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Schmerzhafter Aderlass für AfghanistanImmer mehr Junge fliehen

09.06.2009, 15:25 Uhr

Immer mehr Afghanen ziehen die Flucht in ein fremdes Land der ungewissen Zukunft im eigenen vor. Dabei braucht das kriegsgeplagte Land gerade junge, gut ausgebildete Afghanen für den Wiederaufbau.

Nur seine engste Familie weiß, wo Adschmal Mirwais wirklich arbeitet. Anderen Verwandten und Freunden erzählt der Afghane, er verdiene sein Geld bei einer Hilfsorganisation. Mirwais, der nicht wirklich so heißt, ist als Übersetzer bei den US-Truppen in Afghanistan angestellt, was ihn zum Ziel für die Taliban macht. Als Lohn für den lebensgefährlichen Job bekommt der 25-Jährige nicht nur Geld: Er hat inzwischen auch eine Green Card, eine Aufenthaltsgenehmigung für die USA. Bald wird Mirwais gemeinsam mit seiner Ehefrau und Tochter seine Heimat verlassen. Dann wird er zur wachsenden Zahl jener Afghanen gehören, die die Flucht in ein fremdes Land einer ungewissen Zukunft vorziehen.

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Wahplakate hängen in Kabul: Immer mehr junge Menschen verlassen Afghanistan, um ihr Glück in der Fremde zu suchen. (Foto: AP)

Es ist ein schmerzhafter Aderlass für das kriegsgeplagte Land, das gerade junge, gut ausgebildete Afghanen dringend für den Wiederaufbau benötigt. "Die Armut, die Arbeitslosigkeit und die Unsicherheit über eine bessere Zukunft treiben viele junge Afghanen dazu, aus ihrem Land zu fliehen", sagt ein afghanischer Mitarbeiter der Vereinten Nationen, der ungenannt bleiben möchte. "Wann immer sie eine Chance dazu haben, werden sie sie ergreifen."

Die allerwenigsten Fluchtwilligen haben eine der begehrten Green Cards. Manche wenden sich in ihrer Verzweiflung an teure illegale Schleuser. Ein junger Afghane berichtet, er habe das Angebot bekommen, seine sechsköpfige Familie illegal nach Australien bringen zu lassen - für 70.000 Dollar. Zwar kommen auch Afghanen aus dem Exil zurück. Vor allem handelt es sich um Geschäftsleute, die neben dem afghanischen einen westlichen Pass haben, mit dem sie sich im Ernstfall wieder in ihrer zweiten Heimat niederlassen können. Doch selbst Mitarbeiter der afghanischen Regierung, Prominente und Sportler ergreifen die Flucht.

Von der Bürokratie ausgebremst

Im vergangenen Jahr setzte sich ein Mitarbeiter der Pressestelle des Präsidenten bei einer USA-Reise von Hamid Karsai aus der Delegation ab, inzwischen lebt er in Kanada - das Land genießt bei Afghanen wegen seiner liberalen Asylpolitik einen guten Ruf. Anfang des Jahres beschloss ein bekannter afghanischer Fernsehmoderator, von einer USA-Reise nicht mehr zurückzukehren. Mitte Februar flohen drei Spieler und der Cheftrainer der U-16-Fußball-Nationalmannschaft: Die Afghanen verschwanden aus einem Trainingslager in Baden-Württemberg und tauchten unter.

Wegen der Fluchtgefahr vergeben westliche Botschaften immer zögerlicher Visa für junge Afghanen, was wiederum die Arbeit der Hilfsorganisationen erschwert. "Wir haben einen Punkt erreicht, an dem man kaum noch Mitarbeiter für Seminare ins Ausland schicken kann", sagt Rosemary Stasek, die die Frauen-Hilfsorganisation "A Little Help" in Kabul leitet. Die Amerikanerin zeigt Verständnis für die Fluchttendenzen. "Wäre ich eine 20 Jahre alte Afghanin und würde mir meine Zukunftsaussichten ausmalen, würde ich alles dafür geben, nach Kanada zu gelangen." Das habe weniger mit der Sicherheitslage zu tun. "Junge Menschen haben hier keine Chance." Qualifizierte und motivierte Afghanen würden von der Bürokratie ausgebremst.

Angst vor der Zukunft

Das beklagt auch Mirwais, der fließend Englisch spricht und einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften vorzuweisen hat. "Viele Menschen arbeiten im öffentlichen Dienst, obwohl sie nie eine Schule besucht haben. Trotzdem bekleiden sie verantwortungsvolle Positionen, weil sie jemanden in der Regierung kennen", sagt er. "Die Regierung kümmert sich nicht um die jungen Menschen. Sie verliert die junge gebildete Generation." Er liebe sein Land, sehe für sich dort aber keine Zukunft. Obwohl die US-Truppen immer unbeliebter werden, warteten landesweit 1500 Bewerber auf einen Übersetzer-Job, sagt Mirwais. "Sie alle wollen die Green Card." Alleine aus der US-Basis, auf der er arbeitet, seien seit Beginn des Green-Card-Programms 2007 mehr als 100 qualifizierte junge Afghanen in die USA ausgewandert.

Von den 50 ausgewanderten Kollegen, die er kenne, seien nicht mehr als fünf glücklich in den USA geworden, sagt Mirwais. Nach sechs Monaten laufe die staatliche Unterstützung aus, dann müsse man jeden Job annehmen, den man bekommen könne. Die Flüchtlinge, manche davon seien Ärzte, arbeiteten nun beispielsweise als Angestellte in Einkaufszentren. Mirwais selber war bereits in Amerika, um die Green Card zu bekommen. "Ich mochte die USA überhaupt nicht", sagt er. Man sei dort alleine. "Ich habe Angst. Wie werde ich dort mein Leben aufbauen?" Größer als die Angst sei aber die Sorge, dass sich die Lage in Afghanistan weiter verschlechtere. "Würde hier Frieden herrschen", sagt Mirwais, "würde ich niemals in die USA gehen."

Quelle: Can Merey, dpa