Politik
Dienstag, 26. Mai 2009

Alles Käse?: EU-Wahlplakate fallen durch

Jörg Schurig

Die Parteien haben sich bei der Gestaltung ihrer Wahlplakate für die Europawahl am 7. Juni nicht mit Ruhm bekleckert. Das sagt auch etwas über Wichtigkeit der Wahl aus.

"Finanzhaie würden FDP wählen", meint die SPD.Wie attraktiv muss ein Wahlplakat sein? Auf keinen Fall so anziehend, dass Autofahrer deshalb Unfälle verursachen und auf diese Weise das dringend benötigte Wahlvolk dezimieren. Die Sprachforscherin Ruth Geier von der TU Chemnitz hat eine provokante These aufgestellt. "Politik muss heute angeboten werden wie etwas Kommerzielles, im Grunde ist es egal, ob eine Partei oder ein Stück Käse beworben wird", sagt die Wissenschaftlerin.

Gemeinsam mit Gerd Strohmeier, Inhaber der Professur Europäische Regierungssysteme im Vergleich, hat Geier Plakate mehrerer Parteien zur Europawahl am 7. Juni untersucht. Das Ergebnis ist ernüchternd: "Man sollte davon ausgehen, dass die Parteien aus vergangenen Fehlern lernen und die Plakatkampagnen immer besser werden. Aber was wir hier sehen, sind eher Rückschritte als Fortschritte." Wahlkampf sei in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Für die aktuellen Plakate gelte: "Es geht besser - und ist noch nicht mal unbedingt teuer."

CSU ohne Slogan

Das "Wir in Europa"-Motto der CDU hält Strohmeier für "sehr staatstragend und patriotisch". "Die Argumentation auf Textebene fehlt", sagt Geier. Mit dem "Wir" werde "Vergemeinschaftung" versucht. Aber: "Wer ist Wir?" Auch bei der CSU in Bayern sieht Strohmeier Defizite. Die Aussage "Nur wer CSU wählt, gibt Bayern eine eigene Stimme in Europa" sei kein Slogan. Die CSU wisse, dass es dieses Mal knapper als je zuvor werde. "Deshalb will sie dem Wähler klar machen, dass ohne sie die Stimme Bayerns verlorengeht."

Von der plakativen Schwäche der Union und ihrer Schwesterpartei scheinen die anderen nicht weit entfernt. Beispiel SPD: "Finanzhaie würden FDP wählen" bricht nach Ansicht von Geier zwar mit Standards und garantiert mehr Blickfang als anderes. Strohmeier findet die Kampagne aber "etwas billig und unseriös" - aber auch humorvoll. Die SPD falle damit aus der Reihe. Dass sie nun im weiteren Verlauf des Wahlkampfes die Negativ- durch Positiv-Werbung ersetze, zeige jedoch eine Erkenntnis: Negative Werbung allein ist nicht gewinnbringend.

"WUMS" der Grünen einprägsam

Angela Merkel setzt sich für ein "Wir in Europa" ein.Das "WUMS!" der Grünen halten die Plakat-Analysten aus Chemnitz durchaus für praktikabel, auch wenn die Erklärung für die Abkürzung (Wirtschaft & Umwelt, Menschlich & Sozial) erst im Kleingedruckten stehe. Insgesamt präge sich WUMS ein, sobald Personen auf den Plakaten seien, gehe der Effekt aber wieder verloren. Dadurch fehle der rote Faden, meint Strohmeier. Die Konzentration der FDP auf ihre Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin habe immerhin den Vorteil, dass der Wähler wisse, wen die Liberalen ins EU-Parlament schicken wollen.

Bei den Linken rätseln die Wissenschafter darüber, warum die Roten als Plakatfarbe blau gewählt haben: "Zum einen kann dadurch ein Bezug zu Europa beabsichtigt sein - blau ist nun mal die Europafarbe. Zum anderen kann das Ziel sein, nicht sofort als Die Linke "enttarnt" zu werden", mutmaßt Strohmeier. Geier hat an den Linken-Texten einen Vorteil erkannt: "Man versucht, die Aussagen konkret zu machen, nicht nur Probleme zu nennen, sondern auch Lösungen." Die Plakate seien nicht für Stammwähler gedacht, man wolle den Wechselwähler erreichen. "Sie sollen ihre Probleme wiederfinden", erläutert Geier. Die Empfänger der Botschaft müssten erfahren, "was sie davon haben".

Strohmeier geht davon aus, dass die Parteien den Europawahlkampf nicht ganz so ernst nehmen, weil es beispielsweise bei der Wahl zum Bundestag um viel mehr für sie geht. Deshalb rechnet er im Sommer mit mehr Ideen im plakativen Wahlkampf. Zugleich warnt er, diesen Punkt überzubewerten. "Ein Wahlkampf ohne Plakate ist schlechter zu gewinnen, mit Plakaten allein kann man aber auch nicht siegen."

Quelle: n-tv.de