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Tigerbändiger Putin gelassenEU-Debatte zum Kaukasus

01.09.2008, 18:43 Uhr

Während die EU in Brüssel darüber beriet, ob sie Russland mit Sanktionen drohen soll, war in Moskau das Thema Nummer der russische Regierungschef Putin als Tierbändiger.

Nicht die immer wieder hochkommende Diskussion über Sanktionen gegen Russland im Südkaukasuskonflikt waren in Moskau das Thema Nummer eins, sondern Fotos des russischen Regierungschefs Wladimir Putin im Tarnanzug als tapferer Tigerbändiger und besorgter Tierschützer. "Putin legt dem Tiger das Halsband an", lobte das Boulevardblatt "Komsomolskaja Prawda". Die zugespitzte Krise um Russlands Besetzung georgischer Konfliktgebiete verbannten die Zeitungen dagegen auf die hinteren Seiten. Das Signal war klar: Demonstrative Gelassenheit zum EU-Gipfel in Brüssel.

Putins Ausflug in das fernöstliche Naturschutzgebiet - mehr als 6000 Kilometer von Moskau - hätte nach Meinung von Beobachtern keine deutlichere Botschaft an Europa sein können: Das vor wirtschaftlichem Selbstbewusstsein nur so strotzende Moskau fürchtet sich nicht vor einer möglichen Isolation. Sanktionen? "Das wäre nicht schlimm", zitierte die Zeitung "Iswestija" den "nationalen Führer" Putin.

Die Politiker in Moskau lehnten sich zurück, während sich die europäischen Mitgliedsstaaten über den Umgang mit der Energiemacht Russland stritten. Russland verlässt sich seit langem darauf, dass die EU in dieser Frage tief gespalten ist. "Die EU ist eine Geisel ihrer Komplexe", "Die EU zaudert mit Sanktionen", höhnte die Zeitung "Nessawisimaja Gaseta" in ihren Überschriften.

Keine Deeskalations-Signale aus Moskau

Signale einer Deeskalation waren aus Moskau vorerst nicht in Sicht. Stattdessen drohte Präsident Dmitri Medwedew vor dem Treffen in Brüssel selbst mit Sanktionen. Doch eine harte Bestrafung aus Brüssel blieb wie erwartet aus. Experten hatten gewarnt, dass eine Isolation Moskaus sich an verschiedenen internationalen Brennpunkten wie bei der Vermittlung im Nahost-Konflikt und bei der EU- Friedensmission im Tschad auswirken könne.

Der Kremlchef jedenfalls lehnte es erneut ab, die Anerkennung der völkerrechtlich zu Georgien gehörenden Regionen Südossetien und Abchasien rückgängig zu machen. Russland habe dort den "Völkermord" an den Osseten und Abchasen gestoppt. Immer wieder macht Moskau in diesen Tagen deutlich, dass es auf die "Weltbühne" zurückgekehrt sei, seine Bürger schützen könne und mit der EU und den USA die Zusammenarbeit suche.

Das Riesenreich will statt einer von den USA dominierten "monopolaren" eine "multipolare Weltordnung". Man werde keine Weltordnung akzeptieren, in der ein "wichtiges Land wie die USA" alle Probleme allein lösen wolle, betonte Medwedew. Haupttrumpf Russlands seien dabei etwa die engen freundschaftlichen Beziehungen zur arabischen Welt, kommentierten Zeitungen in Moskau. Nach dem EU- Gipfel in Brüssel sah sich Russland als Sieger.

"Wir wollen wieder groß sein", beschrieb die Zeitung "Nowyje Iswestija" das in Russland verbreitete Gefühl, sich vom Westen nicht mehr Vorschriften machen zu lassen. Trotz des Drucks aus Brüssel und Washington lehnt Moskau es bisher außerdem ab, seine Streitkräfte aus den "Pufferzonen" auf georgischem Gebiet um Südossetien und Abchasien abzuziehen. Erst wenn genügend internationale Polizeikräfte und Militärbeobachter in den georgischen Regionen für Sicherheit sorgten, würden die russischen Soldaten gehen, hieß es in Moskau.

Das "Feindbild Russland"

Zur Entspannung der Lage fordert Russland, dass sich die NATO- Kriegsschiffe aus dem Schwarzen Meer zurückziehen. Seit Tagen wird in Moskau vermutet, dass US-Kriegsschiffe mit Hilfslieferungen neue Waffen nach Georgien gebracht hätten. Medien spekulierten zudem weiter, dass US-Geheimdienste den Konflikt im Südkaukasus geschürt hätten, um mit dem "Feindbild Russland" im Wahlkampf der regierenden republikanischen Partei neue Wähler zuzutreiben.

Die antirussische Stimmung in Georgien hatte mit dem Verbrennen russischer Fahnen in Tiflis und dem Abbruch diplomatischer Beziehungen zu Moskau zuletzt immer neue Höhepunkte erreicht. Angesichts der in Brüssel beschlossenen Unterstützung für Georgien kamen am Montag jedoch erstmals gemäßigtere Töne von der georgischen Führung: "Wir sind nicht die Feinde des russischen Volkes", sagte der georgische Präsident Michail Saakaschwili vor zehntausenden Demonstranten, die die "russischen Okkupanten" zum Rückzug aufriefen.

Ulf Mauder, dpa