Donnerstag, 27. Oktober 2005
Irans Atomprogramm: Keine Militäroption für Israel
Iran will die Atombombe besitzen, um seine Überlebensfähigkeit gegenüber Feinden wie Pakistan, Israel und den USA zu festigen. Es will seine Position als Regionalmacht klarstellen und seine Abschreckungsfähigkeit stärken. So analysiert ein Israeli die Ziele des Iran. Dessen Name und Funktion dürfen hier nicht preisgegeben werden. Er sitzt in einem der bestgeschützten Büros mitten in Tel Aviv: "Die Iraner wollen lieber ein Nordkorea und nicht ein Irak sein."
Für den Experten seien der Status und das Ausmaß des militärischen Atomprogramms Teherans "unbekannt". Er behauptet, dass das zivile Programm der Deckmantel für militärische Bestrebungen sei. Dabei nennt er während des zweistündigen Gesprächs immer nur die Installationen in Isfahan und Natanz, während der von Siemens aufgebaute und von den Russen fertig gestellte Reaktor in Buscheir nur gestreift wird. "Wir verdächtigen Iran, auch Produktionsstätten an geheimen Orten zu besitzen. Eine Bombardierung von Isfahan oder Natanz hätte keine deterministische Wirkung, das Programm zu stoppen."
Der Israeli erklärt drei handverlesenen Journalisten, dass Uranium für zivilen Gebrauch nur auf zwei bis drei Prozent angereichert werden müsse. Der Rohstoff UF6 müsse jedoch auf 93 Prozent angereichert werden, um bombenfähig zu sein. Das technische Know-how dazu könne man sich bei zivilen Atomanlagen aneignen. Die wissenschaftlichen Experimente könnten mit einer Zentrifuge gemacht werden, "die auf meinen Schreibtisch passt ". Um jedoch ausreichend spaltbares Material für den Bau einer Atombombe zu erhalten, benötige es "eines Wasserfalls von dreitausend Zentrifugen". Gemäß verfügbaren Informationen, deren Quellen er nicht nennen wollte, verfüge Iran noch nicht über eine derartige Fabrik. Doch seien die technischen und wissenschaftlichen Voraussetzungen dazu in Isfahan und Natanz "bald abgeschlossen, zumal Iran nach gescheiterten Gesprächen mit den Europäern im August die Anreicherung von Uran in Natanz erneuert hat".
Auch Europa potenzielles Ziel
Der "Flaschenhals" sei die Verfügbarkeit von bombenfähigem Material. Die notwendigen Flugzeuge oder Raketen mit ausreichender Tragfähigkeit und Reichweite könnte Iran innerhalb absehbarer entwickeln. Eine Atombombe wiege zwischen 750 und 1.000 Kilo und für die Strecke von Iran nach Tel Aviv benötige Iran eine Rakete, die dieses Gewicht tragen und 1.300 Kilometer weit fliegen könne. Mit weiter entwickelten Raketen würde auch Zentraleuropa zum potenziellen Ziel.
Der Israeli sagt, dass Iran "nicht suizidal" sei. Das Land habe finanzielle, politische und technologische Interessen. Teheran wolle deshalb verhindern, dass der mit den drei europäischen Ländern ausgetragene Streit, England, Deutschland und Frankreich, nicht in den UN-Sicherheitsrat gelange, wo eine Verurteilung und Sanktionen drohten. "Iran scheiterte, Europa vom iranischen Recht auf einen vollen Anreicherungszyklus zu überzeugen." Weil aber die Europäer den Iran bei "Lügen" erwischt hätten und Teheran im Nachhinein "verbotene Aktivitäten" eingestehen musste, wollte die EU dem Iran dieses "Recht" nicht zugestehen. Trotz europäischen Einspruchs habe Teheran die Uran-Anreicherung in in Natanz und Isfahan wieder aufgenommen.
Gemeinsames Vorgehen erforderlich
"Wir glauben, dass der diplomatische Weg am attraktivsten ist. Wir gehen nicht davon aus, dass Iran eine Konfrontation mit der internationalen Gemeinschaft wünscht ", sagt der Israeli. Voraussetzung sei allerdings ein enges Zusammengehen der Europäer mit den Amerikanern, die im schlimmsten Fall auch einen militärischen Schlag androhen könnten.
Die abweichenden Einschätzungen über den Zeitpunkt der Bombenfähigkeit Irans liegen an unterschiedlichen Maßstäben der Berechnung. Israels Geheimdienstchef Zeev Farkasch redet vom "Punkt ohne Rückkehr", den Iran schon innerhalb von wenigen Monaten erreiche, nämlich sowie die Fähigkeit zur Anreicherung von spaltbarem Material erreicht sei. Andere Israelis reden von "zwei Jahren", wobei sie allein die kürzeste Zeit für die rein technische Fähigkeit zum Bau einer A-Bombe in Betracht ziehen. Die amerikanische Atombehörde nennt 2008 oder 2015 als Stichtag, weil sie neben technologischen Hindernissen auch politische Verzögerungen einbezieht. Das britische "International Institute for Strategic Studies" glaubt, dass Iran in fünf Jahren ausreichend spaltbares Material für den Bau einer ersten A-Bombe besitzen werde.
Die Wahl von Mahmud Ahmadinedschad zum Präsidenten bereitet den Israelis besondere Sorgen, obgleich er nicht allein das Sagen im Iran habe: "Die Kombination einer radikalen Ideologie und Atomwaffen ist sehr gefährlich." Iran sei ein "aggressiver" Staat, der die Hisbollah im Libanon und extremistische palästinensische Organisationen unterstütze, mit Waffen versorge und im Terrorkampf gegen Israel ausbilde.
Ulrich W. Sahm