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Dossier

Dienstag, 14. Juli 2009

Grausames Ritual: Kampf gegen Genitalverstümmelung

Die Beschneidung hat in vielen Ländern Afrikas eine lange Tradition, die Mädchen auf ihre Rolle als Frau und Mutter vorbereiten soll. Doch viele erleben das danach nicht mehr.
Frauenrechtlerin Rugiatu Turay kämpft in ihrer Heimat Sierra Leone gegen das Ritual der Genitalverstümmelung.

Frauenrechtlerin Rugiatu Turay kämpft in ihrer Heimat Sierra Leone gegen das Ritual der Genitalverstümmelung.
(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ihre Arbeit hat ihr bereits Todesdrohungen eingebracht. Dabei will Rugiatu Turay Mädchen helfen, die von einem grausamen Ritual bedroht sind: von Genitalverstümmelung. Doch in ihrer Heimat Sierra Leone ist das Thema wie in vielen Ländern Afrikas tabu. Niemand darf über die jahrtausendealte Praxis sprechen, von der jeden Tag weltweit 8000 Mädchen bedroht sind. Doch die 32-Jährige wollte vor dieser Ungerechtigkeit nicht länger die Augen schließen: 2003 gründete sie die Frauenrechtsorganisation Amazonian Initiative Movement (AIM), die gegen die Beschneidung kämpft. "Es ist mein Herzenswunsch, Mädchen vor der brutalen Genitalverstümmelung zu bewahren, die ich selbst durchlebt habe", sagt Turay.

Rugiatu Turay war zwölf Jahre alt, als sie Opfer des Rituals wurde, bei dem Frauen und Mädchen mit Messern und Rasierklingen die Klitoris und die Schamlippen entfernt werden. Zehn Tage nach dem Tod ihrer Mutter wurde sie mit ihren Schwestern und Cousinen an einen abgelegenen Ort geführt. "Wir freuten uns. Wir wussten ja nicht, was auf uns zukam. Wir dachten, wir machen einen Ausflug", erzählt Turay bewegt im Hamburger Büro der Kinderhilfsorganisation Plan International, die ihre Organisation AIM unterstützt. "Es war entsetzlich. Meine Schwester lag schreiend auf dem Boden. Mir wurden die Augen verbunden. Ich wehrte mich mit all meinen Kräften, da meine Mutter mir gesagt hatte, dass niemand mich dort berühren darf."

Beschneiderinnen müssen überzeugt werden

Sieben Tage lang konnte sie nicht laufen, da sie viel Blut verloren hatte. Da sie nicht ins Krankenhaus gebracht wurde, wäre Turay beinahe gestorben. "Ich flüchtete zu meinem Vater und zeigte ihm meine Wunden", erzählt sie. Doch der habe ihr nicht helfen können. "Es ist fast unmöglich, darüber zu sprechen. Sie wollen, dass du Angst hast. Aber ich habe keine Angst", sagt sie stolz. Mit "Sie" meint Turay die Poro-Männer, eine Art Geheimbund, der in Sierra Leone sehr viel Macht besitzt. Mit Zaubergegenständen, die sie vor ihrem Haus ablegten, wollten die Poro-Männer Turay einschüchtern. Aber sie ging zur Polizei und fragte den Chef der Poro: "Wenn jemand dein Kind töten will, was würdest Du tun?"

Weltweit sind 8000 Mädchen bedroht.

Weltweit sind 8000 Mädchen bedroht.
(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Beschneidung hat in vielen Ländern Afrikas eine lange Tradition, die Mädchen auf ihre Rolle als Frau und Mutter vorbereiten soll. Oft wird sie mit dem Islam in Zusammenhang gebracht, aber weder der Koran noch die Bibel fordern sie. Unbeschnittene Mädchen gelten als "unrein". Die Beschneiderinnen genießen hohes Ansehen und haben ein gutes Einkommen. Daher versucht AIM, sie nicht öffentlich bloß zu stellen, sondern durch Überzeugungsarbeit ins Boot zu holen. "Wir klären sie über die Folgen der Genitalverstümmelung auf und bieten ihnen eine Einkommensalternative", sagt Turay. Auch den Poro-Chef konnte sie mittlerweile überzeugen: Sie zeigte ihm ein Video von einer weiblichen Genitalverstümmelung.

Viele fliehen vor der Beschneidung

Daneben bietet AIM über Plan International Menschenrechtsseminare in Schulen an, in denen Kinder über ihre Rechte aufgeklärt werden. So wissen immer mehr Mädchen über die verheerenden Folgen der Genitalverstümmelung. Da sie aber oft gegen die Macht der Behörden, der Beschneiderinnen und den Druck ihrer Familien nichts ausrichten können, bleibt vielen nur die Flucht. "Seit 2005 hatten wir jedes Jahr mindestens drei Mädchen, die vor der Genitalverstümmelung geflohen sind", sagt Turay. Sie fanden Schutz in einem Zentrum von AIM in Guinea, zwei von ihnen wohnen in Turays Haus in ihrem Heimatdorf Lunsar. "Mit Hilfe von Spenden wollen wir auch dort ein Frauenhaus errichten", hofft Turay.

Carola Große-Wilde, dpa

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