektionsrisiko nur gering

Der Charit-Infektiologe Norbert Suttorp erläuterte, das Risiko sei gering, sich mit dem blutigen Tatmesser infiziert zu haben. Bei einem Stich mit einer Infusionsnadel, was im Klinikalltag immer wieder vorkomme, betrage die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Infektion drei Promille, das heißt drei Infektionen in 1.000 Fällen. Der Ärztliche Direktor der Charit, Ulrich Frei, wies darauf hin, dass das Blut auf dem Tatmesser bei jedem Stich durch die Kleidung der Opfer abgewischt worden sei.

Amoklauf dauerte 16 Minuten

Der Amoklauf begann gegen 23.30 Uhr. 16 Minuten lang lief er mit gezücktem Messer in der Hand durch das Regierungsviertel. Die ersten Opfer gab es neben dem Reichstagsgebäude. Ein privater Sicherheitsdienst hielt den jungen Mann schließlich auf, die Polizei nahm ihn gegen 23.46 Uhr fest. Mehr als 100 Polizisten und 45 Feuerwehrleute waren im Einsatz.

Berlins Polizei-Vizepräsident Gerd Neubeck erklärte, der Jugendliche sei am Spreeufer gestellt worden, nachdem er einer Frau ohne Grund in den Bauch geboxt hatte. Mehrere Zeugen hätten ihn anschließend als den Messerstecher identifiziert.

Bei ersten Vernehmungen am Samstag bestritt der Jugendliche die Tat. Das Tatmesser wurde aber bei ihm gefunden, berichteten Mitarbeiter des Landeskriminalamtes.

Bisher nur kleine Delikte

Der Schüler fiel der Polizei bisher nur mit relativ kleinen Delikten auf. Er habe nach bisherigen Ermittlungen einmal einen Mitschüler geschlagen, der ihn beleidigt habe, teilte Berlins Innensenator Ehrhart Körting mit. Außerdem soll der 16-Jährige in der Schule eine Scheibe eingeschlagen haben. Der 1989 Geborene habe "keinen Migrationshintergrund", erklärte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. Die Schwere der Tat müsse Anlass geben, mehr darüber nachzudenken, wie die Gesellschaft mit Gewalt umgeht, sagte Körting.

Körting sagte weiter, weder aus dem Umkreis des Jugendlichen noch aus der Familie ergäben sich hierfür Hinweise. Gegen solche Einzeltaten sei kein Schutz möglich. Daher gebe es auch keine Überlegungen, das Sicherheitskonzept für die Fußball-Weltmeisterschaft zu überdenken.

Kritik an Berliner Behörden

Der innenpolitische Sprecher der SPD, Dieter Wiefelspütz, hat das Verhalten der Berliner Behörden im Zusammenhang mit dem Amoklauf kritisiert. "Mir ist ehrlich gesagt schleierhaft, warum die Berliner Behörden so lange gebraucht haben, den Täter hinter Schloss und Riegel zu bringen", sagte Wiefelspütz der "Saarbrücker Zeitung" (Montag). Diese Frage müsse die Justiz in der Hauptstadt beantworten. "Zu klären wird auch sein, warum der Gewalttäter nicht früher gestoppt werden konnte", meinte Wiefelspütz. Die große Zahl der Verletzten sei schockierend.

Forderungen nach einem neuen Sicherheitskonzept für die Fußballweltmeisterschaft wies der SPD-Politiker jedoch zurück. Völlige Sicherheit könne es nicht geben, so Wiefelspütz.

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