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Korruption und SkandaleKaterstimmung in China

18.09.2008, 11:00 Uhr

Nach sechs Wochen sportlicher Erfolge und grandioser Feiern erwacht Chinas Milliardenvolk in der ernüchternden Realität.

Nach sechs Wochen sportlicher Erfolge und grandioser Feiern erwachte Chinas Milliardenvolk in der ernüchternden Realität. "Die Paralympics in Peking enden mit Pracht, während China einer strahlenden Zukunft entgegenblickt", verkündete die kommunistische Propaganda noch gewohnt großspurig. Doch herrscht Katerstimmung: Nicht nur weil der olympische und paralympische Traum vorbei ist, sondern auch weil der Skandal um giftiges Babymilchpulver und mehr als 6000 erkrankte Säuglinge das Volk schmerzlich daran erinnerte, dass in China doch nicht alles so rosig ist, wie die perfekt organisierten Spiele vorgegeben hatten. Die Regierung hastet von einer Krisensitzung zur nächsten, muss einen Skandal erklären, der - auch wegen Olympia und Paralympics - viel zu lange vertuscht wurde und kein gutes Licht auf das System wirft.

Besorgte Eltern belagern zu Tausenden mit ihren Säuglingen auf den Armen die Krankenhäuser in der Hauptstadt und anderswo, um sie auf Nierenschäden untersuchen zu lassen. Milchpulver von bislang schon 22 Herstellern soll die verbotene Chemikalie Melamin enthalten haben. Es ist ein industrielles Bindemittel, mit dem minderwertige Milch künstlich aufgebessert werden kann, was offenbar eine allseits bekannte Praxis in einer geldgierigen Milchindustrie war. Die Enthüllungen erschüttern auch einmal mehr das Vertrauen des Volkes in die staatlichen Aufsichtsbehörden, die im Boom der chinesischen Nahrungsmittelindustrie angesichts von Korruption und Vetternwirtschaft immer wieder versagen und Teil des Problems sind.

Ausnahmezustand beendet

Während einerseits Ernüchterung einsetzt, ist andererseits aber unter den 17 Millionen Pekingern auch Erleichterung zu spüren. Zwei Monate Ausnahmezustand gehen zu Ende. Ab dem Wochenende können die Pekinger wieder jeden Tag ihr Auto benutzen, das während der Spiele je nach Nummernschild an geraden oder ungeraden Tagen stehen bleiben musste. Viele Betriebe nehmen die Arbeit wieder auf. Angestellte können ihren unbezahlten Urlaub beenden. Die Wanderarbeiter kehren in die Stadt zurück und die Baustellen fangen wieder mit der Arbeit an. Das "Aufatmen" wird allerdings nur von kurzer Dauer sein. Denn statt blauen Himmels und freier Straßen wird die Luftverschmutzung wieder die Metropole einhüllen und der Verkehr im Schneckentempo kriechen.

Viele fragen sich auch, was aus den großen Sportstätten wird und ob Peking das gleiche Schicksal wie frühere Olympia-Gastgeber ereilt, die die Stadien nicht mehr füllen konnten. Es wird wohl Jahrzehnte dauern, bis sich das "Vogelnest" genannte Nationalstadion oder der "Wasserwürfel" für die Schwimmwettbewerbe rechnen. Das Schwimmzentrum wird zu einem Spaßbad umgebaut. Das 91.000 Besucher fassende Stadion wird die Heimat des Pekinger Fußballclubs "Guo'an" und soll künftig auch für Konzerte zur Verfügung stehen. Es wird noch um eine Einkaufsplaza ergänzt. Beide Wettkampfstätten wollen auch über Lizenz rechte für die werbeträchtige Benutzung ihrer Namen Geld verdienen, solange der olympische Glanz noch strahlt.

Die wahren Zahlen kennt niemand. Die Stadtregierung beziffert die Kosten für den Bau der zwölf ständigen und acht temporären Sportstätten auf umgerechnet 1,3 Milliarden Euro beziffert. Vielfach stecken allerdings staatliche Konzerne dahinter, die nicht unbedingt oder überall nach marktwirtschaftlichen Kriterien funktionieren. Auch sind viele Sportstätten Teil von Universitäten, die sie weiter nutzen werden. Aus dem Hauptpressezentrum am Olympia-Park wird künftig ein Tagungszentrum mit Hotels. Das benachbarte, große Gebäude für die Fernsehsender aus aller Welt wird als Ausstellungszentrum dienen. Und eine Kooperation mit der amerikanischen Basketball-Liga NBA soll der Sporthalle in Wukesong eine Zukunft bescheren. Die Wohnungen im olympischen Dorf sind zu 70 Prozent verkauft. Der Rest steht für das Doppelte des Marktwertes anderer Wohnungen in der Gegend zum Verkauf und sucht spekulationsfreudige Abnehmer.

Andreas Landwehr, dpa