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Im Schatten des VorgängersBenedikt und die Juden

19.08.2005, 16:35 Uhr

Es war nur eine einzige, aber dafür historische Stunde, die Papst Benedikt XVI. am Freitag als Gast und Redner in der Synagoge von Köln verbracht hat.

Es war nur eine einzige, aber dafür historische Stunde, die Papst Benedikt XVI. am Freitag als Gast und Redner in der Synagoge von Köln verbracht hat. Seine 15-minütige Rede sollte einen ersten Fingerzeig geben, wie der neue Papst mit dem geschichtlich höchst belasteten Verhältnis von Christen und Juden umgehen will. Seine Aussagen, und vor allem das, was er beim ersten Auftritt eines deutschen Papstes in einem jüdischen Bethaus nicht gesagt hat, dürfte noch lange für Diskussionsstoff sorgen. Er will den von Johannes Paul II. eingeschlagenen Weg "mit voller Kraft" weitergehen, verzichtete aber auf christliche Schuldanerkenntnisse, mit denen sein Vorgänger noch Geschichte geschrieben hatte.

Die katholische Kirche und die Haltung zum Holocaust - ein schwieriges, ein schmerzhaftes Thema. Kein Papst, kein Kirchenführer hatte sich so sehr für die Versöhnung eingesetzt wie Johannes Paul II. - auch hier muss sich Ratzinger an seinem übergroßen Vorgänger messen lassen. Hinter dessen Positionen stellte Benedikt sich in der Kölner Synagoge allerdings mehrfach so ausdrücklich, dass er in dessen Schatten zu verschwinden droht.

Johannes Paul II. hatte im Jubiläumsjahr 2000 in einem großen "Mea Culpa" um Vergebung auch für Judenverfolgungen gebetet. Später war der Pole nach Jerusalem gepilgert, ging zum Gebet an die Klagemauer - und steckte dort nach uralter jüdischer Sitte einen "Brief an Gott" in die Ritzen der 2000 Jahre alten Tempelmauern. In diesem Brief bat Johannes Paul in einer der ganz großen Gesten seines Pontifikats um die Vergebung für die Judenverfolgungen: Hohe Kurienkardinäle sollen sich damals gegen das große Schuldbekenntnis des Polen gewehrt haben, auch Ratzinger soll zu ihnen gehört haben.

In Benedikts Rede kam das Wort Schuld nicht vor, auch die Wörter Vergebung oder Versöhnung waren eher umschrieben. Er sprach nicht von den auch im Christentum verborgenen Wurzeln des Antisemitismus, nannte den Nationalsozialismus pauschal eine "wahnwitzige neuheidnische Rassenideologie". Der Papst warb für eine "Verbesserung der Beziehungen und der Freundschaft mit dem jüdischen Volk"; er warnte auch vor neuer Fremdenfeindlichkeit, die "im Widerspruch zu dem Willen Christi" stehe. Seltsam blass blieb die Rede, bewegend, wie die theologischen und emotionalen Ausführungen seines jüdischen "Kollegen", des Kölner Rabbiners Netanel Teitelbaum, war sie nicht.

"Nicht gerade eine emotionale Rede", sagte spontan ein Theologe aus dem Papst-Tross. "Man hätte sich gewünscht, dass er etwas zur Rolle der christlichen Kirche sagt", meinte ein anderer Benedikt- Begleiter mit Blick auf den Holocaust.

Besonders "die Verneigung des Papstes vor den Opfern war es aber nach erster Einschätzung des Kölner Gemeindevorstandes Abraham Lehrer, die bei Kölner Juden Befriedigung auslöste: Natürlich hätte er mehr sagen können, aber wir akzeptieren das für den ersten Besuch, sagte Lehrer diplomatisch, der selbst gerade in seiner Ansprache auf immer noch vorhandenen kirchlichen Antisemitismus hingewiesen hatte.

Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, ("Mein Herz ist voll von dem Eindruck") zeigte sich spontan tief bewegt, insbesondere über die Papst-Aussage zur religiösen Gemeinsamkeit beider Konfessionen: "Rede und Geste wirken hoffnungsvoll in die Zukunft" - und in dieser Zukunft bleibt ganz sicher noch viel zu tun für den neuen Pontifex Maximus, den Papstsprecher Joaquin Navarro-Valls eher einen Mann der Worte und Konzepte nannte: "Johannes Paul II. war ein Mann der Gesten."

Peer Meinert und Gerd Korinthenberg, dpa