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Feuer aus allen RohrenRückkehr zu Luftangriffen

01.08.2006, 07:31 Uhr

Die Feuerpause war keine. Denn trotz des von Israel verkündeten Waffenstillstands für Luftangriffe, der seit Montagfrüh gelten sollte, hat die israelische Armee in den vergangenen beiden Tagen auch aus der Luft Ziele im Süden und Osten des Libanons ins Visier genommen. Bereits in dieser Nacht ist es mit der trügerischen Ruhe ohnehin vorbei. Israel will die Luftangriffe wieder im alten Umfang aufnehmen.

Schon in dieser Nacht soll der Krieg im Nahen Osten wieder in voller Stärke aufgenommen werden: Israel kündigte an, im alten Umfang zu den Luftangriffen auf vermutete Stellungen der radikal-islamischen Hisbollah im Libanon zurückkehren zu wollen. Seit Montagfrüh hatte Israel weitgehend eine 48-stündige Feuerpause für Luftangriffe eingehalten, um libanesischen Zivilisten die Möglichkeit zu geben, aus dem Kriegsgebiet zu fliehen. Allerdings war es auch in der Folge zu mehreren Angriffen aus der Luft auf Ziele im Süden und Osten des Libanons gekommen.

Der israelische Justizminister Haim Ramon kündigte an, die Angriffe würden unmittelbar nach Ablauf der Frist von 48 Stunden am frühen Mittwochmorgen (02.00 Uhr Ortszeit, 01.00 Uhr MESZ) in voller Stärke fortgesetzt. Ramon sagte, der Krieg sei an einem Wendepunkt angekommen. Eine erweiterte Bodenoffensive werde den Sieg bringen. "Mit ein wenig Geduld und viel Entschlossenheit sollten wir diese Kampagne gewinnen."

Tiefer Vorstoß geplant

Die erweiterte Bodenoffensive hatte zuvor das israelische Sicherheitskabinett beschlossen. Dieses laufe auf einen bis zu sieben Kilometer tiefen Vorstoß auf libanesisches Gebiet hinaus, hieß es in politischen Kreisen in Tel Aviv. Dies bedeute jedoch nicht, dass Israel den gesamten Südlibanon bis zum Litani-Fluss besetzen wolle. Der Fluss liegt etwa 20 Kilometer nördlich von Israel und gilt als strategische Grenzlinie.

Infrastrukturminister Binjamin Ben-Elieser deutete an, dass die Offensive noch bis zu zwei Wochen dauern könnte. Justizminister Ramon sagte, seit Beginn des Kriegs vor drei Wochen seien 300 der schätzungsweise 2.000 Hisbollah-Kämpfer getötet worden. Die Hisbollah selbst indes wies Berichte über größere Verluste zurück. Nach ihren Angaben kamen 43 ihrer Kämpfer in den Gefechten ums Leben. Seit Beginn der Kämpfe vor drei Wochen starben bislang insgesamt mehr als 600 Libanesen und 51 Israelis.

Olmert: "Beeindruckende Erfolge"

Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert sieht bei bisherigen Kämpfen im Libanon "beeindruckende und möglicherweise nie da gewesene Erfolge". Nach israelischen Medienberichten sagte Olmert während einer Ansprache im College für Nationale Sicherheit in Glilot bei Herzlia, das "Gesicht des Nahen Ostens" habe sich mit dem Feldzug verändert.

Israel habe vor drei Wochen nach der Entführung zweier Soldaten durch libanesische Milizen beschlossen, dass es nicht unter einer "Wolke der Bedrohung " leben wolle. "Diese Veränderung könnte dem Nahen Osten für Jahre einen Siegel aufdrücken", sagte Olmert den Angaben zufolge. Kritiker hatten der israelischen Armee, die als eine der stärksten der Welt gilt, bei der Offensive im Libanon militärische Misserfolge vorgeworfen.

