n-tv.de Interview"Ganze Dörfer wurden weggeschwemmt"
In der ehemaligen Hauptstadt Rangun ist vor allem die Wasserversorgung ein Problem. Weitaus schlimmer ist die Lage im Delta des Irrawady, berichtet Birke Herzbruch aus Rangun.
In der ehemaligen Hauptstadt Rangun ist vor allem die Wasserversorgung ein Problem. Weitaus schlimmer ist die Lage im Delta des Irrawady. Dort starben nach inoffiziellen Angaben bis zu 51.000 Menschen, 41.000 werden vermisst, berichtet Malteser-Mitarbeiterin Birke Herzbruch aus Rangun.
n-tv.de: Wie ist die Lebensmittelversorgung in Rangun?
Birke Herzbruch: Das größte Problem ist derzeit, dass das Trinkwasser knapp ist. Die Wasserleitungen funktionieren nicht, die Haushalte haben keinen Strom und keinen Diesel für die Generatoren. Die Lebensmittelpreise haben sich verdoppelt und verdreifacht. Es gibt noch Lebensmittel für die etwas besser Verdienenden. Ärmere sind auf Spenden angewiesen. Die müssen in Lebensmittelgeschäfte gehen und um Reis bitten.
Kommen denn Lebensmittel aus dem Ausland an?
Was Lebensmittelspenden angeht, muss man den buddhistischen Hintergrund sehen. Die Menschen teilen untereinander. Darüber hinaus verteilt das Welternährungsprogramm Lebensmittelrationen, gerade auch an Menschen, die nach dem verheerenden Desaster zu hunderten Unterschlupf gefunden haben in den Schulen und den Klöstern.
Kommt die Hilfe auch ins übrige Land?
Es gibt einige Organisationen, die schon seit Jahren in Myanmar tätig sind, und die auch die Möglichkeit hatten, Erkundigungen durchzuführen. Auch die Malteser sind bereits seit dem Jahr 2001 in Yangon selbst und in zwei weiteren Regionen des Landes tätig. Viele von der Katastrophe betroffene Regionen sind jedoch für die internationalen Hilfsorganisationen noch nicht zugänglich.
Was machen Sie derzeit an konkreter Arbeit?
Wir sind zwei internationale Mitarbeiter, aber wir haben 35 lokale Mitarbeiter, die schon seit Jahren unsere Projekte implementieren. Unsere nationalen Mitarbeiter haben Erkundungsmissionen in und um Yangon durchgeführt und auch die Erste Hilfe für die Verletzten sowie die Verteilung von Medikamenten und Wasseraufbereitungstabletten läuft über lokale Mitarbeiter. Das ist auch im Sinne der Hilfsorganisationen, um hier im Land Selbsthilfekapazitäten aufzubauen.
Sie selbst sind in Rangun unterwegs?
Unser Büro ist mitten in Yangon, unsere Projekte sind in der Stadt, in den sogenannten Slumgebieten, aber auch in den ländlichen Gebieten, die noch zu Yangon gehören.
Weiter raus dürfen Sie nicht fahren?
Es gibt Vereinbarungen zwischen der Regierung und den Nichtregierungsorganisation, in denen die Projektgebiete, in denen die Hilfsorganisation arbeitet, detailliert aufgezählt sind. Wenn ein internationaler Mitarbeiter in diese Gebiete reisen möchte, muss er vorher bei der Regierung eine Reisegenehmigung beantragen. Das heißt, wir brauchen sowohl für die innerstädtischen Bezirke als auch für Reisen innerhalb des Landes eine Reisegenehmigung der Regierung.
Aber die nationalen Mitarbeiter dürfen frei reisen?
Die nationalen Mitarbeiter dürfen frei reisen, ja.
Haben Sie von denen Berichte aus anderen Teilen des Landes über die Folgen des Zyklons?
Die schlimmsten Berichte kommen derzeit aus dem Flussdelta-Gebiet. Da wurden offenbar ganze Dörfer weggeschwemmt. Inoffiziell ist derzeit die Rede von bis zu 51.000 Toten und 41.000 vermissten Menschen, und das allein in einer Region, die von nur 150.000 Menschen besiedelt war. Die Lebensmittelsituation wird dort noch weitaus schlimmer sein als hier. Was auf jeden Fall fehlt, ist sauberes Trinkwasser, Planen für Notunterkünfte, Lebensmittel und medizinische Versorgung. Wir haben Berichte, dass in einem Dorf 3600 der insgesamt 4.000 Einwohner vermisst werden. Eine unserer Mitarbeiterinnen hat ihre gesamte Familie in Labutta verloren. Die Familie ist nicht aufzufinden, die Frau weiß nicht, ob ihre Angehörigen noch leben oder nicht. Das sind sehr traurige Einzelschicksale, die sich hier abspielen.
Indien hat erklärt, man habe die Regierung von Birma zwei Tage vor dem Eintreffen des Zyklons vor "Nargis" gewarnt. Können Sie dazu was sagen?
Dass ein Zyklon kommt, wussten zumindest die Nichtregierungsorganisationen. Was uns überraschend getroffen hat, war, dass der Zyklon über Yangon und das Irrawady-Delta hinweggefegt ist, und wir waren sehr überrascht von der Heftigkeit des Sturms. Wir hatten mit einer Kategorie 1 gerechnet. Was wir dann in der Nacht von Freitag auf Samstag erlebt haben, war Kategorie 3. Ich denke, dass die lokale Bevölkerung genauso überrascht worden ist wie wir.
Können Sie sich vorstellen, dass die Katastrophe langfristig zu einer Öffnung des Landes beitragen kann?
Es ist bestimmt eine Chance. Die Regierung ist ja in Verhandlungen mit den Vereinten Nationen, um einen modus operandi zu finden, dass man Hilfsgüter ins Land lässt, dass Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen kommen und hier arbeiten können. Ich denke, es besteht eine Chance, dass sich das Land öffnen kann.
Mit Birke Herzbruch sprach Hubertus Volmer