Donnerstag, 13. Juli 2006
Düstere Aussichten: Israel vom Krieg überrascht
von Ulrich W. Sahm
"Israel soll ein Land sein, in dem das Leben Spaß macht." Mit diesen Worten hatte Ehud Olmert nach dem Hirnschlag seines Vorgängers Ariel Scharon den Wahlkampf betrieben und gesiegt. Die politische Landschaft wirkte rosig. Die schreckliche Intifada mit täglichen Selbstmordattentaten schien vorüber. Der Sperrwall mit Zaun und Mauer hielt mehr oder weniger, was die Israelis sich davon versprachen. Attentäter hatten kaum noch eine Chance, nach Israel einzudringen.
Auch die "Tahdija", eine unter den Palästinenser intern ausgehandelte "Ruhepause" hielt mehr oder weniger. Störend waren die von Gaza abgeschossenen Kassamraketen. Zum Glück konnten die nicht richtig zielen und richteten kaum Schaden an. Entlang der Grenze zu Libanon herrschte im Prinzip seit Israels Rückzug aus dem Süden des Landes im Mai 2000 gespannte Ruhe. Alle paar Monate kam es zu plötzlichen Zwischenfällen, die aber ebenso schnell endeten, wie sie ausbrachen.
So konnte Olmert sich voll auf das Projekt der "Konvergenz" stürzen, wie der von Scharon in Angriff genommene Rückzug aus den besetzten Gebieten genannt wurde. Das Ziel war, befreit von störenden Palästinensern, zurückgezogen hinter sicheren Grenzen ein normales Leben führen zu können.
Innerhalb weniger Tage platzten die frommen Träume. Hamas-Kämpfer im Gazastreifen hatten in wochenlanger Arbeit einen Tunnel unter den Grenzzaun gegraben, griffen eine Militärstellung auf israelischem Boden an und entführten einen Soldaten. Die schon eine Woche zuvor geplante israelische Invasion in den Gazastreifen, um den Raketenbeschuss zu stoppen, konnte augenblicklich beginnen. Und während die "Operation Sommerregen" im Gazastreifen lief, wurden die Israelis von der Hisbollah mit einem ebenfalls lange im Voraus geplanten und bestens konzipierten Angriff völlig überrascht.
Entlang der Grenze war zuvor alles so ruhig gewesen, dass Israel die Alarmstufe herabsetzte und anstelle von Panzern nun Humvey-Jeeps für die Patrouillen einsetzte, teilweise nur wenige Meter von Hisbollahstellungen jenseits des Stacheldrahts entfernt. Die Hisbollah nutzte das aus und griff die Jeeps in einem nicht mit Kameras gesicherten Grenzgebiet an. Die israelische Armee benötigte über eine Stunde, bis sie auf die Verschleppung reagierte, viel zu spät, um sich den Entführern auf die Fersen zu setzen.
Die Hisbollah hatte dazu mit Katjuscharaketen entlang der gesamten Grenze vom Mittelmeer bis Kirjat Schmone ein Ablenkungsmanöver gestartet. Die peinliche Schlappe, nur zwei Wochen nach der anderen Schlappe, als Hamaskämpfer in ihren Panzern schlafende Soldaten an der Grenze zu Gaza von hinten angriffen, löste bei Israels noch unerfahrenen Ministern einen starken Willen zur harten Reaktion aus. Der vom Gewerkschaftsführer zum Verteidigungsminister mutierte Amir Peretz, eigentlich ein Populist linker Sozialpolitik, übte sich als Befehlshaber der mächtigen Armee.
Auch Ministerpräsident Olmert hat keine Militärkarriere hinter sich. Doch der Beschluss, auf die Attacken der Hamas und der Hisbollah mit militärischer Härte zu antworten, ist letztlich das Ergebnis einer politischen Einschätzung. Denn nur für die Ausführung sorgen die Militärs. Die haben in ihren Schubladen vorbereitete Angriffspläne für jede denkbare Lage parat, die sie den Politikern vorlegen können. So wurde die "Operation gebührender Lohn" befohlen. Nach dem Scheitern der Osloer Verträge und nach dem völligen Rückzug aus Libanon gab es für Israel keinen Grund mehr für politische Zurückhaltung. Ob die jetzige Politik der Militärschläge allerdings tatsächlich die gewünschten Erfolge bringen wird, wagt in Israel noch niemand klar zu beantworten.
Die erste Stufe sieht eine Rundumbelagerung des Libanon vor. In der Nacht rissen Bomben tiefe Krater in die beiden Startbahnen des einzigen internationalen Flughafens, im Süden von Beirut. Die israelische Marine kreuzt in den Küstengewässern. Bei Baalbeck soll sich offenbar die Luftwaffe "um die Straße nach Damaskus bei Masnaa, dem Tor zur Hölle, kümmern". Gleichzeitig versucht Israel, die Hisbollah zum Schweigen zu bringen. So wurden Sendeanlagen von El Manar, dem Fernsehsender der Iran-nahestehenden Miliz, zerstört. Der terrestrische Empfang wurde unterbrochen, aber über Satellit ist Al Manar - das Frankreich wegen antisemitischer Hetze aus dem europäischen Netz entfernt hat - noch zu empfangen.
Weitere Phasen sollen folgen, solange der Libanon nicht reagiere und seine Souveränität wahrnehme. Bis dahin will Israel mit militärischen Mitteln die Hisbollah vom Grenzgebiet in Richtung Norden verdrängen. Die israelischen Aktionen seien zeitlich nicht begrenzt, heißt es. Und ob auch Kraftwerke und Prestigeobjekte in Beirut auf der Liste künftiger israelischer Militärziele stehen, wurde nicht verraten. "Zehn Jahre lang haben wir in einer Illusion eines Friedens hier wunderbar gelebt" sagte traurig ein Israeli aus Schtulah, der bis Mittwoch Zimmer an Touristen vermietete. Jetzt sind sie alle geflohen.
Aber auch Beirut hat eine zehnjährige Periode des Aufbaus und wirtschaftlichen Aufschwungs erlebt. Nicht nur in Tel Aviv dürften jetzt die Kurse einbrechen. Wieder blicken die Manager der lukrativen Tourismusindustrie in beiden Ländern in eine düstere Zukunft.
