Wissenschaftlich unseriös?Fundamentalkritik an PISA
Wenige Tage vor Veröffentlichung einer deutschen PISA-Nachfolgestudie ist ein Streit über die wissenschaftliche Seriosität des internationalen Schulvergleichstests von 2003 ausgebrochen.
Wenige Tage vor Veröffentlichung einer deutschen PISA-Nachfolgestudie ist ein Streit über die wissenschaftliche Seriosität des internationalen Schulvergleichstests von 2003 ausgebrochen. In der "Berliner Zeitung" warf der Münchner Physiker Joachim Wuttke dem PISA-Institut der OECD "spektakuläres Scheitern" vor. "Das ist Blödsinn", sagte der Leiter der deutschen Pisa-Tests, Manfred Prenzel, der "Tageszeitung" (taz). Joachim Wuttke "hat vieles von PISA nicht verstanden."
Wuttke ist einer der Autoren eines neuen Sammelbandes, in dem deutsche Wissenschaftler die PISA-Studie einer Fundementalkritik unterziehen. Der "Berliner Zeitung" sagte er, der Vergleichstest sei wissenschaftlich unseriös. Dem Bericht zufolge wertete Wuttke den PISA-Datensatz aus und kam zu dem Schluss, dass dem internationalen Projektzentrum in Australien "ein kapitaler Programmierfehler unterlaufen ist". Deshalb könne man keine wirklichen Aussagen treffen über das Können deutscher Schüler, etwa in Mathematik. Die bei PISA ermittelten Kompetenzstufen seien so gut wie wertlos.
Prenzel wies die Kritik zurück. Die Berichte seien falsch, die Schulstudie sitze Programmierfehlern des australischen PISA-Instituts ACER (Australian Council of Educational Research) auf. "Wir rechnen die PISA-Tests alle selbst parallel zu den Australiern durch."
Wuttke kritisierte zudem, die PISA-Stichprobe sei nicht repräsentativ. Unterschiede in den Schulbesuchs-und Teilnahmequoten hätten die Länder-Ranglisten verzerrt. So wäre Deutschland bei PISA 2003 vom 18. auf den 12. Platz von 30 Ländern vorgerückt, wenn man OECD-weit alle Tests für Sonderschüler ausgeklammert hätte. Diese Tests habe es ohnehin nur in sieben Staaten gegeben. Die Ergebnisse verfälscht hätten auch die unterschiedliche Teilnahmequoten der Schulen -in Deutschland 98,8 Prozent, in den USA 68,1 Prozent.
Prenzel sagte, für Sonderschüler sei ein eigenes PISA-Testheft entwickelt worden. "Wir wollten nicht mit dem großen Testheft in die Sonderschulen, wir wollten es menschlicher machen."
Auch die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Priska Hinz, wies die Wuttke-Kritik zurück. In den meisten europäischen Ländern würden Sonderschüler ins allgemeine Schulsystem integriert. "Trotzdem scheiden diese Länder besser ab als Deutschland." Es sei "höchst erstaunlich, dass sich Wissenschaftler zusammentun, um die PISA-Studie in Misskredit zu bringen." Auch viele weitere Studien hätten die Mängel im deutschen Bildungssystem belegt.