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"Abschreckung ist wichtig"Chaos im Kongo

17.05.2006, 12:22 Uhr

Die Bundeswehrsoldaten, die zur Absicherung der ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten in der Kongo- Hauptstadt Kinshasa eingesetzt werden sollen, erwartet eine schwül-heiße Elf-Millionen-Stadt.

Die Bundeswehrsoldaten, die zur Absicherung der ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten im Sommer in der Kongo- Hauptstadt Kinshasa eingesetzt werden sollen, erwartet eine schwül-heiße Elf-Millionen-Stadt. Die "Kinois", wie die Einwohner von Kinshasa genannt werden, machen den Eindruck, als wollten sie die dunkle Zeit des 2002 beendeten mehrjährigen Krieges endgültig hinter sich lassen. Viele Frauen besitzen kaum mehr als ein Kleid - aber das ist leuchtend bunt und raffiniert geschnitten. Kaum einer hat eine geregelte Arbeit, viele schlagen sich durch, indem sie Telefonkarten oder Baguettes oder auch kleine Affen an der Leine verkaufen.

Der Verkehr ist chaotisch, die Autos fast alle schrottreif. VW- Bullis, die in Deutschland in den 80er Jahren als Eiswagen unterwegs waren, transportieren Dutzende von Passagieren. Ein Teil von ihnen hängt an der offenen Tür, andere sitzen auf der Heckklappe und lassen die Beine baumeln. Die Verkehrspolizisten tragen gelbe Blechhelme und stehen auf bemalten Betonblöcken. Sie trillern mit ihren Pfeifen vergeblich gegen das Chaos an. Erst abends erwacht die Stadt so richtig, wenn aus den zahlreichen Nachtclubs die sinnliche Lingala-Tanzmusik dröhnt.

Am Stadtrand wohnen noch immer Tausende von Flüchtlingen in heruntergekommenen ehemals öffentlichen Gebäuden. In den zerbrochenen Fenstern einer ehemaligen Hochschule flattern bunte Wäschestücke auf der Leine. Kinshasa ist eine Stadt der Gegensätze. In der Innenstadt, durch die ein breiter Boulevard verläuft, gibt es einige Luxushotels, in denen die Nacht mindestens 200 Dollar kostet. An den Hotelbars sitzen langbeinige schwarze Schönheiten mit künstlichen blonden Haaren und warten auf zahlungskräftige Kundschaft.

Hier und dort hängen noch immer Plakate von Laurent Desir Kabila, dem Vater des jetzigen Präsidenten, der "Mzee", ehrwürdiger alter Mann genannt wird. Sein Sohn Joseph, der gerade mal Mitte 30 ist, gilt als öffentlichkeitsscheu und Marionette reicher Geschäftsleute aus der rohstoffreichen Minenprovinz Katanga.

In Kinshasa wissen bislang nur wenige von den Plänen einer europäischen Truppe unter deutscher Führung zur Absicherung der Wahlen. "Deutsche Soldaten bei uns? Davon habe ich noch nichts gehört", meint Tarsis Chibanda, ein Ministerialbeamter. "Aber Hauptsache, eine neutrale Truppe ist da, um im Notfall für Ordnung zu sorgen. Das finde ich gut", fügt er hinzu.

"Die Europäische Union hat sich schon lange im Kongo engagiert, es ist wichtig, dass sie während der Wahlen Verantwortung zeigt", meint Ross Mountain, der Nothilfe-Koordinator der Vereinten Nationen. "Ein paar Hundert Soldaten können einen großen Unterschied machen. Abschreckung ist wichtig", fügt er hinzu.

Niemand kann abschätzen, ob es während der mehrfach verschobenen und nun für den 30. Juli geplanten Wahlen tatsächlich zu Gewalt kommen wird. Möglicherweise werden die Anhänger von Oppositionsführer Etienne Tshisekedi zu Unruhestiftern, da dieser sich gegen eine Kandidatur entschieden und zum Wahlboykott aufgerufen hat. Die derzeitige Übergangsregierung vereint mehrere ehemalige Kriegsgegner, die alle ihre Privatmilizen behalten haben.

Die UN-Mission im Kongo, die mit 17.000 Soldaten in dem riesigen Land nach eigener Ansicht stark unterbesetzt ist, hatte die Europäische Union um Unterstützung während der Wahlen gebeten. Deutschland erklärte sich nach einigem Zögern bereit, die Führung zu übernehmen.

Ulrike Koltermann, dpa