Weltspitze oder SchönfärbereiDer Streit um die PISA-Daten
Der deutsche PISA-Forscher Manfred Prenzel rechnet beim Thema fehlende Chancengleichheit mit anderen Methoden als seine internationalen Kollegen. "Schönfärberei", sagt die GEW.
Nähern sich deutsche Schüler tatsächlich der "Weltspitze" an? Gern hören die leidgeprüften Kultusminister in diesen Tagen frohe IGLU- und PISA-Botschaften. Doch der Weg bis zur tatsächlichen "Weltspitze" ist wahrlich noch weit: Allein im Leseverständnis - der wichtigsten Basiskompetenz für weiteres Lernen und für den Beruf - beträgt der Lernvorsprung der koreanischen und finnischen PISA-Musterschüler gegenüber den Gleichaltrigen in Deutschland jetzt gut eineinhalb bis zwei Schuljahre. Und dabei hat sich dieser Abstand bei der jüngsten PISA-Studie sogar noch vergrößert.
Die Botschaft des deutschen PISA-Forschers Manfred Prenzel lautet: Die deutschen 15-Jährigen holen auf - und das nicht nur bei der Leistung. Prenzel sieht gar "nachweisbare Verbesserungen" bei der in der Bundesrepublik wie in keinem anderen vergleichbaren Industriestaat ausgeprägten Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft. Die jüngste IGLU-Grundschulstudie sagt hier allerdings etwas ganz anderes.
"Schönfärberei" wirft die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Prenzel vor. Und auch nicht wenige Bildungsforscher bleiben skeptisch: Ein Aufstieg auf den 13. Platz für den Wirtschaftsriesen Deutschland in den immer wichtiger werdenden Naturwissenschaften, wenig Bewegung bei Mathematik und beim Textverständnis - und sogar noch größere Leistungsabstände zwischen den guten und schlechten Lesern - das alles sei sechs Jahre nach dem deutschen PISA-Schock noch kein wirklicher Durchbruch.
Prenzels frohe Botschaft an die Kultusminister und seine Interpretation eines deutschen Aufstiegs, der am Wochenende via "Stuttgarter Zeitung" vorzeitig öffentlich wurde, wollte die OECD nicht bestätigen. Diplomatisch wiesen die internationalen PISA-Forscher aus Paris darauf hin, man werde die Ergebnisse, "die nach den OECD-weit geltenden PISA-Standards berechnet" werden, erst am 4. Dezember präsentieren.
Nach dem heftigen Streit um die Vergleichbarkeit der Tests von 2003 und 2006 in den Naturwissenschaften von vergangener Woche droht dann ein weiterer harter Konflikt. Offenbar rechnet Prenzel beim Thema fehlende Chancengleichheit in Deutschland mit anderen Methoden als seine internationalen Kollegen.
Bereits zwischen den PISA-Veröffentlichungen von 2000 und 2003 hatte Deutschland überraschend das Messverfahren gewechselt. Dann änderte Prenzel erneut. Der von ihm gewählte HISEI-Index erfasst nur den Berufsstatus der Eltern. Der von den internationalen PISA-Forschern benutzte ESCS-Index dagegen fragt auch nach dem kulturellen Hintergrund der Schüler, nach Zugang zu Büchern im Elternhaus, eigenem Arbeitsplatz für die Schularbeiten, Computer, Internet, Zusatzkursen und materiellen Zuwendungen wie etwa Taschengeld.
Auch schon bei früheren PISA-Untersuchungen hatten die deutschen Forscher die Situation an den Schulen der Bundesrepublik stets ein wenig freundlicher dargestellt als ihre internationalen Kollegen. 2003 wurden die im weltweiten Vergleich marginalen deutschen Punktzuwächse hierzulande gleich als großer Sprung nach vorn gefeiert - während die Wissenschaftler in der Pariser Zentrale der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) vor übertriebener Euphorie warnten und auf die hohe statistische Fehlertoleranz verwiesen.
Richtig Freude kommt bei vielen Forschern eigentlich nur über das deutsche Abschneiden bei den Naturwissenschaften auf - gleich, ob man nun das Ergebnis von 2006 mit dem von 2003 tatsächlich vergleichen kann. Ein deutsches Hauptproblem bleibt das Leseverständnis. Das gemeinsame Leseprojekt der Kultusministerkonferenz (KMK) "ProLesen - Konzepte und Materialien für Deutsch als Aufgabe aller Fächer", das unter Federführung Bayerns entstehen soll, kann immer noch nicht starten. Es hat die Überprüfung nicht bestanden. Nun soll nachgebessert werden.
Noch bevor die ersten PISA-Ergebnisse durchsickerten, warnte denn auch der KMK-Präsident, Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), vor übertriebenen Erwartungen. Natürlich hoffe er auf "das bestmöglichste Ergebnis", bekannte er vor gut zwei Wochen in einem Interview. Doch: "Gäbe es große Sprünge nach oben, würde ich die Methodik von PISA infrage stellen. Es ist unmöglich, dass Reformen in so kurzer Zeit größere Früchte tragen."