n-tv.de Interview"Die Hauptschule ist absurd"
Der Bildungsbericht von Bund und Ländern stellt den Hauptschulen erneut ein schlechtes Zeugnis aus. Marianne Demmer fordert die Abschaffung der Hauptschule.
Für Hauptschüler werden die Berufschancen immer schlechter. Das zeigt der zweite Bildungsbericht von Bund und Ländern. Jeder zweite Hauptschüler hat demnach 13 Monate nach Schulende noch keine berufliche Ausbildung gefunden, 40 Prozent sind 30 Monate nach ihrem Abschluss immer noch ohne qualifizierte Ausbildung. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert die Abschaffung der Hauptschulen. "Wer im zarten Alter von zehn Jahren erklärt bekommt: 'Du bist nur für die Hauptschule geeignet', hat erfahrungsgemäß wenig Motivation zu sagen: 'Ich strenge mich trotzdem an'", sagt GEW-Vizechefin Marianne Demmer. Sie fordert: "Wir brauchen mehr Personal für die individuelle Förderung."
n-tv.de: Frau Demmer, der zweite Bildungsbericht zeigt, dass Hauptschüler massive Probleme haben, einen Ausbildungsplatz zu finden. Woran liegt das?
Marianne Demmer: Erstens werden zu wenige Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt. Zweitens gibt es eine große Kluft zwischen dem, was die Wirtschaft erwartet und dem, was die jungen Leute mitbringen. In vielen Hauptschulen ist es jungen Leuten einfach nicht möglich, das zu entfalten, was in ihnen steckt.
Warum nicht?
Die Schüler in den Hauptschulen sind eine Ansammlung von Leuten, die in irgendeiner Form gescheitert sind. Sie kommen oft aus armen Verhältnissen, haben Familienprobleme, manche sprechen die deutsche Sprache nicht gut. Diese frustrierten jungen Menschen packt man dann alle zusammen in eine Klasse und behauptet, die Hauptschule sei für sie die beste Schulform - das ist absurd.
Muss die Hauptschule als Schulform abgeschafft werden?
Ja. Wer im zarten Alter von zehn Jahren erklärt bekommt: "Du bist nur für die Hauptschule geeignet", hat erfahrungsgemäß wenig Motivation zu sagen: "Ich strenge mich trotzdem an". Nein, bei diesen jungen Leuten tritt Resignation ein, sie fühlen sich ungerecht behandelt.
Wie sollen die Schulen dann organisiert werden?
Ich halte es für sinnvoll, die Schulteilung im Alter von zehn Jahren aufzuheben und - wie in anderen europäischen Ländern auch - die jungen Leute länger gemeinsam lernen zu lassen. In welcher Organisationsform man das macht, ist zweitrangig. Ob man einfach die Grundschulen weiterlaufen lässt, oder ob man Gesamtschulen oder Gemeinschaftsschulen bildet, das kommt dann auch auf die örtlichen Gegebenheiten an.
Besteht dann nicht die Gefahr, dass noch mehr Schüler auf das Niveau der Hauptschüler absacken?
Die Erfahrung zeigt, dass man von der Intelligenz oder vom Lernpotenzial her oft gar nicht unterscheiden kann, ob das ein Hauptschüler, Realschüler oder Gymnasiast ist. PISA und andere Studien verdeutlichen, dass ungefähr 70 Prozent der Schüler über dasselbe Lernpotenzial verfügen. Diese scharfe Unterscheidung zwischen Hauptschule, Realschule und Gymnasium kann man also eigentlich gar nicht treffen.
Wir sind also fast alle gleich intelligent und brauchen deshalb auch nur eine Schulform?
Natürlich lernen manche schneller, andere langsamer. Die einen sind für bestimmte Dinge begabter als andere. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen aber, dass es bei angemessenen Unterrichtsformen möglich ist, dass sie dieselbe Klasse besuchen. Wenn man für die Schnelleren Extra-Anforderungen formuliert und die Langsameren zusätzlich fördert, kann das funktionieren. Es kommt stark darauf an, dass sich die Lehrer darauf einstellen, dass sie unterschiedliche Kinder vor sich haben, die eine differenzierte Betreuung erfordern.
Wie sollen Lehrer das in Klassen mit über 30 Schülern leisten?
Wir brauchen natürlich mehr Personal für die individuelle Förderung, Lehrerfortbildungen für den Umgang mit leistungsgemischten Klassen, mehr Sozialpädagogen und Psychologen, die mit den Eltern der Kinder zusammenarbeiten, mehr Personal für Schüler mit Rechtschreibschwäche oder Matheschwäche. In Ländern wie Finnland und Schweden ist das Standard.
Sie fordern Konzepte für neue Schulformen. Außerdem Personal, das besser auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler eingeht. Wie soll das finanziert werden?
Es wäre relativ leicht zu finanzieren, wenn im Bildungsbereich nicht gekürzt würde. Die Schülerzahlen sind ja rückläufig. Wenn man das Geld im Bildungsbereich ließe, wäre schon viel gewonnen. Aber statt zu investieren, wird gekürzt. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt ist rückläufig: 1995 lag er bei 6,9 Prozent, heute nur noch bei 6,2 Prozent. In unseren Etats ist Luft für Bildungsausgaben. Nicht stärker in Bildung zu investieren, ist ein Risiko für die Gesellschaft. Denn man kann davon ausgehen, dass Jugendliche mit schlechter Ausbildung sich später nicht selbst ernähren können, zum Teil kriminell werden und den Staat viel Geld kosten.
Was sollten die nächsten Schritte sein?
Die Politiker müssen aufhören, sich in die Tasche zu lügen. Sie müssen die größten Probleme im Land anpacken: diese unglaubliche Chancenungleichheit und die hohe Gefährdung von Kindern aus armen Familien. Man darf nicht einfach darauf setzen, dass Eltern teure Nachhilfestunden zahlen. Vielmehr sollten Politiker endlich über neue Schulformen nachdenken. Durch unser momentanes Schulsystem werden die Probleme verstärkt, die Kinder aus ihrer Familie mitbringen - das Gegenteil sollte der Fall sein.
Mit Marianne Demmer sprach Anja Herr