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"Die Schande von Haditha"Das US-Blutbad an Zivilisten

29.05.2006, 16:44 Uhr

Die Welt wird erneut mit einem bitteren Kapitel der US-Kriegsgeschichte konfrontiert. So sollen im November US-Soldaten 24 irakische Zivilisten willkürlich getötet haben. "Das ist schlimmer als Abu Ghoreib", klagte der demokratische US-Abgeordnete Murtha. -

Am "Tag der Veteranen", dem nationalen Gedenktag der Amerikaner für ihre in allen Kriegen gefallenen Soldaten, wurden Millionen US-Bürger erstmals mit einem neuen, bitteren Kapitel ihrer Kriegsgeschichte konfrontiert. Ausgerechnet als überall vor Denkmälern und auf Friedhofen der amerikanischen Helden und Opfer gedacht wurde, verdichteten sich die Hinweise auf das schlimmste Kriegsverbrechen amerikanischer Soldaten im Irak. "Das ist schlimmer als Abu Ghoreib", klagte der demokratische US- Abgeordnete John Murtha - denn US-Soldaten sollen am 19. November 2005 im irakischen Ort Haditha 24 Zivilisten - darunter Kinder - grundlos getötet haben.

US-Präsident George W. Bush hatte noch am Donnerstag die Misshandlungen und Demütigungen von Gefangenen im Militärgefängnis von Abu Ghoreib als "schwersten Fehler" im Irakkrieg bezeichnet, für den die USA "noch lange zahlen müssen". Nun sprechen Menschenrechtsgruppen wie Human Rights Watch laut dem US-Sender ABC von einem "My Lai" im Irak - in Anspielung auf das Massaker der Amerikaner in Vietnam, dem 1968 etwa 500 Zivilisten zum Opfer fielen.

"Die Schande von Haditha" werde das Ansehen der US-Streitkräfte weiter schädigen, schrieb das Nachrichtenmagazin "Time". Die "Washington Post" nannte es das "vielleicht schlimmste Kriegsverbrechen" von US-Soldaten im Irak. US-Generalstabschef Peter Pace betonte am Montag, es werde noch ermittelt. Aber seine besorgte Miene ließ kaum Zweifel daran, dass das Pentagon das Schlimmste befürchten.

Zeugenaussagen und Militärberichte beschreiben übereinstimmend einen blutigen Samstagmorgen in der westirakischen Hochburg der sunnitischen Aufständischen am Euphrat. Am Morgen des 19. November gegen 07.15 Uhr explodierte demnach bei einem Einsatz einer Einheit des 3. Bataillons des 1. Marineregiments am Straßenrand ein Sprengsatz. Der 20-jährige US-Unteroffizier Miguel Terrazas aus El Paso wurde in seinem Militärjeep getötet, zwei weitere Soldaten verletzt. Die Fenster der umliegenden Häuser zerschellten durch die Wucht der Explosion. Daraufhin stürmten den Berichten zufolge die US- Marines das nächstgelegene Haus des 76-jährigen, schwerstbehinderten Abdul Hamid Hassan. Die Soldaten hätten gnadenlos alle sieben Menschen im Haus - darunter ein vierjähriges Kind - erschossen.

Im Nachbarhaus sei dann eine Familie mit sieben Kindern - das jüngste ein Jahr alt - getötet worden. Nachbarn berichteten US- Zeitungen zufolge von "markerschütternden Schreien aus dem Haus". Vier weitere Männer seien in einem anderen Haus erschossen worden, kurz darauf ein Taxifahrer und seine vier Fahrgäste. "Unsere Truppen haben wegen der Belastung überreagiert und kaltblütig unschuldige Zivilisten getötet", sagte zornig Murtha nach Gesprächen mit Militärermittlern. "Ich werde keine Mörder entschuldigen", betonte der Vietnamveteran und Verteidigungsexperte des Repräsentantenhauses.

Nach dem Blutbad hätten die Soldaten die Leichen von 24 Irakern ohne Erklärungen in einem Krankenhaus abgeliefert. Die Marines hätten zunächst behauptet, die Iraker seien bei der Explosion eines Sprengsatzes gestorben. Später hätten sie zu Protokoll gegeben, die Zivilisten seien durch Schüsse Aufständischer getötet worden. Irakischen Zeugen sei es zu verdanken, dass die Darstellung nicht habe aufrechterhalten werden können.

Nun müssen die US-Elitesoldaten mit einer Anklage wegen Mordes, Pflichtverletzung und Falschaussage rechnen - und möglicherweise mehrere Vorgesetzte bis hinauf in die Generalität mit Anklagen wegen Vertuschung der Vorfälle. Den Angehörigen der Toten sind der "Washington Post" zufolge schon Entschädigungen in Höhe von 1500 bis 2500 Dollar (1175 bis 1957 Euro) für jedes Todesopfer bezahlt worden.

Von Laszlo Trankovits, dpa