Olmert betonte gleichzeitig, niemand habe versprochen, dass Israel nach der Libanon-Offensive nicht mehr von Raketen bedroht werde. Die Schlagkraft der Hisbollah sei aber bereits erheblich geschwächt. Man werde einer Waffenruhe erst dann zustimmen, wenn sich die Bedingungen in der Region grundlegend verändert hätten. "Wir stehen am Beginn eines politischen Prozesses, der am Ende zu einem Waffenstillstand unter völlig neuen Bedingungen führen wird", sagte Olmert.

Offene Fragen nach Angriff auf Kana

Unterdessen werfen die israelischen Luftangriffe auf die südlibanesische Ortschaft Kana vom Sonntag weiterhin Fragen auf. Bereits am Sonntag gab es einen erheblichen Widerspruch zwischen der Zahl der Toten in Mitteilungen des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) und arabischer Medien. Das IKRK sprach von 28 Toten, darunter 19 Kindern. Zuvor war von mehr als 50 Toten die Rede gewesen.

Wie der n-tv Nahost-Korrespondent Ulrich W. Sahm berichtet, ergab eine Nachfrage bei der Pressestelle des IKRK in Genf, dass auch drei Tage nach dem Angriff diese Zahl unverändert bei 28 geborgenen Leichen stehe. Eine Sprecherin sagte, dass möglicherweise noch weitere Leichen unter den Trümmern lägen. Es sei nicht möglich gewesen, während der Feuerpause schweres Gerät nach Kana zu bringen.

Von der Hisbollah "inszeniert"?

Wie Sahm weiter erfuhr, hatte der israelische Luftwaffenchef nach einer ersten Untersuchung am Sonntagabend bestätigt, dass das fragliche Haus in Kana gegen 0:00 Uhr am Sonntag früh angegriffen worden sei. Für ihn sei jedoch unbegreiflich, wieso die libanesischen Flüchtlinge im Keller dieses Hauses nach libanesischen Angaben erst am Morgen gegen 7:30 Uhr durch eine Explosion getötet worden seien. Der Luftwaffenchef behauptete, dass die israelischen Kampfflugzeuge zu dem Zeitpunkt dieses Haus nicht attackiert hätten.

Auf christlich-libanesischen Internetseiten wird schon spekuliert, dass die Hisbollah den Tod dieser Menschen "inszeniert" habe. Auffällig viele behinderte Kinder hätten in dem Keller ausgeharrt. Die Miliz der Partei Gottes (Hisbollah) habe einen machiavellischen Plan umgesetzt. Sie habe auf dem Dach des Hauses einen Raketenwerfer aufgestellt, um ein israelisches Bombardement zu provozieren. So seien die im Keller festgehaltenen behinderten Kinder massakriert worden, heißt es auf der Homepage von "Libanosopie".

Ölkatastrophe nach Angriffen

Unterdessen nahm die libanesische Regierung zur Bekämpfung der Ölkatastrophe vor der Küste in Folge der israelischen Luftangriffe Kontakt zu deutschen Behörden auf. Auf Grund der Kampfhandlungen gebe es aber nicht einmal die Möglichkeit für erste Hilfsschritte in der Region, sagte der Fachbereichsleiter für Schiffsunfälle und Schadstoffbekämpfung beim Havariekommando in Cuxhaven, Ulf Bustorff.

Nach Einschätzung des libanesischen Umweltexperten Wael Hmaidan kann das Öl Schäden und Folgekosten in Höhe von 250 Millionen Dollar (196 Millionen Euro) verursachen. Der inzwischen über 100 Kilometer lange Ölteppich hatte sich nach israelischen Luftangriffen auf die Öltanks eines küstennahen libanesischen Kraftwerks vor zwei Wochen gebildet. Der Ölteppich verschmutzte Küstenabschnitte und Strände entlang der libanesischen Mittelmeerküste und breitete sich zu Wochenbeginn in Richtung Syrien aus. Es wird befürchtet, dass er sich bis Zypern und in die Türkei ausdehnen könnte.