Die Festung AbbruzzenItalien vor dem G8-Gipfel
Vor dem G8-Gipfel in L'Aquila ist die Angst vor einem zweiten Genua groß. Zehntausende Sicherheitskräfte sollen für Sicherheit in der Region sorgen, die erst vor drei Monaten von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht wurde. Denn Berlusconi kann sich kein weiteres Debakel leisten.
Kein Meter bleibt an den Straßen nach L'Aquila in den Abruzzen unbewacht. Gepanzert warten Roms Flughäfen Fiumicino, Pratica di Mare und Ciampino auf die Spitzen der Welt, allen voran auf US-Präsident Barack Obama. Im Himmel über der Bergregion darf sich kein Privatflugzeug zeigen, auch kein ultraleichtes - denn dann wird die auf solche Flieger angesetzte Militärmaschine "Interceptor MB339" aktiv. Derweil schützt eine Rote Zone in Coppito bei L'Aquila die, um die es geht - die großen Acht und ihre Delegationen. Nach dem Erdbeben im April wochenlang geschlossen, müssen jetzt 80 Geschäfte entlang der Fahrroute aus Sicherheitsgründen erneut dichtmachen.
So gut dies im Handumdrehen möglich war hat Italien für den G8-Gipfel die Abruzzen im Schatten des 2914 Meter hohen Gran Sasso in eine Festung verwandelt. Einfach war es nicht, denn alles musste sehr schnell gehen: Erst vor knapp drei Monaten, nach dem verheerenden Erdbeben vom 6. April, entschied Regierungschef Silvio Berlusconi, das Spitzentreffen ausgerechnet in die Gefahrenregion zu verlegen. Also musste auch ein Evakuierungsplan für den Beben-Ernstfall her.
Unangenehme Erinnerung an 2001
Mögliches Ziel von Terroristen zu sein, das ist das eine. Was den "Stiefel" aber in ebenso hohe Alarmbereitschaft versetzt, dass ist das Katz- und Maus-Spiel, das Demonstranten für die Gipfeltage von den Abruzzen über Rom bis nach Palermo im Auge haben. "Blitzaktionen" bereiten die "No global" vor, um den versammelten Staatenlenkern ihre Meinung zu Globalisierung und Weltwirtschaftskrise zu demonstrieren.
Klar, dass für alle, die in Italien für Sicherheit sorgen, in den schönsten Sommertagen jetzt Urlaubssperre gilt. Zehntausende sind als Sicherheitskräfte im Land abgeordnet, um für Schutz und Ordnung zu sorgen. Denn eine Furcht geht um, die vor gewalttätigen "Schwarzen Blocks". Und eine höchst unangenehme Erinnerung haben alle vor Augen, nämlich die an Berlusconis letzten G8-Gipfel 2001 in der ligurischen Metropole Genua: Brutal prügelnde Polizisten, hunderte Verletzte, ein Demonstrant tot, nächtliche Überfälle auf Quartiere der G8-Gegner.
Berlusconis bekannter Optimismus, alles werde gut gehen, kann hässliche Fernsehbilder im Zweifelsfall sicherlich nicht verhindern. Die pittoreske Insel La Maddalena vor der Nordostküste Sardiniens hatte sich der Cavaliere zunächst auch aus Sicherheitsgründen, das "Trauma Genua" vor Augen, für den Gipfel ausgesucht. Doch nach dem Erdbeben hat L'Aquila die Ehre. Ein riesiges Ausbildungszentrum der Finanzpolizei nur ein paar Kilometer von L'Aquila entfernt, ließ sich als G8-Herberge gut und weiträumig abriegeln. Dort droht kaum Gefahr.
Hoffnung auf ein "sensibles" Verhalten
Allen scheint bewusst, dass Genua total schiefgegangen ist. Und sie hoffen somit auf ein "sensibles" Verhalten der Polizei wie auch der nicht zur Gewalt neigenden Globalisierungskritiker. Italien hat das Schengener Abkommen der offenen Grenzen außer Kraft gesetzt, um die Anreise der auf gewalttätigen Zoff geeichten "Schwarzen Blocks" aus den Nachbarländern zu verhindern. "Es wird kein zweites Genua geben", so beschwören Demo-Organisatoren und Ordnungskräfte unisono. Angesichts Dutzender Kundgebungen mit möglicher Infiltration kann die Anspannung aber nur groß bleiben. Die Globalisierungkritiker mischen sich mit organisierten Betroffenen der geschundenen Abruzzen, die zuvor auch schon in Rom für raschere Hilfe demonstriert hatten.
Auch versuchte der Regierungschef, nicht zuletzt Obamas Secret Service so zu beruhigen: Es werde doch wohl niemand wagen, in dem teils in Schutt und Asche liegenden L'Aquila auf den Putz zu hauen. Doch da könnte er sich sehr wohl täuschen. Zumindest wird in und um L'Aquila demonstriert: "Wir dürfen nicht in die Falle gehen, darauf zu verzichten, nur weil der Gipfel in L'Aquila ist", erklärt Vincenzo Miliucci von der globalisierungskritischen Cobas-Gewerkschaft. Eine Region, ein ganzes Land wird den Atem anhalten während er Gipfeltage. Allen voran der Ministerpräsident, der sich nach dem G8 von Genua und seinen jüngsten Privataffären kaum ein Abruzzen-Debakel leisten kann.