"Gegen Hunger und Chaos"60 Jahre Marshall-Plan
Die Rede war ohne großen Pomp, dauerte nur zwölf Minuten, doch sie sollte eine Epoche ändern und noch vieles darüber hinaus.
Die Rede war ohne großen Pomp, dauerte nur zwölf Minuten, doch sie sollte eine Epoche ändern und noch vieles darüber hinaus. Einen erlesenen Kreis in der ehrwürdigen Harvard-Universität hatte sich US-Außenminister George C. Marshall an jenem 5. Juni 1947 ausgesucht für die Vorstellung seiner Ideen, wie dem kriegszerrütteten Europa neues Leben einzuhauchen wäre. Später trug der Plan seinen Namen, und er sollte als erfolgreichstes ziviles Aufbauprojekt der USA des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen. Die politisch-militärische Sprengkraft der Vorschläge indes war geeignet, die Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu prägen.
"Gegen Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos" richtete sich der Vorstoß des späteren Friedensnobelpreisträgers. Marshall setzte auf die Eigeninitiative der Europäer und auf deren "Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft ihrer Länder und Europas als ganzem". Die Stoßrichtung der Vereinigten Staaten, nach Kriegsende von der Infrastruktur her unversehrt und prosperierend, war klar: "Logischerweise müssen die USA alles, was in ihrer Macht steht, unternehmen, um so zur Rückkehr normaler wirtschaftlicher Verhältnisse beizutragen." Sonst werde es in der Welt keine politische Stabilität und keinen gesicherten Frieden geben können. Im Wesentlichen ging es darum, deutsche Importeure von lebenswichtigen Waren mit harten Devisen zu versorgen.
Mehr als 13 Milliarden US-Dollar - nach heutigem Wert etwa 100 Milliarden (74 Milliarden Euro) - an Waren und Finanzleistungen flossen im Zuge des "Europäischen Wiederaufbau-Programms" bis 1952 über den Atlantik, davon rund 1,4 Milliarden in die deutsche Trümmerlandschaft. Das Angebot der Amerikaner richtete sich an alle europäischen Staaten, der Westen Deutschlands war der viertgrößte Empfänger nach Großbritannien, Frankreich und Italien. Moskaus "Njet" verhinderte vor dem Hintergrund des heraufziehenden Kalten Krieges, dass auch Osteuropa zu den Nutznießern zählte.
Niemand zweifelt indes, dass der Marshall-Plan genau deshalb zur Zementierung der Teilung Europas und mithin der Welt beitrug. Die Absicht der Strategen in Washington lag klar auf der Hand: Nur ein wirtschaftlich starkes Europa könne auch ein Bollwerk gegen den Kommunismus sein. Die Milliarden des Marshall-Plans machten aus den Hungernden verlässliche Partner. Und das Konzept ging auf. Es diente als "wirtschaftliche und politische Grundlage des westlichen Bündnisses, das den Kalten Krieg führte", befand einst die Historikerin von der renommierten Yale-Universität, Diane Kunz.
Geschichtswissenschaftler sind sich uneins, wie groß der Anteil des Marshall-Plans am neuen Leben aus den Kriegstrümmern war. "Die eigene Kraft trug in den großen europäischen Ökonomien in den ersten beiden Jahres des Programms 80 bis 90 Prozent der Kapitalbildung bei", stellt der Geschichtsprofessor von der Universität von Iowa, Michael Hogan, fest. Möglicherweise habe die US-Hilfe nur einen schmalen Beitrag zum Wiederaufleben Europas ausgemacht, räumt er ein. Jedoch: "Sie hat Importe erleichtert, Produktionsengpässe verringert, Kapitalbildung angeregt und die Inflation gedämpft." Sein Schluss: "Die Erfinder des Marshall-Plans können nicht den kompletten Verdienst einheimsen für diesen bemerkenswerten Erfolg."
Unzählige Male zogen Wohlmeinende die Idee des Marshall-Planes seitdem heran, wenn es darum ging, Krisenregionen oder zerfallende Staaten von Lateinamerika über den Balkan bis hin zum Irak vor dem Untergang zu bewahren. Larry Bland, Direktor der George-Marshall-Stiftung, zählt inzwischen nicht mehr wie häufig. Historiker winken ab, zu einzigartig waren die strukturellen und historischen Umstände.
Es sei nicht darum gegangen, Handel und Wissen an einen Ort zu bringen, wo es dies noch nie gegeben habe. Westeuropa habe selbstverständlich seit Jahrhunderten rechtliche Rahmen gekannt, Demokratie und den Respekt vor Privateigentum. "Wir hatten mit Menschen zu tun, die wussten, was zu tun ist und die Werte der Mittelschicht kannten", sagt Bland. "Wir mussten diesen Leuten nicht mehr beibringen, was Demokratie und Kapitalismus ist."
(Frank Brandmaier, dpa)