Montag, 20. Juni 2005
Handwerkers Trickkiste: Krank? Weniger Urlaub!
Handwerks-Präsident Otto Kentzler hat seine Forderung nach einer Anrechnung von Krankheitstagen auf den Urlaubsanspruch bekräftigt. "Wir müssen doch in den Betrieben erwirtschaften, (...) dass wir Urlaub bezahlen können", sagte der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks am Montag im ZDF. Sei ein Arbeitnehmer lange krank, müsse er "seine volle Arbeitskraft wieder der Firma zur Verfügung stellen, damit das wieder aufgeholt werden kann, damit dann auch Urlaub wieder bezahlbar wird".
Mit dem Vorstoß zur Anrechnung von Krankheitstagen auf den Urlaubsanspruch hatte Kentzler Widerstand von Gewerkschaften und Parteien ausgelöst. Der ZDH-Präsident hatte dem "Focus" gesagt: "Das ist ein absolutes Muss. Eine Anrechnung auf ein Arbeitszeitkonto kann alternativ möglich sein." Er denke aber nicht an eine Anrechnung im Verhältnis eins zu eins.
Im bayerischen Manteltarifvertrag für Konditoren ist laut "Focus" vorgesehen, für je fünf Krankheitstage einen Urlaubstag zu streichen - mit einem maximalen Urlaubsverlust von drei Tagen pro Jahr.
Der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Frank Bsirske, sagte dem "Tagesspiegel", hinter dem Vorstoß stecke die Absicht, die Arbeitszeiten zu verlängern. "Der Jahresurlaub ist zur Wiederherstellung der Arbeitskraft und nicht zum Auskurieren von Krankheiten gedacht."
Auch die FDP wandte sich gegen Kentzlers Vorstoß. Generalsekretär Dirk Niebel sagte, er halte diesen Vorschlag für Unsinn. "Krankheit ist Krankheit, und Urlaub bleibt Urlaub", sagte er der Berliner Tageszeitung "B.Z.". Wenn die Arbeitgeber weniger Urlaub vereinbaren wollten, sollten "sie das offen sagen und nicht in die Trickkiste greifen".
"In einer Zeit, in der es um eine ernsthafte Reform der sozialen Sicherungssysteme geht, ist das Schwachsinn", sagte Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke in Berlin. Es könne nicht angehen, dass man Beschäftigten, die krank würden, den Urlaub wegnehme.
Dieser Vorstoß werde "mit Sicherheit nicht aufgegriffen", sagte CDU-Parteichefin Angela Merkel nach einer Sitzung der Parteispitze. Auch angesichts des derzeit niedrigen Krankenstandes dürfe das Engagement der Menschen nicht gefährdet werden.
Tatsächlich ist der Krankenstand auf einem Rekordtief. 2004 lag die Zahl der krankheitsbedingten Fehlzeiten im Schnitt bei 13 Kalendertagen. Der Höchststand in der seit 1976 geführten Statistik stamme aus dem Jahr 1990 mit 25 Fehltagen. Der Krankenstand habe sich seither halbiert und sei auf einen "extremen Tiefstand" gesunken, teilte der Bundesverband der Betriebskrankenkassen am Montag mit.
"Luxus-Urlaub" streichen
Unterdessen fordert auch der Einzelhandel Änderungen an den Urlaubsregelungen. "Sonderurlaube sollten komplett gestrichen werden", sagte der Sprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels, Hubertus Pellengahr, dem "Tagesspiegel". Zusätzliche Urlaubstage für Hochzeit, Beerdigungen oder Umzüge seien ein Luxus, den sich die Wirtschaft nicht mehr leisten könne.
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