Wer steckt hinter dem Anschlag?"Handschrift von El Kaida"
"Die Handschrift von El Kaida ist klar zu erkennen", sagte Rolf Tophoven, Leiter des Essener Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik, eine Stunde nach dem Anschlag im ägyptischen Taucherparadies Dahab.
"Die Handschrift von El Kaida ist klar zu erkennen", sagte Rolf Tophoven, Leiter des Essener Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik, eine Stunde nach dem Anschlag im Taucherparadies Dahab an der Küste des Roten Meeres auf der Sinaihalbinsel. Drei zeitgleich explodierte Bomben an belebten Touristenorten zeugten von einem "hohen Maß an Professionalität", worüber erfahrungsgemäß Terroristen der El Kaida verfügen. Osama bin Ladens Aufruf nur einen Tag vor dem Anschlag im ägyptischen Badeort könnte ein weiteres Indiz sein. Bekanntlich nutzen Mitglieder von El Kaida elektronische Medien, darunter auch den Fernsehsender Al Dschasira, um ihren Kämpfern geheime Befehle zu erteilen.
El Kaida ist längst keine homogene Gruppe mehr mit Hauptquartier, Telefonnummer und Sprecher. Israelische Experten schlugen vor, vom "weltweiten Dschihad" (Heiliger Krieg) zu sprechen. Neben dem harten Kern gehören ihm auch lokale Gruppen mit El-Kaida-Ideologie, aber ohne Verbindung zu Osama bin Laden an.
Vermutlich steckte dieser weltweite Dschihad/El Kaida hinter den schweren Anschlägen in Taba im Dezember 2005 und in Scharm el Scheich im vergangenen Sommer. Israel behauptete, dass Kämpfer der El Kaida vor etwa einem Jahr vom Libanon aus Raketen auf Israel abgeschossen hätten, während normalerweise die Hisbollah oder palästinensische Organisationen dies tun. Jüngst hieß es in Israel, dass El Kaida-Mitglieder im Gazastreifen aufgetaucht seien. Das dürfte keine Propaganda sein, denn bei so vielen Brigaden, Märtyrern und anderen Heiligen Kriegern macht es eigentlich keinen Unterschied, ob sich auch noch El Kaida dazugesellt. Es ist bekannt, dass die Waffen für den Gazastreifen ausnahmslos durch die ägyptische Sinaihalbinsel geschmuggelt werden. Die fruchtbare Zusammenarbeit der Internationale des Terrors, darunter der Hamas und der Hisbollah, den Erfindern der nahöstlichen Selbstmordattentate, hat schon furchtbare Ergebnisse erzeugt.
Nach den Anschlägen in Taba und Scharm el Scheich hieß es, dass auch Palästinenser beteiligt waren. Aber die Ägypter haben trotz Massenverhaftungen unter den Beduinen sowie "Befragungen", die eher Folter glichen, nie veröffentlicht, wer hinter jenen Attacken stand. Vielleicht haben sie es auch nie herausgefunden. Selbst jetzt, fast einen Tag nach drei Explosionen in Dahab, schwankt in den ägyptischen Medien die Zahl der Toten immer noch zwischen 23 und 30. Ebenso ist weiterhin unklar, ob es sich um "Bomben in Plastiktüten" handelte oder um Selbstmordattentäter. In Israel hingegen weiß die Polizei nach wenigen Minuten, noch ehe die Toten gezählt sind, dass es ein Selbstmordattentäter war.
Wer immer hinter den Anschlägen in Dahab stand, muss sich ortskundiger Beduinen bedient haben. Unter ihnen gibt es "extremistische" Gruppen, die arbeitslos und frustriert sind über Vernachlässigung durch die Regierung in Kairo. Die freien Söhne der Wüste kennen kaum politische Loyalität, wissen aber um den Wert des Geldes. El Kaida könnte sie leicht "gekauft" haben.
Der verwendete Sprengstoff dürfte kaum aus alten Minen stammen, den Beduinen sammeln. Er könnte aus Beständen der ägyptischen Armee stammen oder er wurde von Saudi-Arabien nach Sinai geschmuggelt. Die Täter selber könnten über Jordanien eingereist sein, wo vor einigen Monaten Terroristen von El Kaida oder des aus Jordanien stammenden Top-Terroristen Sarkawi in drei Hotels ein Blutbad mit dutzenden Toten angerichtet haben.
"Die haben nicht einmal unsere Taschen durchsucht", kommentierte eine israelische Touristin die Behauptung der Ägypter über "besonders scharfe Kontrollen" an den Grenzen zum Sinai. Jordanien ist einerseits Opfer von Anschlägen und andererseits auch eine Drehscheibe für Terroristen. In der vergangenen Woche hat Jordanien den palästinensischen Außenminister Mahmud Sahar in letzter Minute ausgeladen, weil ein Versteck der Hamas mit Waffen und Sprengstoff gefunden worden war. Am Morgen nach dem Anschlag in Dahab gab Jordanien zudem die Verhaftung von Hamas-Terroristen bekannt, die im Auftrag der Hamas-Zentrale in Damaskus Attentate auf jordanische Persönlichkeiten oder auf "strategische Orte" verüben sollten. Ronen Bergmann hält in der israelischen Zeitung "Jedijot Achronot" die "Libysche Bande" für die wahrscheinlichsten Täter. Die Libyer, ehemalige Soldaten oder Kämpfer mit Ausbildung in Afghanistan, hätten in Zentralafrika und Mauretanien ihr Unwesen getrieben, seien aber auch in die vorigen Anschläge auf Sinai verwickelt gewesen. Der britische, französische und israelische Geheimdienst sind angeblich dieser Bande auf den Fersen, weil sie als "eine der gefährlichsten" gilt. Als weitere mögliche Täter gelten die ägyptischen Moslembrüder, die vom Mubarak-Regime verfolgt werden, oder ihre Gesinnungsgenossen im Gazastreifen, Kämpfer der Hamas. Dank der relativen Beruhigung des Konflikts mit Israel seien sie in letzter Zeit "arbeitslos" geworden.
Ulrich W. Sahm