"Man gilt nicht als Mensch"Flüchtlinge erzählen
"Man wird nicht als ein Mensch angesehen, sondern als etwas anderes: Als ein Flüchtling, ein Krimineller oder sonst was", sagt Zsuzsanna Perak, die 1998 von Serbien nach Ungarn floh.
Das Gefängnis in Eritrea und im Sudan, die Flucht durch die Sahara, fünf Tage auf dem Mittelmeer: "Das ist eine lange Geschichte", sagt Hadish Haile. Die Hände des schmalen 27-Jährigen zittern, wenn er von der Reise erzählt: "Viele starben auf dem Weg." Der junge Psychologe und seine schwangere Frau erreichten lebend die Insel Malta. Ihre Tochter kam dort vor acht Monaten zur Welt. Und doch fürchtet Haile um die Zukunft seiner kleinen Familie: "Ich lebe immer noch ohne dauerhaften Schutz."
In Brüssel, wo sonst Politiker und Beamte über europäische Asyl- und Flüchtlingsfragen entscheiden, berichteten zur Abwechslung einmal Betroffene wie Hadish Haile von ihren Erfahrungen. Der Europäische Rat für Flüchtlinge und Exilanten (ECRE) hatte sie eingeladen. "Diese Geschichten zeigen, wie sich die häufig abstrakten Entscheidungen der EU ganz konkret auf das Leben von Menschen auswirken", sagte Joana Gomes Cardoso von Amnesty International.
Haile erlebte die Unabhängigkeit Eritreas 1991 als Zwölfjähriger: "Seither herrscht dort eine absolute Diktatur", Parteien seien verboten. "Eine abweichende politische Meinung zu haben wird als Verbrechen angesehen", sagt der Flüchtling. Deshalb sei er verhaftet worden. "Als ich aus dem Gefängnis entkam, nahm man meinen Vater gefangen." Auch im benachbarten Sudan warteten die Schergen auf den Sohn: "Meine letzte Chance war es, die schreckliche Sahara zu durchqueren und in Libyen ans Mittelmeer zu kommen."
Doch auch Malta erwies sich keineswegs als gelobtes EU-Land. "Die Farbe meiner Haut wird von vielen Maltesern nicht akzeptiert", sagt der Afrikaner. Eine Erfahrung, die Prisca Ayuk aus Kamerun teilt: "Warum Österreich, warum kommst Du nach Österreich und gehst nicht woanders hin?", habe man sie im Zug angefaucht. Ein Arzt habe ihren Sohn nicht behandeln wollen, erzählt die 39-Jährige. Asylbewerber dürften nicht arbeiten und fänden auch nach ihrer Anerkennung nur schwer einen Job: "Ich suche verzweifelt nach Arbeit."
Manchmal ändert sich das Verhalten der Umwelt, obwohl die Hautfarbe gleich bleibt: "Erst wurde ich als intelligenter Student aus Afrika angesehen, der später einen wichtigen Posten in seiner Heimat einnehmen wird", erinnert sich der Sudanese Awad Gabir an seine Ankunft in Polen vor 20 Jahren. Dann änderte sich die Lage im Sudan - "wir verloren unsere Demokratie" - und Gabir beantragte Asyl. Die Meinung vieler Mitmenschen habe sich mit seinem Status geändert: "Oh mein Gott, er wird hier bleiben", hätten viele gedacht.
Abwehr und Misstrauen erlebte Zsuzsanna Perak selbst im eigenen Heimatland: Die heute 38-Jährige mit ungarischen Vorfahren floh mit ihrem kroatischen Mann 1998 aus Serbien nach Ungarn, weil der Gatte den serbischen Militärdienst verweigerte. Ungarisch ist Peraks Muttersprache, aber die ersten drei Jahre in Ungarn durfte sie nur in einem Flüchtlingslager leben.
"Man wird nicht als ein Mensch angesehen, sondern als etwas anderes: Als ein Flüchtling, ein Krimineller oder sonst was", erinnert sich die Mutter zweier Söhne. "Am Ende beginnt man, das zu glauben, denn man lebt nicht wie die Menschen draußen, hat keine Arbeit." Heute betreut die 38-Jährige als Sozialarbeiterin selbst Flüchtlinge - im gleichen Lager. Die Asylpolitik aber wird weiter in Brüssel gemacht: Vor allem von, wie ECRE-Generaldirektor Bjarte Vandvik aus eigener Erfahrung berichtet, "wohlhabenden weißen Männern Mitte 50".
(Roland Siegloff, dpa)