Krieg am Horn von AfrikaAngst vor Flächenbrand
Seit kurz vor Weihnachten gibt es einen neuen Krieg am Horn von Afrika, der die Stabilität der gesamten Region bedrohen könnte.
Seit kurz vor Weihnachten gibt es einen neuen Krieg am Horn von Afrika, der nach Ansicht von Beobachtern die Stabilität der gesamten Region bedrohen könnte. Die äthiopische Armee hat mehrere Ziele in Somalia bombardiert, unter anderem auch einen Flughafen von Mogadischu, wo die Union der Islamischen Gerichte ihren Sitz hat. Militärisch ist die äthiopische Armee den Islamisten weit überlegen. Am Dienstag verkündete der äthiopische Premierminister Meles Zenawi, dass die Islamisten auf dem Rückzug seien. Bei der gemeinsamen Offensive der äthiopischen Einheiten und der somalischen Regierungstruppen seien mindestens 1.000 Menschen getötet worden.
Analysten warnen davor, dass der Krieg gegen die Islamisten trotz der militärischen Überlegenheit Äthiopiens nur der Auftakt einer lange andauernden regionalen Krise sein könnte. "Hat eigentlich niemand aus dem Irak-Krieg gelernt? " fragt John Prendergast von der International Crisis Group." Jede militärische Strategie gegen Terrorismus ist zum Scheitern verurteilt. Auf lange Sicht schaden sie sich damit nur selbst", fügte er hinzu.
Wer sind "die Islamisten", deretwegen Äthiopien erneut einen Krieg mit dem Nachbarland riskiert? Viele Äthiopier sehen in ihnen vor allem die Vertreter des Hawiye-Clans, der bei der Bildung der Übergangsregierung nach eigener Einschätzung zu kurz gekommen war. Die islamischen Gerichte waren in den Jahren des Bürgerkriegs und der Anarchie eine letzte Ordnungsinstanz. Als ihre Milizen im Juni die Hauptstadt Mogadischu eroberten, wurden sie von einem großen Teil der Bevölkerung mit Begeisterung willkommen geheißen.
Nach Ansicht der USA und ihrer äthiopischen Verbündeten ist die Union der Islamischen Gerichte jedoch in erster Linie ein Sammelbecken für Terroristen mit engen Verbindungen zur El- Kaida-Bewegung. Zu ihren Mitgliedern sollen unter anderem die Verantwortlichen für die Anschläge gegen die US-Botschaften in Daressalam und Nairobi 1998 zählen.
Die Islamisten senden widersprüchliche Signale aus. Nach den ersten Eroberungen präsentierten sie sich den internationalen Medien als kompromissbereite Ordnungsmacht. Je stärker sie sich fühlten, desto wilder wurde die Rhetorik. Islamisten-Chef Scheich Hassan Dahir Aweys hat von Anfang an klar gemacht, dass sein Ziel "Groß-Somalia" heißt - ein islamischer Staat, der auch die somalisch geprägten Regionen in Kenia, Äthiopien und Dschibuti umfasst.
Äthiopien und Somalia haben zuletzt 1977 gegeneinander Krieg geführt, mit sowjetischen Panzern auf beiden Seiten. Die somalischen Truppen erreichten damals die Stadt Harar im Osten Äthiopiens und wurden dann zurückgetrieben. Äthiopien gilt als christlicher Staat und hat eine eigene Kirche, doch schätzungsweise die Hälfte der Bevölkerung ist muslimisch. Im Osten des Landes, der von Dürre und Überschwemmungen geplagt ist, leben mehrere Millionen ethnische Somalis.
Äthiopien hat großes Interesse daran, eine islamistische Regierung im Nachbarland zu verhindern, die auch noch Ansprüche auf äthiopisches Gebiet erhebt. Hinzu kommt, dass die Islamisten ausgerechnet von Eritrea unterstützt werden, mit dem Äthiopien seit Jahren im "kalten" Krieg lebt. Der Konflikt zwischen Äthiopien und den Islamisten hat also nicht nur einen ideologischen Hintergrund, sondern hat letztlich auch mit somalischen Clanstrukturen und dem schwelenden Grenzkonflikt zwischen Äthiopien und Eritrea zu tun.
Ulrike Koltermann, dpa